Mord am Genfer See

Sisis tragischer Tod – der Mord an Kaiserin Elisabeth von Österreich: „Was passiert, passiert“

Die Überführung der Leiche Kaiserin Elisabeths aus dem Hotel Beau Rivage zum Bahnhof in Genf, 14. September 1898.
Die Überführung der Leiche Kaiserin Elisabeths aus dem Hotel Beau Rivage zum Bahnhof in Genf, 14. September 1898.
© picture-alliance / akg-images / Jerome da Cunha | Jerome da Cunha

24. Dezember 2021 - 7:53 Uhr

"Der Blutfleck auf ihrer Kleidung schien unaufhaltsam größer zu werden"

Die letzten Atemzüge, die Kaiserin Elisabeth von Österreich, genannt Sisi, tat – sie sind genau dokumentiert. Fanny Meyer, Ehefrau des damaligen Besitzers des Hotels Beau Rivage, hat die Geschehnisse jenes 10. Septembers 1898 niedergeschrieben: "Auf einer improvisierten Bahre liegend, gefertigt aus sechs Ruderblättern, mit Segeltuch und Kissen gepolstert, brachte man die Kaiserin ins Hotel. Die allgemeine Panik war auf ihrem Höhepunkt. Ich folgte der traurigen Prozession in das Zimmer der Kaiserin. Der herbeigerufene Arzt konnte sie nicht mehr retten. Der Blutfleck auf ihrer Kleidung schien unaufhaltsam größer zu werden. Nach 20 Minuten tat sie ihren letzten Atemzug."

Beinahe wäre Sisi am Abend vor ihrem Tod noch einmal fotografiert worden

Sisi befand sich seit einigen Tagen inkognito am Genfer See, am 9. September kam sie nach Genf, wo sie im Hotel Beau Rivage unter dem Namen Gräfin von Hohenems residierte. Ihre wahre Identität hatte sich jedoch bereits herumgesprochen. Und das bedeutete Gefahr für die Kaiserin. In den 1890er Jahren häuften sich Anschläge mit anarchistischem Hintergrund auf Staatsoberhäupter und Regenten, die Schweiz galt als Hochburg der anarchistischen Bewegung. Aus diesem Grund warnte die Schweizer Polizei die Kaiserin und bot ihr Personenschutz an. Sie lehnte jedoch ab, angeblich mit den Worten: Was passiert, passiert.

Den Abend vor ihrem Tod verbrachte Sisi in Begleitung ihrer Hofdame Irma Sztaray in der Villa der Baronin Julie Rothschild, die sie zum Essen eingeladen hatte. Beinahe, so berichtet ihr Urururenkel Eduard von Habsburg, wäre noch einmal ein Bild von der Kaiserin, die sich nach ihrem 30. Lebensjahr nicht mehr hatte fotografieren lassen, entstanden. Nach längerem Zögern aber lehnte sie ab. Man müsse einem Prinzip treu bleiben, soll sie ihrer Hofdame gesagt haben, auch wenn es nur der Eitelkeit diene. Aber es sei schade.

Sisi wurde am 10. September 1898 von dem italienischen Anarchisten Lucheni am Quai du Mont-Blanc in Genf ermordet. Die Statue stammt von dem britischen Künstler Patrick Jackson.
Das Denkmal der österreichischen Kaiserin Elisabeth, genannt Sisi, an der Promenade in Genf.
© Picture-Alliance/KEYSTONE | GAETAN BALLY

Was geschah an jenem Tag am Genfer See?

Eine weitere Geschichte um Sisis letzten Abend geht auf ihre Hofdame zurück. So soll Sisi beim Betrachten der Orchideenzucht der Baronin gesagt haben: "Ich wünschte, meine Seele könnte durch eine ganz kleine Öffnung in meinem Herzen in den Himmel entgleiten." Diesen Satz interpretierte Gräfin Sztaray nach dem Attentat als eine Vorahnung Sisis bezüglich ihres Schicksals, denn es sollte eine sehr kleine Wunde sein, die der Kaiserin letztlich den Tod brachte.

