Tier wird zum Zugochsen umgeschult

Umstrittenes Schulprojekt abgebrochen: Kalb Goofy darf weiterleben

Die Schüler eines Hamburger Gymnasiums retteten ein Kalb, dann sollte es geschlachtet werden. Jetzt wurde das Projekt abgebrochen. (Symbolbild)
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30. November 2020 - 8:52 Uhr

Schule bricht Projekt ab - Goofy wird zum Zugochsen umgeschult

Ein ungewöhnliches Schulprojekt sorgte für heiße Gemüter. Die Schüler des Walddörfer Gymnasiums in Hamburg retteten letztes Jahr ein Kälbchen vor der Schlachtung, tauften es auf den Namen Goofy und kümmerten sich von da an um den kleinen Stier. Nach eineinhalb Jahren – so war es von vornherein geplant – sollte Goofy geschlachtet werden. Während der Ausgang des Schulprojekts für die Schüler offenbar akzeptabel war, versuchten Tierschützer alles, um die Schlachtung zu verhindern – mit Erfolg: Goofy darf weiterleben! Wie die Schule mitteilte, wurde das Projekt nun abgebrochen. Goofy selbst wird zum Zugochsen umgeschult.

Zu viel öffentlicher Druck sorgte für Abbruch

"Die Schlachtung des Tieres war für alle in der Klasse ein herausfordernder und akzeptierter Teil des Lebens auf einem landwirtschaftlichen Hof", sagt Jürgen Solf, Schulleiter des Walddörfer-Gymnasiums, in einer Pressemitteilung. "Dann wurden Ende November, ausgehend von einem Zeitungsartikel, plötzlich die sozialen Netzwerke, Tierschützer und Veganer auf Goofy aufmerksam. Der öffentliche Druck durch Kampagnen und eine Überflutung durch Mails wurde so groß, dass die Schule und das Museumsdorf Volksdorf den pädagogischen Schutzraum für die betroffenen Schülerinnen und Schüler nicht mehr gewährleisten können."

Auch massive Verurteilungen und Anfeindungen sollen keinen Raum mehr für "eine fruchtbare und kontroverse Auseinandersetzung innerhalb des Projekts" gelassen haben. "Das Projekt wird daher vorzeitig beendet, auch unter dem Protest des Museumsdorfes Volksdorf, das das Projekt wie vereinbart gerne zu Ende führen wollte", so Solf.

Goofy wird jetzt Zugochse

Statt geschlachtet zu werden, soll Goofy nun auf dem Museumsdorf Volksdorf zum Zugochsen umgeschult werden. "Für die Schülerinnen und Schüler der mittlerweile 10. Klasse bleibt auch der Abbruch des Projekts eine herausfordernde Bildungsaufgabe, bei der nicht nur die Diskussion um Tierhaltung und Fleischkonsum, sondern auch die Erfahrung mit Medien und sozialen Netzwerken für kritische Erkenntnisse sorgen wird", erklärt Solf weiter in der Pressemitteilung.

Der Erdlingshof in Bayern, der der Schule zuvor angeboten hatte, Goofy ein neues Zuhause auf seinem Lebenshof zu geben, kritisiert nun die Entscheidung, Goofy als Zugochsen einzusetzen. In einer Gegendarstellung zur Pressemitteilung der Schule, die RTL vorliegt, erklärt die Tierschutzorganisation: "Wir sehen Goofys Sicherheit nicht gewährleistet, wenn er ausgerechnet in die Obhut der Institution übergeben werden soll, die sich bis zuletzt nachdrücklich für seine Tötung einsetzte. Wir gehen davon aus, dass ihm auch dort nach einigen Jahren als Zugochse die Tötung droht."

Die Schüler kennen Goofy seit seiner Geburt

Die Achtklässler hatten Goofys Geburt im Sommer 2019 bei einer Klassenfahrt nach Tirol auf einem Bauernhof miterlebt, wie das "Heimatecho" berichtet. Als sie erfuhren, dass das kleine Stierkalb kurz nach der Geburt geschlachtet werden sollte – wie es bei männlichen Kälbern in Milchviehbetrieben oft vorkommt – beschlossen sie gemeinschaftlich, es vor dem Tod zu bewahren. Sie bewirkten, dass das Tier im Museumsdorf Volksdorf ein neues Zuhause fand und tauften es auf den Namen Goofy. Die Umsiedelung sollte jedoch nur ein Happy End auf Zeit darstellen.

Im Frühjahr 2021 sollte der Stier geschlachtet werden

Mittlerweile ist aus Kalb Goofy schon ein junger Stier geworden. Die Schüler hatten sich in den vergangenen Monaten kümmerten sich liebevoll um das Tier – so wie zuvor mit dem Museumsdorf vereinbart. Dieses nahm das Kälbchen nur unter der Bedingung auf, dass die Schüler zuvor ein Konzept erarbeiteten, wie es mit Goofy weitergehen soll. Denn das Museumsdorf Volksdorf möchte realistisch darstellen, wie das bäuerliche Leben in vergangenen Zeiten funktionierte – inklusive der Schlachtung von Tieren.

"Wir haben akzeptiert, dass zur Arbeit im Museumsdorf auch unangenehme Aufgaben gehören", erzählt Schülerin Anna dem "Heimatecho". Und so sei vereinbart worden, dass Goofy mit eineinhalb Jahren geschlachtet werden soll. Das wäre im Frühjahr 2021 gewesen. Dann sollte es den Schülern sogar möglich sein, nach der Schlachtung bei der Zerlegung des Tieres zu helfen.

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Tierschützer boten neues Zuhause für Goofy an

Die Tierschützer des "Hof Butenland" wollen das nicht zulassen. Sie haben der Schule angeboten, Goofy auf ihrem Hof einen Platz bis zu seinem (natürlichen) Lebensende zu gewähren. "Wenn dahinter der Gedanke steckt, dass die Tötung dazugehört, warum muss man sie an einem Tier zelebrieren, das ein Gesicht erhalten und einen festen Platz auf einem Lebenshof zugesichert bekommen hat?", kritisieren die Tierschützer das Projekt in einem Post auf Facebook. Für einen realistischen Blick auf das tägliche Tierleid sei schließlich auch ein Besuch in einem beliebigen Schlachthof ausreichend. Sogar eine Online-Petition wurde bereits gestartet, die bislang knapp 15.000 Unterschriften erhalten hat.

Schüler sollen Schlachtung zugestimmt haben

Die Schüler wollten sich anscheinend bis zuletzt an ihre Abmachung mit dem Museumsdorf Volksdorf halten. "Wir würden uns selbst anlügen, wenn wir dieses eine Tier retten, nur weil wir eine Bindung zu ihm aufgebaut und ihm einen Namen gegeben haben", erklärte einer der Gymnasiasten dem "Heimatecho". Bei dem Projekt gehe es darum, "eine Würde im Produkt Fleisch zu entdecken", fügte ein anderer hinzu.