Die Frauenhasser-Community

Wenn der Hass auf Frauen tödlich endet

Symbolfoto
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© dpa, Maurizio Gambarini, gam sup sab rho mut rho fg

16. August 2020 - 15:44 Uhr

Von Michael Ortmann

Sie hassen Frauen. Ob der Rechtsterrorist und Massenmörder Anders Breivik aus Norwegen (77 Tote), Alek Minassian aus Toronto (10 Tote), Tobias R., der Attentäter von Hanau (10 Tote) oder Stephan B. aus Halle (2 Tote), sie alle haben etwas gemeinsam: Sie sind einsame Männer, sie hassen Juden, Ausländer und sie hassen Frauen.

Rapper huldigt Frauenmörder mit schweinischem Songtext

Flowers and messages at a memorial during an inter-faith vigil at Nathan Phillips Square in memory of the 10 people killed and 15 people injured in a deadly van attack in Toronto, Ontario, Canada, on 29 April 2018. Alek Minassian is identified as the
Blumensträuße erinnern an die Opfer des Blutbades von Toronto im April 2018.
© picture alliance / NurPhoto, Creative Touch Imaging Ltd

Die Bilder haben sich eingebrannt. Ein Mann in dunkler Kampfmontur und mit Helm steht tagsüber mitten in Halle, lädt seine selbstgebaute Waffe durch und schießt mehrmals Richtung Polizisten, die die Straße abgesperrt haben. Er wirkt ruhig und besonnen, von Hektik keine Spur. Dabei hat Stephan B. gerade erst versucht ein Massaker in einer jüdischen Gemeinde in Halle zu verüben und hat zwei Menschen erschossen.

Aus seinem Wagen dröhnt Musik. Sie ist laut, schnell, hart. Auch der Text. "Ride my dick and cum inside, while I doing homicide" (frei und zurückhaltend übersetzt: Lass uns Sex haben und ich komme in dir, während ich andere umbringe). Mit diesem Lied huldigt der Rapper Egg White dem Kanadier Alek Minassian, der am 23. April 2018 in Toronto mit einem Lieferwagen acht Frauen und zwei Männer tötete. Er war ein Frauenhasser und INCEL (engl. Involuntary celibate, was soviel bedeutet wie "unfreiwillig im Zölibat").

Viele sind jung, schüchtern und technikaffin

Symbolbild Mobbing unter Jugendlichen: Heranwachsender sitzt am Bildschirm eines PC s mit Schriftzug HassSymbol image Bullying under Young people adolescent sits at Screen a PC S with emblem Hatred
Hass auf Frauen als Motiv für mörderische Gewalt ist weit verbreitet (Symbolfoto).
© imago/Ralph Peters, imago stock&people

"Der überwiegende Teil der Szene ist sehr jung, schüchtern und technikaffin. Zwischen 16 und 21 Jahre alt, selten über 24 Jahre. Sie sind allein und haben keine Freundin. Sie glauben, sie haben wichtige Momente im Leben, wie den ersten Sex, verpasst. Und das, obwohl er ihnen zusteht. Nun suchen sie einen Schuldigen," so die Soziologin Veronika Kracher im RTL.de Interview," und das ist die moderne Frau."

Online finden die Verschmähten dann Trost bei Gleichgesinnten. In den Frauenhasser – Foren auf digitalen Plattformen wie 4chan, 8kun oder discord badet sich die Szene im Selbstmitleid. Die moderne Frau, oder "Stacey" (Jargon), sei in erster Linie nur am eigenen Wohlstand interessiert. Sie bekomme keine Kinder mehr, weil es im Wettrennen um eine gute Position und finanzielle Unabhängigkeit hinderlich ist.

Und wenn sie sich auf einen Mann einlässt, dann nur, wenn der gut situiert ist und exzellent aussieht, also ein echter "Chad" (Jargon) ist. Und auch auf Ausländer seien sie scharf, so der Tenor. Zwar sind viele in der INCEL-Szene völlig ungefährlich. Aber solche Argumente öffnen die Pforte für das radikale Klientel: die Rechtsextremen. Und nun wird es gefährlich.

