2019 M03 13 - 8:34 Uhr

Neue Analyse von Mainzer Wissenschaftlern

Wie viele vorzeitige Todesfälle gehen eigentlich auf Luftverschmutzung zurück? Mainzer Forscher haben dazu jetzt eine neue Analyse vorgestellt. Mit dramatischem Ergebnis: Demnach kosten Luftschadstoffe Europäer im Mittel rund zwei Jahre Lebenszeit.

8,8 Millionen Sterbefälle jährlich durch mit Feinstaub belastete Luft

Luftschadstoffe führen zu mehr vorzeitigen Todesfällen als das Rauchen, so die Studie. Weltweit verursache vor allem mit Feinstaub belastete Luft 8,8 Millionen Sterbefälle pro Jahr, berichtet das Team um den Atmosphärenforscher Jos Lelieveld und den Kardiologen Thomas Münzel im "European Heart Journal".

Etwa 120 Menschen pro 100.000 Einwohner sterben demnach weltweit jährlich vorzeitig an den Folgen verschmutzter Luft, in Europa sind es etwa 133. In Deutschland sind es den vorgestellten Daten zufolge sogar 154 je 100.000 Einwohner jährlich - mehr als etwa in Polen, Italien oder Frankreich.

7,2 Millionen Todesfälle gehen aufs Rauchen zurück

Im Vergleich dazu werde die Zahl der auf das Rauchen zurückgehenden Todesfälle - inklusive des Passivrauchens - von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf global 7,2 Millionen jährlich geschätzt, erläutern die Forscher. Ein Mensch könne sich allerdings entscheiden, nicht zu rauchen - der Luftverschmutzung aber könne er nicht ausweichen.

In Europa sterben 800.000 Menschen vorzeitig an Folgen von Luftverschmutzung

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Luftverschmutzung, etwa durch Autoabgase, fordert jährlich rund 8,8 Millionen vorzeitige Sterbefälle.
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Allein in Europa kommen nach den Berechnungen jährlich knapp 800.000 Menschen wegen der Folgen von Luftverschmutzung vorzeitig ums Leben - deutlich mehr als früheren Untersuchungen zufolge. Die Todesfälle gehen demnach vor allem auf Herz-Kreislauf- sowie Atemwegserkrankungen zurück.

Die Forscher geben allerdings selbst zu bedenken, dass ihre Hochrechnung mit statistischen Unsicherheiten verbunden ist. Der tatsächliche Effekt der Luftverschmutzung könne daher sowohl unter als auch über den errechneten Werten liegen.

Luftverschmutzung eines der bedeutendsten Gesundheitsrisiken

Schlechte Luft gehört jedenfalls zu den bedeutendsten Gesundheitsrisiken neben Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und Rauchen, wie das Team um Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz, und Münzel, Direktor des Zentrums für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz, erläutert. Durch die Luftverschmutzung werde die durchschnittliche Lebenserwartung von Europäern um rund zwei Jahre verringert.

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Umweltschützer fordern schon lange schärfere EU-Grenzwerte für Feinstaub

Als Hauptursache für Atemwegs- und Herzkreislauf-Erkrankungen machen die Forscher kleinste Feinstaubteilchen aus. In Deutschland trage die Landwirtschaft zu bis zu 45 Prozent zum Ausstoß solcher Partikel bei, so Lelieveld. Angesichts der Studienergebnisse sei der europäische Grenzwert für Feinstaub mit einem Jahresdurchschnitt von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft viel zu hoch, betonte Münzel. Umweltschützer fordern schon lange schärfere EU-Grenzwerte für Feinstaub. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 10 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel.

Feinstaub entsteht unter anderem durch den Verkehr, die Landwirtschaft, durch Kraftwerke, Fabriken und Heizungen. Bei Feinstaub aus dem Verkehr spielen neben dem Verbrennungsprozess in Motoren auch der Reifenabrieb und aufgewirbelter Staub eine Rolle.

Quelle: DPA/ RTL.de