England-Deutschland: Es ist wieder soweit!

"Wembley liegt uns" - auch 2021?

24. Juni 2021 - 14:29 Uhr

England vs. Deutschland in Wembley - mehr geht nicht

von Martin Armbruster

Ungarn war gestern. Jetzt heißt es Wembley-Stadion, England gegen Deutschland, "Tommys" gegen "Krauts". Kaum ein Spiel hat mehr Fußball-Historie zu bieten. "Wembley liegt uns", frohlockt DFB-Kapitän Manuel Neuer vor dem Giganten-Klassiker. Ein Blick ins Geschichtsbuch bestätigt ihn. Doch Obacht: Die jungen Engländer brennen auf das Spiel – und der Trainer hat mit Deutschland auch noch ein Hühnchen zu rupfen.

Das berühmteste "Tor" der Fußball-Geschichte

"Nicht im Tor, kein Tor – oder doch? Jetzt was entscheidet der Linienrichter?" Die Fragen von TV-Reporter Rudi Michel kennt jeder Fußball-Fan. Sie begleiten die Sekunden, die sich unmittelbar nach dem berühmtesten (Nicht-)Tor der Fußball-Geschichte abspielen.

WM-Finale 1966: England – Deutschland, Wembley-Stadion. Spielstand 2:2, Verlängerung, 101. Minute: Geoff Hurst hat den Ball aus kurzer Distanz aufs deutsche Tor gefeuert, Torwart Hans Tilkowski das Leder mit einem Super-Reflex an die Unterkante der Latte gelenkt. Von dort springt die Murmel auf die Torlinie, Verteidiger Wolfgang Weber klärt ins Tor-Aus.

Eckball, denken alle. Schiri Gottfried Dienst aus der Schweiz aber läuft zur Seitenlinie. Zu Linienrichter Tofik Bachramow, der ihn hergewunken hat. "Is Gol, Gol, Gol", säuselt der Aserbaidschaner seinem Dienstherrn ins Ohr. Damit steht es 3:2 für England, die "Three Lions" machen noch das (ebenfalls irreguläre) 4:2 und krönen sich daheim (zum einzigen Mal) zum Weltmeister – das Mutterland des Fußballs auf dem Thron.

Uwe Seeler, Franz Beckenbauer und Co. tragen es mit Fassung. Später kam heraus, dass sich Bachramow seinen Final-Einsatz mit ein paar Dosen feinstem sowjetischen Kaviar erkauft hatte.

ARCHIV - Tor oder nicht Tor im Finale Deutschland gegen England bei der Fußball-WM 1966 am 30. Juli im Londoner Wembley-Stadion. Der vom englischen Stürmer Geoff Hurst (nicht im Bild) geschossene Ball knallt von der Latte auf den Boden. Der deutsche
Geoff Hursts Jubel erstarb zwar, der Schiri gab sein Wembley-Tor dennoch - obwohl der Ball auf die Linie sprang.
© dpa

Wembley seit 1966 für England verhext

Das mythische Wembley-Tor. Fast scheint es, als habe es den englischen Fußball verhext. Jedenfalls immer dann, wenn England gegen Deutschland spielt. "Wembley liegt uns", sagte DFB-Kapitän Manuel Neuer nach dem glücklichen 2:2 gegen Ungarn mit einem Grinsen, als man ihn aufs Achtelfinale ansprach.

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Immer diese verdammten Deutschen!

In der Tat: Seit 1966 hat Deutschland alle wichtigen Spiele in Wembley (und auch sonst) gegen England gewonnen. Unvergessen der erste Sieg einer deutschen Elf auf englischem Boden im EM-Viertelfinale 1972. Angeführt von einem überragenden Günter Netzer, gab die Elf von Helmut Schön den Hausherren 3:1 auf die Mütze.

Ebenso unvergessen Deutschlands Triumph im EM-Halbfinale 1996, 30 Jahre nach Hurst und Tilkowski. In einem dramatischen Elfmeterschießen ballerte Andreas Möller die Mannschaft von Berti Vogts ins Finale (das man gegen Tschechien gewann). England weinte, Deutschland lachte – genauso, wie es schon sechs Jahre zuvor bei der WM in Italien im Halbfinale beim Showdown aus elf Metern gewesen war.

Und auch beim letzten Spiel im alten Wembley-Stadion jubelten die "Krauts". In der EM-Quali 2000 hielt "Abrissbirne" Didi Hamann bei einem Freistoß aus 30 Metern einfach mal drauf. Bei Starkregen (vgl. München gestern) flutschte die Glitsch-Kugel England-Torwart Dave Seaman (der elegantesten Kreuzung aus Schnauzbart und Pferdeschwanz) durch die Flossen. 0:1 – immer diese verdammten Deutschen!

Das letzte Spiel vor dem Neubau des Wembley-Stadions: Angeführt von den Legenden Bobby Charlton und Franz Beckenbauer betreten England und Deutschland den Platz.
Das letzte Spiel vor dem Neubau des Wembley-Stadions: Angeführt von den Legenden Bobby Charlton und Franz Beckenbauer betreten England und Deutschland den Platz.
© Imago Sportfotodienst

Southgate und Deutschland - da war doch was ...

