Heute vor 100 Jahren

Des Boxens erstes Million-Dollar-Baby - Jack Dempsey vs. Georges Carpentier

2. Juli 1921: Jack Dempsey (r.) und Georges Carpentier kämpfen vor 80.000 Zuschauern um den Schwergewichts-Titel - der Kampf des Jahrhunderts spült mehr als eine Million Dollar in die Kasse.
2. Juli 1921: Jack Dempsey (r.) und Georges Carpentier kämpfen vor 80.000 Zuschauern um den Schwergewichts-Titel - der Kampf des Jahrhunderts spült mehr als eine Million Dollar in die Kasse.
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02. Juli 2021 - 17:25 Uhr

Als ein Schurke und ein Held die Kasse klingeln ließen

von Martin Armbruster

Am 22. Februar 2020 bezahlten 15.816 Zuschauer im MGM Grand Hotel zu Las Vegas insgesamt 16.916.440 Millionen Dollar, um zu sehen, wie der Engländer Tyson Fury den Amerikaner Deontay Wilder verdrosch und sich zum Meister aller Box-Klassen krönte. In puncto Zuschauer-Einnahmen – dem "Live Gate" – ein Rekord für das Schwergewichts-Boxen. Mehr Moneten hatten zuvor lediglich die Faustkampf-Legenden Evander Holyfield und Lennox Lewis bei ihrer Revanche Ende 1999 in die Kasse gespült.

Die erste Million der Boxgeschichte

Der Preiskampf setzt allerdings seit jeher Unsummen um. Und so verblasst der Rekord der Herren Fury und Wilder gar, so man ihn denn ins Verhältnis zum "Kampf des Jahrhunderts" setzt, der heute vor 100 Jahren über die Bühne ging.

Am 2. Juli 1921 zwängten sich mehr als 80.000 Menschen in New Jersey in ein riesiges, achteckiges Holzstadion, um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht zu sehen. Titelverteidiger Jack Dempsey aus den USA verteidigte seine Krone gegen den französischen Herausforderer Georges Carpentier. Dempsey, der schlaggewaltige "Manassa Mauler", schlug den Edeltechniker Carpentier in der vierten Runde k.o. Historisch gesehen eine Randnotiz. Das Gefecht war weniger sportlich, sondern vielmehr finanziell ein Jahrhundert-Ereignis.

Zum ersten Mal generierte ein Boxkampf die damals magische Summe von einer Million Dollar. Mehr noch: Unterm Strich standen nach dem Ticket-Verkauf 1.789.238 Millionen Dollar zu Buche. Gibt man diese Zahl in einen historischen Inflationsbereinigungs-Rechner ein, spuckt dieser eine achtstellige Zahl aus: 28.908.040 Millionen Dollar – so viel verdienten die Veranstalter damals nach heutigem Geldwert. Gut elf Millionen Dollar mehr als 99 Jahre später bei Fury vs. Wilder in der Glitzerstadt Las Vegas.

Die Entscheidung: Dempsey knockt Carpentier aus, der Ringrichter zählt den Franzosen aus
Die Entscheidung beim "Kampf des Jahrhunderts": Dempsey knockt Carpentier aus, der Ringrichter zählt den Franzosen aus.
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Promoter-Urpate organisierte den Kampf

Die fette Beute war freilich nötig, denn die Gagen für die Kämpfer stellten alles in den Schatten, was es im Preisboxen bis dato gegeben hatte. Dempsey, vertreten durch seinen schlitzohrigen Manager Doc Kearns, schlug für sich 300.000 Dollar Börse plus 25 Prozent Beteiligung an den Filmrechten heraus. Carpentier bedingte sich 200.000 Dollar aus, ebenfalls samt des 25-Prozent-Anteils an den Filmrollen.

Um den Jahrhundertkampf überhaupt auf die Beine stellen zu können, pumpte sich Promoter-Urpate Tex Rickard 160.000 Dollar (andere Quellen sprechen von 250.000 Dollar). Rickard, der das Boxgeschäft schon beherrschte, ehe dieses überhaupt erfunden war, wusste gleichwohl, wie er den Kampf bewerben musste, um Kasse zu machen.

Den scharfsinnigen Geschäftsmann juckte es nicht die Bohne, dass die meisten Faustkampf-Fachleute das Duell zwischen Schwergewichts-König Dempsey und dem 16 Pfund leichteren Halbschwergewichts-Weltmeister Carpentier für sportlich überflüssig hielten. Rickard handelte gemäß dem Motto: "Gebt den Leuten, was sie wollen, wie sie es wollen und nicht so, wie du es für am besten hältst."

