Marlowe, Bond & Co.

Ermittler-Typologie: Was die Helden der Krimi-Welt ausmacht

Bestimmte Ermittler-Typen kehren in Krimis immer wieder.
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07. Oktober 2020 - 11:47 Uhr

Eine schwarz-weiße Welt?

Das Wort Krimi löst bei jedem Menschen verschiedene Assoziationen aus. Bei mir verschwimmt das Bild zunächst, bevor es sich zu einer Schwarz-Weiß-Szenerie zusammensetzt, in der ein Typ in leicht verknittertem Anzug mit Hut und Kippe auftaucht, der irgendwie wie Humphrey Bogart aussieht. Einer, der auf verschiedene Namen hört, aber am ehesten auf Sam Spade oder Philip Marlowe.

Krimi-Kolumne von Tobias Elsaesser

Philip Marlowe – Der Privatdetektiv (Raymond Chandler)

Mit Letzterem hat der Autor Raymond Chandler wahrscheinlich den Prototypen des Privatdetektivs, des "Private Eye" geschaffen. Des Schnüfflers, der in den dreckigsten Gassen von Los Angeles ermittelt. Furchtlos, zynisch, aber immer noch bemüht, sich seinen moralischen Kompass zu bewahren, während die Stadt um ihn herum in Korruption versinkt.

Chandler gelingt es mit einem simplen Trick, uns in seine dunkle Welt zu ziehen: dem "Ich-Erzähler". Es scheint, als wüssten wir nur, was er weiß, und als erlebten und erführen alles mit ihm gemeinsam. Hinweise auf das, was dem Helden droht, ergeben sich nur aus der Art, wie Chandler (oder Marlowe) uns seine Geschichte erzählt. Aus den kleinen feinen Bildern, die der Autor wählt. Und gerade die machen Chandlers Erzählkunst aus. Sie sind es, die uns erfahren lassen, was für ein Mann Philipp Marlowe ist, und welche Prüfungen ihm auf dem Weg zur Lösung des Falles noch bevorstehen. Als Privatermittler steht er zwischen den Fronten, allerdings gibt ihm das auch die Freiheit, Gesetz und vor allem Gerechtigkeit so wirken zu lassen, wie er es für richtig hält.

Der Privatdetektiv Philip Marlowe ist der typische Einzelgänger, der sich durch nichts von seinem Weg abbringen lässt, egal was es kostet. Er diente damit vielen anderen Autoren als Vorbild für ihre Protagonisten. Warum er letztlich in meiner Vorstellung wie Humphrey Bogart aussieht, liegt wahrscheinlich an der Verfilmung des wohl bekanntesten Werkes Chandlers "The Big Sleep"* ("Tote schlafen fest").

James Bond – Der Geheimagent (Ian Fleming)

Auch einen anderen bekannten Helden kennen wir am ehesten durch seine Leinwandpräsenz: Den Geheimagenten mit der Lizenz zu töten (im Dienste Ihrer Majestät) – 007 James Bond. Ian Fleming, einst selbst Agent im britischen Nachrichtendienst, führt uns in die geheime Welt der Spione, vor der Kulisse des kalten Krieges. Dort scheinen viele aufregende Abenteuer* zu lauern.

Es ist eine Welt voller spektakulärer Missionen, schneller Autos, hübscher Mädchen und einer Menge Wodka-Martinis. Eine Welt, in der Gut und Böse klar definiert und somit gut auseinanderzuhalten sind. Denn Bond sieht sich eher selten mit dem sowjetischen Geheimdienst konfrontiert, sondern eher mit "Superschurken" wie Ernst Stavro Blofeld und dessen Spezialeinheit für Chaos, Terrorismus und Erpressung (SPECTRE), die die gesamte Welt bedroht. Wenn Bond also von seiner Lizenz zu töten gebraucht macht, trifft es meist üble Menschen, die es, wie man oft leichthin sagt, "verdient" haben. Und wenn der Auftrag erledigt ist, ist meist auch zufällig eine schöne Frau zugegen, mit der er unter die Decke schlüpfen kann.