Wenn Neuer und Co. nun 2021 im Achtelfinale auf England treffen, zählt all dies freilich nichts mehr. Die Geschichten sind mehr in den Köpfen der Fans als in denen der Spieler präsent. Was also erwartet "uns" am Dienstag?

Zunächst einmal ein Trainer, der mit Deutschland noch eine Rechnung offen hat: Gareth Southgate. Er war beim Elfmeter-Drama '96 der große Pechvogel vom Punkt. Paul Gascoigne, Alan Shearer, selbst Stuart Pearce, der 1990 noch gescheitert war –, alle hatten sie vor Southgate getroffen, ein Versuch besser als der nächste. Das Vorurteil, Engländer könnten keine Elfer schießen, es schien sich aufzulösen.

Bis Southgate kam. Dem Abwehrmann versagten die Nerven. Sein Schuss: für Deutschlands Nummer 1, Andy Köpke, leichte Beute. Es kam Möller – und der Rest ist, wie man so schön sagt, History. Der heute 50-jährige Southgate, seit 2016 Dompteur der "Three Lions", wird es also verstehen, seine Truppe für den Achtelfinal-Showdown zu motivieren.

 Torwart Andreas Köpke Deutschland hält im Elfmeterschießen gegen Gareth Southgate England - es bleibt beim 5:5
Entscheidung im Elfer-Krimi 1996: Southgate verschießt, Köpke hält.
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Kapitän Kane noch torlos

Die Engländer sind jung und brauchen den Sieg. Mit einem Durchschnitts-Alter von 25,3 Jahren stellen die Southgate-Boys die jüngste Mannschaft des Turniers - eine mit vielen Stärken, vor allem in der Offensive. Da wäre Raheem Sterling, der Weltklasse-Stürmer von Meister Machester City. Wenn die englisch-jamaikanische Rakete auf den Flügeln zündet, müssen Joshua Kimmich, Matthias Ginter und Robin Gosens auf der Hut sein.

In der Sturmspitze wartet derweil Kapitän Harry Kane auf seinen Durchbruch. Bislang netzte der Star von Tottenham Hotspur bei dieser EM noch nicht – eine passendere Tor-Premiere als gegen den Fußball-"Erbfeind" Deutschland? Gibt's nicht!

Von der Bank kann Southgate Granaten wie die Dortmunder Jadon Sancho und Jude Bellingham oder Marcus Rashford von Manchester United bringen. Wendige, blitzschnelle, technisch beschlagene Spieler. Eine Herausforderung für die deutschen Abwehrkästen Mats Hummels und Antonio Rüdiger.

England v Scotland - UEFA EURO, EM, Europameisterschaft,Fussball 2020 - Group D - Wembley Stadium Harry Kane is substituted by Gareth Southgate during England s match against Scotland in the UEFA European Championships 2020 Use subject to restriction
Gareth Southgate und Harry Kane wollen England endlich mal wieder einen Titel bescheren
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Beste Chancen gegen spielstarke Engländer

Zurück zum torhungernden Kane. Denn der steht – und das sind die vielleicht etwas beruhigenden Nachrichten aus deutscher Sicht – gewisserweise stellvertretend für die bisherigen Leistungen der englischen Mannschaft.

So richtig drin sind die Engländer noch nicht im Turnier. 1:0 gegen Kroatien, das überaus enttäuschende 0:0 gegen Insel-Nachbar Schottland und wieder ein zähes 1:0 über die Tschechen. Der englische Offensiv-Motor, in der EM-Quali noch geölt wie ein Jaguar – er stottert. Ihre Spielstärke konnten Kane und Co. noch nicht entfalten.

Aber müssen sie das überhaupt gegen schwächelnde Jogi-Männer? Spielstarke Teams liegen der DFB-Elf, heißt es unisono unter Fußball-Experten. Folgt man dieser Theorie, stehen Deutschlands Chancen am Dienstag also ironischerweise am besten, wenn die "Three Lions" ihren Angriffs-Biss wiederfinden.

Schwieriger wird es wohl, wenn Southgate seinen Mannen Minimalisten-Fußball verordnet. Hinten zumachen und vorne gegen die löchrige DFB-Abwehr irgendwie eins machen – Frankreich und Ungarn haben's ja vorgemacht.

Defensiv standen die Engländer (mit ein paar Ausnahmen) bis dato ziemlich sicher. Mit Jordan Pickford haben sie auch noch einen ordentlichen Tormann. Bei der WM 2018 in Russland gewannen die Engländer dank Pickford gar – man staune! - ein Elfmeterschießen (im Achtelfinale gegen Kolumbien).

Klinsmann prophezeit nächsten Fußball-Krimi

"Wenn man sich die beiden Teams anschaut, Position für Position, sind sie ziemlich gleichwertig besetzt. Das wird ein 50/50-Spiel. Die Tagesform wird entscheiden", sagte England-Kenner Jürgen Klinsmann der BBC vor dem Spiel der Spiele. Der Ex-Bundestrainer sah beim Halbfinal-Krimi 1996 verletzt zu, wie seine Kollegen die "Three Lions" besiegten.

Geht es nach Klinsmann, müssen sich die englischen und deutschen Fans am Dienstag auf den nächsten Thriller mit Herzkasper-Potenzial einstellen. "Das wird ein absoluter Kampf. Es könnte wieder in einem Elfmeterschießen enden."

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