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Machten den "Kampf des Jahrhunderts" fix (von links: Jack Dempsey, unbekannt, Manager Doc Kearns, Promoter Tex Rickard, Georges Carpentier, unebaknnt.
Machten den "Kampf des Jahrhunderts" fix (von links): Jack Dempsey, unbekannt, Manager Doc Kearns, Promoter Tex Rickard, Georges Carpentier, unbekannt.
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Box-Blockbuster Gut gegen Böse

Aus Zuschauer- und damit Promoter-Perspektive erwies sich Dempsey gegen Carpentier geradezu als Idealbesetzung für einen Box-Blockbuster: "Gut gegen Böse" respektive "Schurke gegen Helden". Der Schurke war Dempsey, der sich 1920 in San Francisco vor Gericht hatte verantworten müssen. Dem Champ wurde zur Last gelegt, sich dem Befehl des US-Militärs zum Übersee-Kommando im Ersten Weltkrieg entzogen zu haben. Dempsey wurde zwar freigesprochen, der Makel des "Drückebergers" bleib jedoch haften. Ebenso wie das Etikett des Schurken für den Fight gegen Carpentier, der das glatte Gegenteil symbolisierte. Das des Helden.

Als Pilot hatte Carpentier 18 Monate gegen das wilhelminische Kaiserreich gekämpft, wurde dabei zweimal verwundet, für seinen Dienst am Vaterland mit dem Croix de Guerre und der Medaille Militaire ausgezeichnet. Die Herzen seiner Landsleute schon erobert, gewann Carpentier nach dem Großen Krieg den Europameister-Titel im Schwergewicht und den WM-Gürtel im Halbschwergewicht.

Die sportlichen Errungenschaften des Franzosen aber kratzten Promoter Rickard wie gesagt nicht wirklich. Er setzte bei seiner Werbekampagne konsequent auf Pol und Antipol, auf Gut und Böse, Held und Schurke, Krieger und Drückeberger. Das Ballyhoo fruchtete.

Amphitheater aus Holz rappelvoll

Vor den Toren New Jerseys ließ Rickard auf dem Land des Papierfabrik-Besitzers John P. Boyle in neun Wochen eine Holzarena aus dem Boden stampfen. "Boyle's Thirty Acres" (Boyles 30 Hektar) nannte man das riesige Amphitheater, auch wenn das Oktagon selbst "nur" sieben Hektar beanspruchte.

Ursprünglich sollte das Stadion 50.000 Zuschauern Platz bieten. Weil das Interesse an Dempsey vs. Carpentier aber derart gewaltig war, stockte man die Kapazität kurzerhand auf rund 80.000 auf. Für einen der hintersten Plätze mussten die Zuschauer schon 5,50 Dollar (entspricht 82 Dollar heute) berappen, ein Platz direkt am Ring kostete stolze 50 Dollar (knapp 750 Dollar nach heutigem Wert).

Am Kampftag war die Hütte voll – und Rickard entzückt. "Haben Sie schon mal so viele Millionäre gesehen?", fragte der "König der Promoter" einen seiner Begleiter, als er die erste Reihe am Seilgeviert musterte. Was reich, schön oder beides war, was überhaupt Rang und Namen hatte, war an jenem Nachmittag des 2. Juli 1921 in New Jersey.

Die Geschichte des Jahrhundertkampfes an sich ist schneller erzählt. Drückeberger Dempsey wurde mit Pfiffen, Hero Carpentier zu den Klängen der Marseillaise begeistert empfangen. In Runde zwei schien es kurz, als könne Carpentier den Weltmeister entthronen. Eine knallharte Rechte des Franzosen schlug in Dempseys Gesicht ein. Dessen Ömme erwies sich aber als ebenso hart – statt den Meister aller Klassen auf die Matte zu schicken, brach sich Carpentier den Daumen.

Einhändig sah der Herausforderer danach kein Land mehr. In der Vierten knipste Dempsey seinem Gegner die Lichter aus. Als der Ringrichter Carpentier auszählte, lag dieser zusammengekauert wie ein Embryo auf dem Ringboden. Der Schurke hatte den Helden vernichtet.

Und Tex Rickard fragte sich, warum er die Ticketpreise nicht verdoppelt hatte.

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