Ohne Frage hat Fleming hier einen strahlenden Helden geschaffen, der alles hat, wonach wir uns sehnen. Aber hat das Universum des James Bond tatsächlich etwas mit der schmutzigen Geheimdienstwelt zu Zeiten des kalten Krieges zu tun? Bond ist eine schillernde Figur, bekannt wie ein "bunter Hund". Freund und Feind kennen seinen (wahren!) Namen und seine Dienstnummer. Sie wissen, was er am liebsten trinkt und was er macht. Er ist also so ziemlich das Gegenteil von geheim. Dessen war sich der Autor jedoch durchaus bewusst, und er wollte es so.

George Smiley - der Anti-Bond (John Le Carré)

Aber für alle, denen James Bonds Welt zu glamourös ist, gibt es einen Gegenentwurf, den unscheinbaren George Smiley*, geschaffen von John le Carré. Smiley ist ein Anti-Held und alles das, was Bond nicht ist. Es fängt bei den Äußerlichkeiten an: Er ist klein, untersetzt, trägt Brille und schlecht sitzende Anzüge. Smiley ist mit einer Frau verheiratet, die ihn regelmäßig betrügt – zum Teil sogar mit seinen Gegenspielern. Smiley, so scheint es, ist niemand, den man beneidet, er ist viel zu gewöhnlich. Er fällt nicht auf, er verschwindet in der Menge. Das wiederum gereicht ihm in einer Welt, in der man unentdeckt bleiben sollte, um erfolgreich zu sein, zum Vorteil.

Doch die Unterschiede gehen viel weiter. Smileys bevorzugte Waffe ist nicht die Walther PPK, sondern sein Kopf. Es ist sein Auge für das Detail, und die Fähigkeit komplexe Zusammenhänge zu durchblicken. Smiley ist in hohem Maße empathisch, verabscheut Ideologien und sieht sich stattdessen höheren Idealen verpflichtet. Sein Beruf inmitten der grau-schmutzigen Spionage Welt aus Schein und Verrat zwingt ihn, Mittel anzuwenden, die er als Mensch verabscheut.

Dies bringt ihn in ein moralisches Dilemma, das er selber wie folgt formuliert: "Inhuman sein, um unsere Humanität zu verteidigen, brutal sein, um unsere Barmherzigkeit zu verteidigen, einseitig sein, um unsere Vielfalt zu verteidigen". Bei Smileys spannenden Fällen, einen Maulwurf in den eigenen Reihen zu enttarnen (in "Dame, König, Ass, Spion"), sowjetische Geldquellen aufzudecken und stillzulegen ("Eine Art Held") und schließlich seinen großen Gegenspieler im KGB zu Fall zu bringen ("Spion in eigener Sache"), zeigt sich: Genauso spannend ist es, wie er versucht, seinen moralischen Balance-Akt zu meistern. Und die Frage, ob er es schafft.

Javier Falcón - Der Kommissar (Robert Wilson)

Einen Balance-Akt muss auch ein anderer klassischer Ermittlertyp in Robert Wilsons "Der Blinde von Sevilla"* bewältigen. Der spanische Kommissar Javier Falcón wird mit einem besonders grausamen Fall konfrontiert, die ihn in die bisher verborgenen Abgründe seines Lebens und seiner Familie stürzen lassen. Ähnlich wie le Carré gelingt es Wilson hier, zwei spannende miteinander verwobene Geschichten zu erzählen.

Ein altes Foto, das eines der Mordopfer zusammen mit seinem verstorbenen Vater zeigt – einem berühmten Maler – bringt den Kommissar dazu, in dessen Tagebuchaufzeichnungen nach einem Hinweis auf den Mörder zu suchen. Was er dort findet, bringt ihn an den Rand seiner beruflichen Fähigkeiten und die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit. Er steht nicht nur beruflich vor der größten Herausforderung seines Lebens und muss dieses dabei von Grund auf hinterfragen. Möglicherweise hat er es auf einer großen Lüge aufgebaut.

Falcón ist, anders als der Privatdetektiv Philip Marlowe, nicht der klassische Einzelgänger. Er hat sich diesen Weg nicht ausgesucht, er wird ihn mit diesem Fall erst auferlegt. Wenn überhaupt, kann er das dunkle Labyrinth der Geheimnisse seines Vaters nur alleine durchdringen.

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