Nach Vergewaltigung: Auch Männer dürfen Opfer sein

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8. Juli 2016 - 8:37 Uhr

Von Sarah Herpertz

"Ein Mann ist stark. Er kann und muss sich überall zur Wehr setzen. Folglich kann ein Mann also gar nicht vergewaltigt werden", so beschreibt Bianca Biwer das, was die Mehrheit der Gesellschaft fälschlicherweise denkt – mit fatalen Folgen. Bianca Biwer ist Geschäftsführerin vom 'WEISSEN RING', einer Seelsorgestelle für Kriminalitätsopfer, und weiß, wie schwer es männliche Vergewaltigungsopfer in der Öffentlichkeit haben.

In Schweden wurde vor kurzer Zeit eine Notfallambulanz speziell für männliche Vergewaltigungsopfer eröffnet. Dafür bekam das Land große mediale Aufmerksamkeit, denn eine Ambulanz, die sich speziell um männliche Opfer kümmert, ist selten – viel zu selten. In Deutschland gibt es weder Notfallstationen noch Seelsorgestellen, die sich ausschließlich auf Männer spezialisiert haben. Seelsorgeangebote für Frauen gibt es hingegen ausreichend. Für Bianca Biwer ist dieses Missverhältnis der Abgleich des gesellschaftlichen Denkens: "Das Thema Vergewaltigungen von Frauen ist in der Öffentlichkeit präsent. Es herrscht ein Problembewusstsein – und so gibt es auch dementsprechend viele Versorgungsangebote und Anlaufstellen für Frauen."

Bei Männern sieht das jedoch ganz anders aus. Die Vergewaltigung von Männern sei mit einem Tabu belegt, da Fehl-Vorstellungen und falsche Rollenbilder vorherrschten. Es sei also weniger Problembewusstsein vorhanden, weshalb über die Einrichtung von Hilfsangeboten und Anlaufstationen explizit für Männer weniger nachgedacht werde. "Aus diesem Kreis auszubrechen, ist schwierig", so die Expertin. Es ist jedoch falsch Vergewaltigungen nur mit weiblichen Opfern zu assoziieren.

332 männliche Opfer im letzten Jahr

Von den 6.264 Vergewaltigungsopfern, die letztes Jahr bei der Polizei erfasst wurden, waren 5.932 weiblich und 332 männlich. Erschreckende Zahlen zeigen, dass Männer sich im Gegensatz zu Frauen oft nicht trauen, über ihr Schicksal zu sprechen. Beim 'WEISSEN RING' haben sich im letzten Jahr 923 weibliche Vergewaltigungsopfer materielle Hilfe geholt, sprich Geld für rechtsmedizinische Untersuchungen, psychologische oder anwaltliche Beratungen beispielsweise. Jedoch erhielten über das ganze Jahr nur 26 Männer materielle Hilfe, mehr hatten sich nicht gemeldet. "Diese Werte zeigen sehr gut, dass wir es bei Vergewaltigungen mit unterschiedlichen Größenordnungen zu tun haben", erklärt Bianca Biwer.

Von den 332 männlichen Vergewaltigungsopfern 2014 waren 88 noch unter 18 Jahre alt. 187 Opfer waren Erwachsene zwischen 21 und 60 Jahren. Neun Opfer waren über 60 Jahre alt. 2012 und 2013 gab es in etwa genauso viele männliche Vergewaltigungsopfer, die sich bezüglich der Altersgruppen ähnlich unterteilt haben. Die Gesamtzahl der Vergewaltigungsopfer (Männer und Frauen) ist zumindest nach offiziellen Angaben in den letzten drei Jahren gesunken. Bei den Zahlen handelt es sich jedoch nur um die Vergewaltigungen, die von der Polizei erfasst und zur Anzeige gebracht wurden. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.

