Gesundheitslexikon: Psychomotorik

29. November 2018 - 15:50 Uhr

Psychomotorik – die Förderung von Wahrnehmen, Erleben, Denken und Handeln

Im Zuge unserer täglichen Bewegungsabläufe ist eine hohe motorische Koordinationsfähigkeit notwendig. Die Psychomotorik hilft dabei, diese Koordinationsfähigkeit durch Bewegungen, Spiel und über intensive Körpererfahrungen zu erlernen und bestimmte Bewegungs- und Handlungsabläufe zu automatisieren. Kinder und Erwachsene müssen den eigenen Körper aufmerksam wahrnehmen, ihn wahrhaft erleben und tiefergehend verstehen, um daraufhin richtig mit ihm umgehen können.

Was versteht man unter Psychomotorik?

Die Bewegungen des Menschen stehen unter dem Einfluss psychischer Vorgänge wie Emotionalität und individuelle Persönlichkeitsstruktur. Diese Verknüpfung wird als sogenannte Psychomotorik bezeichnet. Die Psychomotorik als Konzept soll die Bewegung und Wahrnehmung einer Person fördern. Im Bereich der Psychomotorik gibt es verschiedene Schulen, die jedoch allesamt das Zusammenspiel von psychischem Erleben, Motorik und Wahrnehmung betonen. Die Psychomotorik mit den unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen ist sowohl ein pädagogischer als auch ein therapeutischer Begriff. Als die wichtigsten Grundlagen der Psychomotorik gelten die individuelle Orientierung, die Situationsorientierung, die Entwicklungsorientierung, der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung sowie die Emotionsoffenheit.

Wer gilt als Urvater der Psychomotorik?

Die Gründung der Psychomotorik erfolgte in den 1950er Jahren in Deutschland durch den Sportpädagogen Ernst Kiphard. Kiphard arbeitete über viele Jahre mit verhaltensauffälligen, beziehungsgestörten und aggressiven Kindern und Jugendlichen. Dabei erkannte er, dass sich sein sportliches Angebot positiv auf die emotionale Entwicklung der Kinder auswirkte. Aufgrund dieser therapeutischen Wirkung setzte er sich zum Ziel, das Bewegungsangebot systematisch auszubauen. Durch die motorische Betätigung sowie durch eine Auseinandersetzung mit den persönlichen Ängsten und Fähigkeiten soll eine Harmonisierung und Stabilisierung der Persönlichkeit des Menschen erreicht werden.

Wie wird die Psychomotorik in der Praxis eingesetzt?

Die Psychomotorik wird sowohl im pädagogischen als auch im therapeutischen Kontext eingesetzt, so zum Beispiel in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Auswahl der passenden Psychomotorik-Schule erfolgt durch den ausführenden Experten. Viele Fachkräfte verbinden die verschiedenen Ansätze miteinander und vermischen so die psychiatrisch-medizinische Vorgehensweise mit pädagogischen Ansätzen, da so eine Hilfe auf verschiedenen Ebenen und ein ganzheitlicher Zugang ermöglicht wird. Die psychomotorische Arbeit wird meist in psychomotorischen Praxen ausgeführt. Bei Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden können jedoch ebenfalls mitunter psychomotorische Elemente vorkommen.

Warum ist Psychomotorik wichtig?

Die Psychomotorik hat eine große Bedeutung für die Entwicklung eines Kindes, da sie sich positiv auf die Emotionalität und das Sozialverhalten, die Sprache und die Kognition auswirken kann. Im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung sind heute die Bewegungsmöglichkeiten der Kinder, aber auch der Erwachsenen stark eingeschränkt. Daher ist die Psychomotorik ein wichtiges Konzept für Kinder und Erwachsene, mithilfe derer Wahrnehmung und Bewegung gefördert werden können. Ein ganzheitliches Bild des eigenen Körpers kann entwickelt und die persönlichen Fähigkeiten können genauer kennengelernt werden, was zu einer verbesserten Selbsteinschätzung führen kann. Die Erfahrungen können außerdem für ein gesteigertes Selbstwertgefühl sorgen, da Ängste und Hemmungen oft abgebaut werden. Weiter können die Patienten im Umgang mit anderen unterschiedlichen Menschen wichtige Erfahrungen sammeln, um das Sozialverhalten zu optimieren.