Milchpulver-Mafia

In Deutschland geklaut, in China teuer verkauft

21. Mai 2019 - 14:39 Uhr

Schwarzmarkt unter der Ladentheke

Zehn Millionen Euro Schaden: Kein Produkt wird in deutschen Drogerien so oft geklaut, wie Milchpulver für Babys. Organisierte Banden stehlen es hier, um es für das Vierfache in China zu verkaufen. Dort boomt der Milchpulver-Schwarzmarkt unter der Ladentheke. Woran das liegt, darüber staunten unsere Reporter nicht schlecht. Wie der illegale Handel läuft, das zeigen wir im Video.

Eltern vor leeren Regalen

Die Bundespolizei observiert eine Gruppe von Georgiern, die gerade eine Geldübergabe durchführt. Sie zählen Scheine - mehrere hundert Euro müssen es sein. Die Szene erinnert an Drogenhandel, wie man ihn aus Actionfilmen kennt. Doch hier geht es nicht um Heroin, Ecstasy oder Koks. Die Männer dealen mit handelsüblichem Milchpulver. Das Videomaterial stellten die Beamten unseren Punkt12-Reportern Pia Schrörs und Torsten Misler nach Auswertung zur Verfügung. Es zeigt keinen Einzelfall in Deutschland. Im Gegenteil.

Immer öfter stehen Eltern vor leeren Drogeriemarkt-Regalen, wo sich eigentlich Babyprodukte aufreihen sollten. In vielen Fällen steckt die Milchpulver-Mafia dahinter. Die Packungen wurden in Massen aufgekauft oder gestohlen, um sie dann - genau so, wie es die Bundespolizei auf Video festgehalten hat - weiter zu verkaufen.

Seit Melamin-Skandal sind chinesische Eltern heiß auf deutsches Milchpulver

Zuerst habe man in Ermittlerkreisen tatsächlich daran geglaubt, das Pulver diene dem Drogenhandel. "Man hat sicher eine Richtung entdeckt, wofür kann Babymilchpulver denn noch verwendet werden? Etwa zum Strecken von anderen verbotenen Substanzen - das war so eine erste Idee", erklärte Markus Pfau von der Bundespolizei Halle. Doch der eigentliche Grund liegt mehr als zehn Jahre zurück.

2008 gab es einen großen Skandal in China. Damals erkrankten 13.000 Kleinkinder, weil große chinesische Milchpulver-Hersteller ihren Produkten Melamin beimischten. Ziel war es, einen höheren Proteingehalt vorzutäuschen. Vier Babys starben an den Folgen. Seitdem vertrauen Mütter den landeseigenen Konzernen nicht mehr. Wer es sich leisten kann, bevorzugt deutsche Milchpulver-Produkte, die man auf dem Schwarzmarkt erwerben kann. Und die sind richtig teuer. Umgerechnet bis zu 40 Euro zahlen besorgte Eltern in China für die Babynahrung, die in Deutschland um die 15 Euro kostet. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Chinesen liegt umgerechnet nur bei 8770 Euro.

Bis zu zehn Jahre Haft

In Deutschland kämpfen die Ermittler um Markus Pfau weiter gegen die Milchpulver-Mafia. Bislang konnten nach Polizeiangaben 32 Täter überführt werden. Bandenmitgliedern drohen bei Verurteilung bis zu zehn Jahre Haft.