"Erntezeit" auf Pelzfarmen: Das grausame Geschäft mit den Nerzen

17. Dezember 2015 - 12:35 Uhr

Von Benjamin Seebach und Stefan Nowak

Ein Mark und Bein durchdringendes Quieken verkündet den Beginn der "Erntezeit" auf deutschen Pelzfarmen. Mit Gastanks ausgerüstet marschieren Pelzfarmbetreiber jedes Jahr in Herbst und Winter die endloslangen Käfigreihen auf und ab, um die "Ernte" einzuholen. Tausende Nerze sterben dann den Erstickungstod, bevor ihnen mit einem Messer das Fell über die Ohren gezogen wird.

Pelzproduktion in deutschen Nerzfarmen
In deutschen Pelzfarmen werden Nerze in der "Erntezeit" vergast und dann gehäutet - der Rest sieht grausam aus.

Wie genau das Tötungsprozedere abläuft, lässt sich nur erahnen, denn das Betreten der Farmen ist praktisch unmöglich. Die Produktionsanlagen für die Pelzindustrie liegen oft in abgelegenen Waldgebieten und "sind gesichert wie kleine Militärstützpunkte", berichtet Stefan Klippstein. Stacheldraht, Stromleitungen und Infrarotlicht sollen den Blick hinter die Kulissen der Massentierzucht erschweren, gegen die der Tierschutzaktivist so erbittert kämpft. Der 29-Jährige dokumentiert und kontrolliert in regelmäßigen Abständen die Zustände auf deutschen Pelzfarmen und bringt Verstöße gegen das Tierschutzgesetz zur Anzeige.

Viele Betriebe sind mit dem Einbruch der Pelzindustrie in den 80ern und 90ern verschwunden. Zurzeit gibt es in Deutschland noch elf Pelzfarmen, die jährlich circa 400.000 Felle produzieren, erklärt der Zentralverband deutscher Pelztierzüchter (ZDP) auf Nachfrage von RTLaktuell.de.

Geringe Betriebskosten stehen laut Tierschützer Klippstein einer hohen Gewinnspanne gegenüber. 50 Euro Umsatz werfe ein toter Nerz pro Fell ab. "Die Tiere sitzen in Drahtkäfigen, durch die der Kot der Tiere einfach durchfällt, dementsprechend wenig muss gereinigt werden." Meterhohe Kotberge, die sich unter den Drahtkäfigen türmen, seien keine Seltenheit, sagt der Tierschutzaktivist. ZDP-Vorstandsmitglied Alfons Grosser will das so nicht stehen lassen: "Veterinär- und Fachbehörden der Länder überprüfen regelmäßig, ob die Haltungsformen dem Wohl der Tiere entsprechen."

In der Natur beträgt das Revier eines wildlebenden Nerzes circa 20 Quadratkilometer. Die Zuchtrasse, die etwa 25 bis 30 Zentimeter misst, lebt zum Vergleich in einem Käfig von der Größe eines Schuhkartons. Klippstein kritisiert, dass das Zusammenpferchen auf engstem Raum diese hochsensiblen Tiere ungemein stresse und vielfach zu Verhaltensstörungen führe. "Viele verbeißen sich dann in den Käfigen, scheuern sich Gliedmaßen auf, werden krank und sterben." Einkalkulierte Verluste, bei einem Lebenszyklus von nur sechs bis acht Monaten. "Da ist der Tod eigentlich nur noch eine Erlösung", so Klippstein.

Auch der Direktor des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildforschung in Berlin Professor Heribert Hofer ist der Meinung, dass das Stressniveau eines Tieres "nach typischem Verständnis" sehr wohl von Umweltfaktoren wie der Gehegegröße und "individuellen Eigenschaften" abhängig ist.

2006 wurde vom Bundesrat eine neue Tierschutz- und Nutztierhaltungsverordnung beschlossen, die größere Käfige für Tiere auf Pelzfarmen vorschreibt. Einem ausgewachsenen Nerz steht demnach eine Grundfläche von mindestens einem Quadratmeter zu. Der Gesetzgeber räumte damals den Betreibern für die Umsetzung der Verordnung eine Übergansfrist von fünf Jahren ein. Ende 2011 lief diese zum Ärger der Pelztierzüchter aus. Einige machten daraufhin ihre Betriebe dicht, andere weigern sich seitdem, die Verordnung umzusetzen. Grosser, der selbst eine Pelzfarm betreibt, "berührt die unsinnige Verordnung mit Gesetzescharakter nicht besonders". Sie sei tierschutzwidrig und so nicht umsetzbar, argumentiert er. Eine abschließende Bewertung muss nun das Bundesverwaltungsgericht in Karlsruhe vornehmen.

Ab 2016 könnte es für die Pelztierzüchter in Deutschland richtig eng werden: Die Käfige müssen dann über frostgeschützte Trinkwasserbecken verfügen. "Diese Vorgabe wird kein Nerzfarmer erfüllen können und wollen", glaubt Aktivist Klippstein. Pelzfarmer Grosser sieht die Pelztierzucht hierzulande noch nicht vor dem Aus, knüpft diese Einschätzung jedoch an den Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts. "Wir gehen von einer Modifizierung, im besten Fall Zurückweisung der Verordnung an den Gesetzgeber, sprich den Bundesrat, aus."