Für den 10. September hatte Elisabeth geplant, in Begleitung ihrer Hofdame mit dem Raddampfer "Geneve" über den Genfer See nach Caux zu fahren. Gegen 13.30 Uhr verließen sie das direkt am Ufer des Sees gelegene Hotel Beau Rivage. Die dramatischen Dinge, die sich dann auf der Seepromenade Quai Mont Blanc abspielten, beschrieb Fanny Meyer wie folgt: "Ein Unbekannter näherte sich den Damen und stürzte auf die Kaiserin zu. Er schlug sie mit geballter Faust und ergriff dann die Flucht. Elisabeth stürzte zu Boden. Leute rannten herbei, als die Gräfin zu schreien begann. Ein Kutscher half ihr auf. 'Es ist nichts', sagte sie. 'Wir müssen uns beeilen, sonst verpassen wir das Boot.' Auf dem Weg zum Landungssteg fragte die Kaiserin ihre Hofdame: 'Was in aller Welt wollte dieser Mann, wollte er vielleicht meine Uhr stehlen?'"

Doch "dieser Mann" wollte nicht ihre Uhr, er wollte sie töten. In der geballten Faust hatte er eine gespitzte Feile, die er ihr ins Herz stieß. Eine kleine Waffe, die eine so kleine Wunde hinterließ, dass sie niemandem, nicht einmal der Kaiserin, auffiel. Als wäre nichts passiert, ging sie weiter und bestieg das Schiff, das sie über den Genfer See bringen sollte. Doch ein paar Minuten nach dem Ablegen brach sie zusammen. Das Schiff kehrte zur Anlegestelle zurück und Sisi wurde zurück ins Hotel gebracht, wo sie laut Sterbeurkunde um 14.40 Uhr starb.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:
Sisis Mörder  Luigi Lucheni wird abgeführt.
10. September 1898: Sisis Mörder Luigi Lucheni wird abgeführt.
© picture-alliance / akg-images | akg-images

Warum musste Sisi sterben?

Während die Kaiserin die Sterbesakramente bekam, hatte die Polizei den Attentäter schon gefasst. Sein Name: Luigi Lucheni, ein italienischer Hilfsarbeiter. Lucheni war überzeugter Anarchist und wollte schon seit längerem mit einen spektakulären Attentat Aufmerksamkeit erregen. Ursprünglich wollte er den italienischen König Umberto I. töten, konnte sich allerdings die Reise nach Italien nicht leisten, dann fiel seine Wahl auf den französischen Adligen Henri Philippe Marie d'Orléans. Dieser strich aber kurzfristig seine Reise nach Genf.

Schließlich erfuhr Lucheni, dass die Kaiserin von Österreich in der Stadt weilte und nahm sie ins Visier. Direkt nach der Tat wurde er von Passanten überwältigt und der Polizei übergeben. Als er von Sisis Tod erfuhr, war er stolz und rief laut Vernehmungsprotokoll: "Es lebe die Anarchie! Es leben die Anarchisten!" Lucheni wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, am 19. Oktober 1898 nahm er sich in der Haft das Leben.

Der Leichnam von Kaiserin Elisabeth wurde nach der Obduktion nach Wien überführt und dort am 17. September 1898 in der Kapuzinergruft beigesetzt. Elisabeths Sarkophag steht heute neben denen ihres Ehemannes, Kaiser Franz Joseph I. und ihres Sohnes, Kronprinz Rudolf. Sisis letzter Wunsch, am Meer begraben zu werden, erfüllte sich nicht. Ihr Leben lang hatte sie den Konventionen des kaiserlichen Hofes getrotzt, im Tod musste sie sich ihnen fügen. (tel)

TV-Tipp: Interessiert an weiteren Fakten über Sisi? Unser Reporter hat Historiker getroffen, Originalschauplätze besucht und sich in den kaiserlichen Archiven umgeschaut. Die Dokumentation "Die Wahrheit über Sisi - Insider packen aus" sehen Sie am 28.12.2021 um 22:40 Uhr bei RTL.

Streaming-Tipp: Ab 12.12.2021 können Sie die neue Eventserie Sisi bei RTL+ ansehen und ab dem 28.12.2021 bei RTL im TV.