Tatort Kindheit

Kind mit Händen
Viele Opfer werden schon im Kindesalter vergewaltigt.
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Die Statistiken des Bundeskriminalamtes zeigen, dass viele Männer bereits in der Kindheit Opfer von sexualisierter Gewalt werden. Letztes Jahr war fast jedes dritte registrierte Opfer noch unter 18 Jahre alt. Auch Untersuchungen des Bundesministeriums für Familie, Frauen, Senioren und Jugend bestätigen, dass Jungen im Kindesalter besonders gefährdet sind Opfer zu werden. Wie Psychotherapeutin Dr. Carola Maack erklärt, brauchen Männer, die in der Kindheit vergewaltigt wurden, oft mehrere Therapiephasen um die Erlebnisse zu verarbeiten – in der Kindheit und im Erwachsenenalter. Laut den BKA-Statistiken steht jedes siebte Vergewaltigungsopfer sogar in familiärer oder partnerschaftlicher Beziehung zu dem Täter, sprich die Täter waren entweder Eltern, Geschwister, andere Verwandte oder eben bei erwachsenen Opfern die eigenen Partner. Laut Frau Dr. Maack werden über die Statistiken hinaus in Realität aber weit mehr Menschen in familiären oder partnerschaftlichen Beziehungen vergewaltigt als außerhalb.

"Wenn die Betroffenen erst als Erwachsene in Therapie gehen, dann sind sie meist 30 plus", so Dr. Maack. Dann gestaltet sich die Therapie meist noch schwieriger. Die Expertin vermutet, dass die Männer sich aus Angst erst spät oder nie helfen lassen, da sie befürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird, dass sie Opfer einer Vergewaltigung wurden. Dies sei auch oft bei Opfern häuslicher Gewalt der Fall.

Doppelte psychische Belastung für männliche Opfer

Für viele Opfer ist die Vergewaltigung aber nicht die einzige psychische Belastung. Männer als Opfer einer Vergewaltigung - das passt oft nicht in das gesellschaftliche Rollenbild des "starken Mannes". Auf Grund dieses Klischees entsteht bei vielen Männern ein Gefühl der peinlichen Berührtheit. Das Opfer projiziert die Erwartungen der Gesellschaft auf sich und fragt sich, wie es nur so schwach sein und die Vergewaltigung zulassen konnte, berichtet Bianca Biwer. Das Schamgefühl werde so groß, dass sich die meisten Männer nicht trauten, sich Hilfe zu suchen, um ihr Trauma zu verarbeiten.

Diesen Tabuisierungsgrad bestätigten auch Ärzte und Kliniken. Bei der Rechtsmedizin im Universitätsklinikum in Frankfurt, wo sich Frauen und Männer nach einer Vergewaltigung zur Spurensicherung untersuchen lassen können, habe es in den zwölf Jahren ihrer Mitarbeit keinen Fall gegeben, in dem ein Mann sich untersuchen ließ, erzählt eine Mitarbeiterin. Auch bei der Traumambulanz einer Kölner Klinik hätten sich wesentlich weniger Männer als Frauen gemeldet, so die Traumatherapeutin Berit Bleicher. "Und bei den Fällen, welche ich erinnere, haben sich die Männer nicht sofort Hilfe geholt, sondern oft erst Jahre oder Jahrzehnte später", berichtet sie. Bei der Außenstelle der deutschen Telefonseelsorge in Köln habe sich in den letzten Jahren sogar kein einziger Mann nach einer Vergewaltigung gemeldet.

"Hin und wieder rufen dagegen Männer an, die als Kinder oder Jugendliche von sexueller Gewalt betroffen waren. Aber auch hier wird das Thema häufiger nur angedeutet oder benannt, ohne weiter darüber sprechen zu wollen, und zwar mit ausgeprägterer Scheu oder Scham, als dies bei weiblichen Betroffenen ohnehin der Fall ist", so Annelie Bracke, Stellenleitern der Telefonseelsorgestation in Köln.

Mehr Offenheit in der Gesellschaft

"Ich hoffe, dass nach der Eröffnung der Notfallstation in Schweden nun auch bei uns eine öffentliche Diskussion in Gang kommt, die gesellschaftliche Fehl-Annahmen, Stereotype und festgefahrene Rollenzuschreibung beseitigt. Optimalerweise würde dies dann auch zu einer Erweiterung und Ausdifferenzierung von Hilfsangeboten führen", wünscht sich die Vertreterin des Vereins 'WEISSER RING'.

Denn auch wenn die Gesellschaft es sich nicht vorstellen kann, es gibt sie trotzdem – die männlichen Vergewaltigungsopfer. Scham, Scheu und falsche gesellschaftliche Rollenbilder sind fehl am Platz, wenn es um begangene Straftaten und Notsituationen geht. Denn auch Männer dürfen Opfer sein.