Supermittelgewichtler wäre heute 50 geworden

Markus Beyer - der unvergessene und viel zu früh verstorbene deutsche Box-Weltmeister

Markus Beyer und Ulli Wegner gewannen dreimal den WM-Titel im Supermittelgewicht
Markus Beyer und Ulli Wegner gewannen dreimal den WM-Titel im Supermittelgewicht
© imago/Mausolf, imago sportfotodienst

28. April 2021 - 14:05 Uhr

Von Reinhard Brings

Markus Beyer starb am 3. Dezember 2018 in Berlin. Der Krebs hatte den großartigen Boxer besiegt. Er wurde nur 47 Jahre alt. Heute wäre der frühere Supermittelgewichts-Champion aus dem sächsischen Schwarzenberg 50 Jahre alt geworden. Erinnerungen an einen Großen des deutschen Boxens.

Weltmeister im Hexenkessel von Telford

Mein damaliger Kameramann, muskulär gut ausgebildet und unerschrocken, gestand mir später einmal: "Ich habe ja so gut wie nie Angst, aber in Telford, da hatte ich `Respekt´." Im Oktober 1999 bekam Markus Beyer seine erste WM-Chance, boxte in der englischen Kleinstadt gegen Lokalmatador Richie Woodhall.

4.000 fanatische Woodhall-Hardcore-Fans veranstalteten ein Höllenspektakel – und Markus Beyer brachte sie kurzfristig zum Schweigen: In der 3. Runde lag der Engländer dreimal am Boden. Drei Niederschläge in einer Runde, das hätte den Regeln gemäß das Ende beendet. Beyers Promoter Wilfried Sauerland war bereits jubelnd in den Ring gestürmt, doch zu früh gefreut. Der Ringrichter wertete den letzten Niederschlag wundersamerweise als Schubser.

Beyer musste danach noch über die volle 12-Runden-Distanz, Woodhall drehte mit den Fans im Rücken noch mächtig auf, doch der Deutsche gewann knapp nach Punkten (115:111, 114:113, 115:113). "Das war etwas Besonderes", sagte Trainer Ulli Wegner. "Ich habe nie so gezittert wie bei den Kämpfen von Markus Beyer, weil er immer für Überraschungen gut war – positiv wie negativ."

Danish WBA super middleweight boxing champion Mikkel Kessler (L) faces German WBC world champion Markus Beyer at Parken Stadium in Copenhagen Saturday 14 October 2006. EPA/JENS NOORGARD LARSEN +++(c) dpa - Bildfunk+++
Markus Beyer stellte sich in seiner Karriere den ganz Großen im Supermittelgewicht - 2006 dem Dänen Mikkel Kessler.
© dpa, A3131 epa Scanpix Jens Noorgard Larsen

Der Sachse in Köln

Das Sauerland-Boxcamp befand sich Ende der 90er Jahre in Köln, direkt am Müngersdorfer Stadion und in der Nähe von RTL an der Aachener Straße. Meine erste Begegnung mit Markus Beyer hatte ich 1999 bei der RTL-TV-Karnevalssitzung im Maritim. Beyer war als Seeräuber verkleidet genau wie seine Box-Kumpels Sven Ottke (ebenfalls Supermittelgewicht) und Timo Hoffmann (Schwergewicht).

Als die drei mir im Interview "Kölle Alaaf" auf sächsisch, sächsich-anhaltinisch und berlinerisch in die Kamera schmetterten, tat das meinen rheinischen Ohren schon weh. Beyer fühlte sich in Gesellschaft wohl, auch wenn ich ihn später eher als introvertiert kennenlernte.

1999 war ich auch dabei, als Markus Danii von "Mr. President" kennenlernte. Die Popgruppe war bei einem Promo-Dreh im Kölner Boxcamp zu Gast. "Ich habe sie einfach mal gefragt, ob sie einen Kaffee mit mir trinken geht", verriet er mir hinterher. Die attraktive Sängerin und der Boxer wurden ein Paar.

Beyer im vollkommenen Glück

Seine erste Titelverteidigung nach dem Triumph von Telford bestritt der Supermittelgewichts-Champ im Januar 2000 in Riesa gegen den Schweden Leif Keiski. Beyer streckte den vom legendären Ali-Coach Angelo Dundee betreuten Herausforderer in der 7. Runde mit einem Leberhaken nieder. "Der war aus dem Lehrbuch", sagte er hinterher in der Kabine im RTL-Interview.

Die 6200 Zuschauer in der ausverkauften Sachsen-Arena feierten den Lokalmatadoren frenetisch. Unmittelbar nach dem entscheidenden Schlag war der Titelverteidiger aus dem Ring zu seiner Danii ins Publikum gestürmt und küsste sie. Das Leben muss für Markus in diesem Augenblick perfekt gewesen sein.

Der Rückschlag

Gut vier Monate später verlor Markus in Frankfurt den WM-Titel des WBC an den Briten Glen Catley, ging in der 12. Runde schwer k.o. Bereits in den Tagen vor dem Kampf war mir aufgefallen, dass Markus in den Interviews bei der Vorberichterstattung wenig locker war und auch völlig ungewohnt zur Eile drängte.

Auch das war Markus Beyer. Trotz seiner unbestreitbaren Klasse zweifelte er nicht selten an sich, versuchte die eigene Unsicherheit aber nie künstlich zu überspielen. Offensiv und risikoreich – das war Beyers attraktiver Boxstil. Doch nach der K.o.-Niederlage gegen Catley hatte er für meine Begriffe sein "Draufgängertum" verloren, auch wenn er danach noch zweimal den Weltmeister-Gürtel erkämpfte.

Unerwarteter Tod

"Es gibt immer wieder Menschen, die einfach in der Seele drin sind. Und da war Markus schon sehr in meinem Gefühlsleben drin", sagte Trainer-Legende Ulli Wegner über seinen "Lieblings-Schützling".

Sportlich schwärmen Box-Fans noch heute von Markus Beyers spektakulären K.o.-Schlägen wie zum Beispiel gegen Alexander Boy und den Russen Yuri Epifantsev (beide 1998).

Er war ein Top-Athlet, übrigens auch ein sehr guter Fußballer. Als Mensch war er grundsolide, herzensgut, zurückhaltend. Für den Glamour stand seine Partnerin. Mit Danii war er lange liiert, 2008 heirateten die Beiden, die Ehe hielt aber nur zwei Jahre.

Mit seiner Krankheit hielt Markus hinterm Berg. Nur wenige aus seinem Umfeld wie Ulli Wegner waren eingeweiht. "Wir haben wirklich gehofft, dass er es schafft …", seufzte der Kult-Trainer nach Beyers Niederlage gegen den Nierenkrebs vor drei Jahren.

In New York bei der Schwergewichts-Weltmeisterschaft zwischen Wladimir Klitschko und dem Amerikaner Bryant Jennings im April 2015 hatte ich Markus noch einmal getroffen. Ich hätte nie gedacht, dass es das letzte Mal war.

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