Erneut auf Oscar-Kurs: Lady Gaga

Eine Wucht mit Killercharme: Lady Gaga rettet “House of Gucci” - Filmkritik - Kinostart: 2.12.2021

Lady Gaga als Patrizia Reggiani in Ridley Scotts "House of Gucci".
Lady Gaga als Patrizia Reggiani in Ridley Scotts "House of Gucci".
© © 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved., Fabio Lovino

21. Januar 2022 - 8:45 Uhr

Quietschbuntes Society-Drama von Ridley Scott mit Adam Driver und Lady Gaga

Von Mireilla Zirpins

Für "A Star Is Born"* gab's 2019 "nur" einen Oscar für den besten Filmsong, obwohl Lady Gaga auch als beste Hauptdarstellerin nominiert war. Und eine weitere Nominierung winkt. Denn als eiskalte Gucci-Gattin, die den eigenen Mann ermorden lässt, ist sie einfach eine Wucht mit Killercharme und spielt über die zahlreichen Schwächen dieses bling-bling-bunten Pop-Machwerks einfach hinweg. Der hinreißende Mann unter ihrer Fuchtel: Gucci-Erbe Maurizio, mit anbetungswürdiger Zurückhaltung verkörpert von Adam Driver. Die beiden retten den Film, der zwar eine Wonne fürs Auge ist, aber nicht in allen Punkten überzeugt.

Auf Seventies-Stilettos zum Schreibtischsex mit dem schüchternen Gucci-Erben: Lady Gaga

Kein Wunder, dass die Gucci-Familie diesen Film ablehnt und Regisseur Ridley Scott rechtliche Schritte angedroht hat: Zu liebenswürdig finden sie Gucci-Gattin Patrizia Reggiani in "House of Gucci" dargestellt, und das liegt ganz klar an der Menge an Herz, die Lady Gaga in diese Rolle einbringt.

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Dabei lässt Ridley Scott keinen Zweifel daran, dass diese Patrizia eine "Gold Diggerin" ist, als sie 1970 auf einer Party auf den von Adam Driver mit süßer Schüchternheit und Schlacksigkeit verkörperten Maurizio Gucci trifft. Als sie seinen Nachnamen hört, leuchten ihre Augen so, dass man die Dollarzeichen dahinter zu sehen meint. Sie stalkt den am Familienerbe nicht interessierten Jurastudenten so beharrlich auf ihren Seventies-Stilettos, bis er aus Papas (Jeremy Irons) Villa aus- und bei ihrer Fernfahrerfamilie einzieht.

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Bis auf den etwas plumpen Schreibtischsex der beiden sind die Szenen zwischen dem sozial unsicheren Maurizio und der dominanten Patrizia eine Wonne. Man könnte stundenlang zuschauen, wie sie Gefallen an den trashigen Gucci-Glitzer-Wurstpellen der 1980er findet und ihn dazu manipuliert, doch das Familien-Modeimperium an sich zu reißen. Die bucklige Gucci-Verwandtschaft umarmt Patrizia dabei lautstark und herzlich, um ihnen dann das Messer in den Rücken zu stechen.

Die bucklige Gucci-Verwandtschaft: in "House of Gucci" extrem schlecht gekleidet

Unwiderstehlich linkisch: Adam Driver als Maurizio Gucci in Ridley Scotts "House of Gucci"
Unwiderstehlich linkisch: Adam Driver als Maurizio Gucci in Ridley Scotts "House of Gucci"
© © 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved., Courtesy of Metro Goldwyn Mayer Pictures Inc.

Und genau daran scheiden sich die Kritiker-Geister. Denn schon nicht jeder findet es witzig, dass man sich bei Onkel Aldo sofort in "Der Pate" wähnt. Aber hej, der Mann im geschmacklosen Ballonseiden-Anzug ist Al Pacino! Und es ist eine nette Idee, dass die Patin oder der Pate hier dann eigentlich jemand anderes ist. Aber warum bitte spricht der Gucci-Clan im Original mit italienischem Akzent, zumindest meistens? Darauf zu verzichten macht die deutsche Version richtig. Andererseits hört man in der Synchronfassung nicht Lady Gagas herrlich brüchige Stimme und vor allem nicht die von Al Pacino, der sie so tief runterschrauben kann, dass sie uns durch Mark und Bein geht.

Und dann Jared Leto! Bis zur Unkenntlichkeit aufgedunsen spielt er mit Silikon-Halbglatze Maurizios Cousin und Konkurrent Paolo, der in zu engen und papageienbunten Cord-Anzügen von einer eigenen Gucci-Kollektion träumt, während Maurizio schon mit Tom Ford liebäugelt. Ja, das ist nun wirklich ein Tacken zu viel Komödienstadl in einem Ehe-Drama, in dem es um nicht weniger als Eifersucht, Betrug und ein Mordkomplott geht.

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Aber Ridley Scott kann sich hier schwer entscheiden – genauso wenig wie bei der Frage, wer eigentlich seine Hauptfigur ist. Dem Drehbuch nach Maurizio Gucci, aber Lady Gaga ist eine derartige Naturgewalt auf der Leinwand, dass man das zwischendurch glatt vergisst. Ein anderer als Adam Driver hätte kaum eine Chance gegen sie gehabt in der Rolle als linkischer Typ, der erst langsam zu sich selbst und seiner neuen Liebe (eine Wohltat mit ihrer Gelassenheit: Camille Cottin) findet. Aber sein unsicherer Maurizio Gucci hat trotz aller Zurückhaltung so viel Charme und Charisma, dass wir ihm alles abkaufen würden.

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Und den Kauf eines Tickets für diesen Film klar empfehlen. Der ist zwar als Filmkunstwerk vielleicht nicht durch die Bank gelungen, unterhält aber trotz einiger Tempoprobleme zweieinhalb Stunden lang prächtig mit poppigen Bildern, eingängigem 80er-Hitparaden-Soundtrack, einigen grandiosen Darstellern und ein paar anderen, die ein bisschen zu viel machen. Und dann sind da natürlich noch die Gucci-Fummel – als Filmkostüme ein echter Hingucker. Kein Wunder, dass sich Mode, Brillen und Taschen von Gucci auf einmal wieder äußerster Beliebtheit erfreuen.

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