Psychische Störung ohne körperliche Ursache

Gesundheitslexikon: Neurose

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22. Oktober 2019 - 12:38 Uhr

Neurosen: Psychische Störungen ohne körperliche Ursache

Neurotisch? Anders als Laien oft vermuten, bezieht sich die Neurose aus medizinischer Sicht nicht etwa auf die übertriebenen Reaktionen von Geltungssüchtigen. Für Mediziner bilden Neurosen das Gegenstück zu Psychosen und entsprechen psychischen Störungen ohne körperliche Ursache. Während Psychosen dem Betroffenen unbewusst bleiben, sind sich Neurotiker der Störung bewusst.

Was ist eine Neurose?

Psychische Störungen sind immer dann Neurosen, wenn sie auf unbewussten Konflikten oder gestörten Sozialbeziehungen basieren. Der Sammelbegriff wird einzelnen Krankheitsbildern der Gruppe nicht hinreichend gerecht. Statt des Oberbegriffs verwenden Psychologen abhängig von den Symptomen mittlerweile Untergruppenbezeichnungen wie Angststörung, Zwangsstörung, dissoziative Störung, somatoforme Störung oder neurotische Depression. Zu den Angststörungen zählen soziale Phobien mit der Angst vor Sozialsituationen. Zwangsstörungen sind durch Zwangsverhalten charakterisiert. Zu neurotischen Depressionen zählt Krankheitsangst, somatoforme Störungen umgreifen multiple Persönlichkeitsstörungen. Freud bestimmte psychische Ursachenfaktoren wie unterdrückte Ängste als gemeinsames Merkmal aller Neurosen.

Ursachen für Neurosen

Frühkindliche Entwicklungsstörungen ziehen laut Freuds Theorie Neurosen nach sich. Das Wechselspiel körperlicher und psychischer Faktoren gilt als Neuroseauslöser. Erbliche Anfälligkeit für psychische Erkrankungen führt in belastenden Lebenssituationen beispielsweise zur Neuroseerkrankung. Neben unverarbeiteten Konflikten und Traumata spielen Neuroseveranlagung und erlerntes Fehlverhalten bei der Ursachenforschung mittlerweile eine Hauptrolle. Neurosepatienten charakterisieren sich damit durch ein Profil unterschiedlicher Aspekte. Persönlichkeitskomponenten wie Gehemmtheit, Introvertiertheit oder Perfektionismus treffen auf schwierige Lebensphasen, ungünstige Umwelteinflüsse wie Entmutigung oder akute Belastungssituationen. Dieses Zusammenspiel aus Negativeinflüssen können neurotische Reaktionen auslösen.

Symptome

Welche Symptome eine Neurose ausmachen, hängt von den Ursachen, der Persönlichkeit und dem Kontext ab. Zwangsstörungen äußern sich durch das Zwangsverhalten. Hysterische Reaktionen sind oft mit Bewegungs- oder Gefühlsstörungen bis hin zu Lähmungen verbunden. Phobiker befinden sich auf der Flucht, zum Beispiel vor anderen Menschen. Hypochondern drängt sich permanent der Gedanke an schwere Erkrankungen auf. Menschen mit schizoiden Störungen neigen zu Phantastereien. Paranoide Störungen kennzeichnen sich durch übertriebenes Misstrauen oder ständiges Bedrohungsgefühl und Entfremdungspatienten fühlen sich nicht wie sie selbst.

Diagnose der Neurose ist zu ungenau

Neurosen zeichnen sich aus diagnostischer Sicht durch ein Wechselspiel psychischer und körperlicher Komponenten aus. Differenzialdiagnostisch steht der Neurose die Psychose gegenüber, die auf unbewussten Komponenten und gestörtem Realitätsbezug basiert. Neurosen betreffen anders als Psychosen nicht alle Persönlichkeitsaspekte. Neurosediagnosen werden mittlerweile kaum mehr vergeben. Psychologen und Psychiater schicken neurotische Patienten heutzutage nicht mehr mit der allgemeinen Gruppenbezeichnung der Neurose nach Hause, sondern ordnen die neurotischen Symptome abhängig vom Einzelfall im direkten Patientengespräch einer Untergruppe zu.

Neurosebehandlung

Ein einheitlicher Behandlungsansatz existiert für Neurosepatienten nicht. Neben den Symptomen und den Ursachen bestimmt der persönliche Kontext, wie gut sich eine bestimmte Therapieform eignet. Grundsätzlich gibt es zur Behandlung von Neurosen eine Drei-Säulen-Therapie aus psychotherapeutischen Maßnahmen, medikamentöser Behandlung und psychosensorischen Verfahren. In der Psychotherapie führt ein Psychotherapeut dem Patienten mithilfe von Gesprächen, Rollenspielen oder Kunst tiefere Konflikte vor Augen. Als Medikamente kommen Beruhigungsmittel oder Antidepressiva zum Einsatz. Medikamentengabe allein kann Neurosen nicht heilen. Ähnliches gilt für psychosensorische Verfahren wie EMDR.

Vorbeugung

Zur Neurosevorbeugung steuern Sie Symptomen frühzeitig entgegen. Ängste, Triebe und Wünsche erfassen Sie idealerweise bewusst. Ein Tagebuch, Meditation oder Entspannungstechniken können Sie dabei unterstützen, engeren Kontakt zum eigenen Unterbewusstsein herzustellen und mögliche Symptome früh genug zu erkennen. Dauerbelastungen sind im Alltag zu vermeiden. Stressausgleich wie Sport und soziale Kontakte können Sie gegenüber Belastungen stabilisieren. Wichtig ist außerdem die rechtzeitige Kontaktaufnahme mit einem Fachmann.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel kann einen Besuch beim Arzt nicht ersetzen. Er enthält nur allgemeine Hinweise und darf daher keinesfalls zu einer Selbstdiagnose oder Selbstbehandlung herangezogen werden.