Heftige Briefe von Behörden

Bei Quarantäne-Verstößen: Ämter drohen Eltern an, ihnen die Kinder wegzunehmen

Immer mehr Ämter drohen Familien bei Quarantäne-Verstößen damit, die Kinder wegzunehmen.
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19. November 2020 - 9:20 Uhr

Behörden drohen Familien bei Quarantäne-Anordnung

Wie geht der Kampf gegen Corona weiter? In den hoffnungslos überlasteten Behörden fällt manchem Mitarbeiter offenbar der richtige Umgang mit Eltern schwer, deren Kinder sich in Quarantäne begeben müssen. In manchen Bundesländern soll Eltern bei einer Quarantäne-Anordnung angedroht worden sein, ihnen die Kinder wegzunehmen und diese in einer geschlossenen Einrichtung unterzubringen. Das berichtet die Augsburger Allgemeine. Das Entsetzen bei den betroffenen Familien ist groß. Doch wann könnte eine Behörde tatsächlich zu derartigen Maßnahmen greifen?

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Kinder kommen zwangsweise in geschlossene Einrichtung

"Sehr geehrte Eheleute. Ihren Kindern gegenüber wird eine Isolation in sogenannter häuslicher Absonderung in der Wohnung angeordnet", zitiert die Zeitung aus einem Schreiben der Ämter in Baden-Württemberg. In einem Brief einer niedersächsischen Behörde soll es heißen: "Sehr geehrte Eltern, hiermit bestätige ich Ihnen die häusliche Absonderung Ihres Kindes."

Für Familien mit Kindern ist eine Quarantäne schon belastend genug. Hinzu kommen nun vermehrt solche Drohbriefe. Müssten Eltern, die sich nicht an die strengen Quarantäne-Maßnahmen halten würden, also tatsächlich damit rechnen, dass ihnen ihr Kind weggenommen wird? Ohne ausdrückliche Zustimmung des Gesundheitsamtes – so zitiert die Augsburger Allgemeine entsprechende Schreiben – sei es dem Kind nicht erlaubt, das Haus oder die Wohnung zu verlassen. Die Eltern müssten während der gesamten Quarantäne zweimal täglich Fieber messen. Für den Fall, dass die Familie sich nicht an die Regeln hält, könnten die Kinder "zwangsweise in einer geeigneten geschlossenen Einrichtung abgesondert werden", zitiert die Zeitung die Behörden weiter. Final werde das beim Familiengericht entschieden.

Schlimme Vorstellung für betroffene Eltern

Nicht nur der Ton der Briefe ist verstörend. Für alle betroffenen Eltern ist die reine Vorstellung, dessen, was ihnen droht, ganz schlimm. Der Kinderschutzbund will diese offensichtlichen Drohbriefe nicht so stehen lassen und hat sogar Gesundheitsminister Jens Spahn alarmiert. Er solle dafür sorgen, "dass in allen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie dem Kindeswohl und den Kinderrechten Vorrang eingeräumt wird". Spahn habe bereits zugesagt, beim Treffen mit seinen Länderkollegen über dieses Thema zu sprechen. Diese Briefe sollten einen angemessenen Ton und eine angebrachtere Forderung beinhalten.

Behörde erklärt: Das steckt hinter den Schreiben

Die Stadt Karlsruhe hatte bereits im Sommer auf Kritik an entsprechenden Schreiben reagiert und dabei moniert, die Meldungen würden den Sachverhalt "in Teilen auch fehlerhaft" darstellen. "An eine Trennung des Kindes von den Eltern ist hier überhaupt nicht gedacht", heißt es in einer Stellungnahme der Stadt vom 6. August 2020. "Wenn es notwendig werden sollte, ein Kind zum Schutz anderer zwangsweise zu isolieren, würde es zusammen mit einem oder beiden Elternteilen untergebracht werden. Diese Maßnahme wäre die ultima ratio, wenn die Eltern durch ihr Verhalten nicht dafür Sorge tragen, dass Außenstehende durch das Kind nicht angesteckt werden können." Bisher seien derartige Maßnahmen nicht angeordnet worden, die Menschen würden aber "zu Recht" erwarten, dass eine Behörde "auch in solchen Extremfällen handlungsfähig und in der Lage ist, die notwendigen Maßnahmen durchzusetzen und die Gesundheit anderer zu schützen."

Die Stadt Karlsruhe habe "größtes Verständnis für die schwierige Situation in der sich Eltern befinden, wenn Kinder mit COVID-19 infiziert sind oder wenn sich Kinder in Quarantäne begeben müssen, weil sie mit einer infizierten Person Kontakt hatten." Erst mit einer offiziellen Quarantäneverfügung würden Eltern die Möglichkeit erhalten, nicht zur Arbeit gehen zu müssen. Eine "bloße Empfehlung zur Kontaktreduzierung" reiche dafür nicht aus, um für einen Verdienstausfall entschädigt zu werden. Isolationsmaßnahmen bei Kindern sollten abhängig von Alter, Entwicklungsstand und auch den Bedürfnissen des einzelnen Kindes umgesetzt werden. "Dass die Reduzierung von Kontakten bei einem 16jährigen wesentlich weiter gehen kann als bei einem 6jährigen Kind, liegt auf der Hand."