Mehrheit der Deutschen lehnt Echtpelz ab – Imitate immer beliebter

Grausame "Erntezeit" auf Pelzfarmen
Die gehäuteten Nerze werden zusammen in einen Behälter geworfen.
© Jan Peifer

Steht das Geschäft mit den Tierfellen in Deutschland also kurz vor dem Aussterben? In England, Österreich, Kroatien, den Niederlanden und zuletzt in Slowenien haben die Parlamente bereits ein uneingeschränktes nationales Verbot der Pelztierzucht beschlossen.

Die Tierrechtsorganisation PETA fordert seit fast zwanzig Jahren ein Verbot der Pelzfarmen – auch in Deutschland. "In den letzten beiden Jahren haben wir eine Kampagne zur Schließung der letzten illegalen Nerzfarmen in Deutschland gestartet, da diese sich nicht an die gültige Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung halten und die Tiere in viel zu kleinen Drahtkäfigen leben", sagt Frank Schmidt von PETA Deutschland. Und die Strafanzeigen der Organisation gegen die Farmbetreiber haben Erfolg. Nach und nach schließen die Farmen.

Im internationalen Vergleich gehören deutsche Pelzfarmer ohnehin schon längst nicht mehr zu den Big Playern im Geschäft. So werden in Dänemark beispielsweise 16 Millionen Felle im Jahr produziert und damit 40 Mal so viele wie in Deutschland. Doch die richtig dicken Fische im Geschäft mit dem Pelz kommen aus China und Russland. Billig-Pelze aus beiden Ländern stehen bei Modehäusern und Designern hoch im Kurs.

China, wo keinerlei Tierschutzgesetze und Umweltauflagen gelten, hat sich zum größten Exporteur für Tierfelle aufgeschwungen. Die Farmen dort sind "nochmals artwidriger als die ohnehin schon katastrophalen Farmen in Europa oder Nordamerika", sagt Peta-Tierschützer Schmidt.

PETA-Aktivisten führen auf Pelzfarmen in China regelmäßig Undercover-Aktionen durch und filmen dort erschreckende Szenen, in denen zum Beispiel Marderhunde am lebendigen Leib gehäutet werden. Mit diesen Bildern konfrontieren sie entweder direkt die Modefirmen oder wenden sich an die Öffentlichkeit, um nachwachsende Generationen zum Nachdenken anzuregen.

Für Schmidt bedeutet Pelz, egal wo er herkommt, "immer eine artwidrige Zucht auf Farmen oder eine qualvolle Jagd durch Fallen". Deshalb fordert PETA die Konsumenten auf, "keinen Pelz zu kaufen oder zu tragen". Im 21. Jahrhundert sei Echtpelz ein unnötiges Tierqualprodukt. Doch was sollen die Menschen tun, die nicht auf den modernen Pelz-Look verzichten wollen? Schmidt rät, auf Webpelz oder auf eine Vielzahl anderer Materialien wie Baumwolle oder auch moderne Synthetikstoffe zurückzugreifen, die sich zurzeit schon großer Beliebtheit erfreuen. Das deckt sich auch mit einer repräsentativen Umfrage der Gesellschaft für Konsumgüterforschung aus dem Jahr 2007. Demnach sprechen sich über 80 Prozent der Deutschen klar gegen das Tragen und den Kauf von Echtpelz aus.

Zwischen den echten Pelzen und den künstlichen Stoffen, die in den Modeketten angeboten werden, sind heute allerdings für den Konsumenten keine großen Unterschiede mehr zu erkennen. Auch die Preise geben oft keinen Aufschluss mehr darüber, ob das Produkt vom Tier oder aus der Fabrik stammt. Die Hersteller haben die Möglichkeit, echten Pelz sehr günstig anzubieten, da sie ihn günstig aus Asien importieren. Im Zweifel sollte jeder bewusste Konsument daran denken, den Modeverkäufer im Geschäft nach weiteren Angaben zu dem gewünschten Produkt zu fragen.

In Deutschland ist es für den Käufer nicht einfach, an Informationen über die Herkunft, die Tierart oder die Haltungsbedingungen bei Pelzprodukten zu gelangen. Es existiert keine unabhängige oder gesetzliche Pelzdeklarationspflicht. "Die gesetzlichen Vorschriften im Pelzhandel sind völlig mangelhaft", so PETA-Aktivist Schmidt. Zum Beispiel müsste für die genaue Bestimmung, welches Tier für die Kapuze der neuen Daunenjacke sterben musste, ein aufwendiger DNA-Test gemacht werden. Das heißt: "Der angebliche Fuchspelz am Kragen könnte genauso gut ein falsch deklariertes Hundefell aus China sein", so der Tierschützer.

Wegen der unermüdlichen Hartnäckigkeit der Tierschützer könnten die restlichen Farmbetreiber in Deutschland bald schon gezwungen sein, ihre Gastanks in der Garage stehen zu lassen.



Benjamin Seebach beleuchtet in der Nachrichtenredaktion von RTL interactive gerne die Hintergründe, um größere Zusammenhänge aufzuzeigen. Nach ersten Gehversuchen im Lokalfunk studierte er Journalismus an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Köln. Als Dozent bildet er inzwischen auch selbst journalistischen Nachwuchs aus. In seiner Freizeit schindet der NBA-Fan seinen Körper beim Freeletics oder beim Fußballgucken auf der Couch.