RTL NEWS empfiehlt

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Massenmörder machte regelrecht" Jagd auf Frauen"

FILE - Wreaths are placed at the sea side in Utvika, Norway, opposite ot the Utoya island (in background), 22 July 2013 as the country marks the second anniversary of the twin Oslo-Utoeya massacre by self confessed killer Anders Behring Breivik. Phot
Insel Utoya
© dpa, Aleksander Andersen

Einer der Vorreiter war der Massenmörder Anders Breivik. Am 22. Juli 2011 fährt der Norweger mit einem Kleintransporter in das Regierungsviertel im norwegischen Oslo. Auch der damals 32-Jährige ist ein einsamer Mann. Seine Mutter fand ihn als Kind schwierig und ein medizinischer Gutachter bestätigt, "ihm fehlen fast vollständig alle Elemente der Lust und der Freude" und man empfahl die Unterbringung in einem "stabilen Pflegeheim", was aber nicht geschah.

Eine von ihm gebaute Bombe tötet vor dem norwegischen Regierungsgebäude in Oslo acht Menschen. Anschließend erschießt er auf der Insel Utoya 69 Teilnehmer einer sozialdemokratischen Jugendorganisation.

Ein Überlebender wird hinterher berichten, dass er den Eindruck habe, er habe regelrecht "Jagd auf Frauen gemacht". Und auch in seinem anschließend veröffentlichten Schreiben wird sein Hass deutlich. "Das Erstarken des Feminismus bedeutet das Ende der Nation und das Ende des Westens." Und er ist sich sicher, dass Frauen zu ermorden sinnvoll sein kann, wenn eine ganze Nation gerettet werden müsse.

"Rechtsextremismus braucht Frauen, die möglichst viele Soldaten gebären"

Schlaffer
Philip Schlaffer heute und in der Vergangenheit alls Rechtsextremer

Philip Schlaffer ist heute mit viel Leidenschaft ein radikaler Gegner des Rechtsextremismus und bewahrt Schüler davor, in diese Szene abzurutschen. Früher jedoch war er mit jeder Faser seines Körpers Teil der rechtsradikalen Subkultur. Gewaltbereit, mit Hass erfüllt und körperlich von beeindruckender Statur. Beeindruckend, das weiß er, soll auch das Selbstverständnis der Rechtsradikalen klingen.

"Der Mann steht in vorderster Front und im Kampf für eine neue Weltordnung, denn es geht schlicht und ergreifend um das Überleben der weißen Rasse. Was der Rechtsextremismus braucht, sind also Frauen, die möglichst viele Soldaten gebären, und das machen emanzipierte Frauen eben nicht. So werden sie zu Feinden, die man bekämpfen muss," so Schlaffer im RTL.de-Interview.

Hanau-Killer: Ein Leben ohne Freundin

11.08.2020, Hessen, Hanau: Unter dem Brüder Grimm-Denkmal auf dem Hanauer Marktplatz wird an die Opfer des rassistisch motivierten Anschlags vom 19. Februar erinnert. Der 43-jährige Deutsche Tobias R. erschoss damals neun Menschen an mehreren Orten i
Gedenken an die Opfer des Anschlags in Hanau
© dpa, Christine Schultze, rho

Auch Tobias R., der Attentäter von Hanau, hatte eine große Wut auf Frauen. "Er habe ein Leben lang keine Freundin gehabt," schreibt der damals 43-Jährige. Er habe sogar ein Studium der Betriebswirtschaftslehre in Bayreuth aufgenommen, "auch in der Hoffnung, endlich eine Frau kennen zulernen." Erfolg hatte er damit nicht.

Am 19. Februar 2020 erschießt er, getrieben von Hass auf Ausländer, Juden und Frauen, neun Menschen in und vor zwei Shisha-Bars, fährt dann zu sich nach Hause und erschießt dort seine Mutter und sich selbst.

Sie haben keinen Sex und baden in Selbstmitleid

"Überwiegend Männer werden zu Mördern aus dem Gefühl heraus, enttäuscht und verlassen worden zu sein", so Melanie Hermann von der Amadeu–Antonio-Stiftung. "Sie haben keine Freundin, keinen Sex und sind sich aber sicher, dass es ihnen zusteht."

Das Bad im Selbstmitleid hat auch Philip Schlaffer in der rechtsextremen Szene beobachtet. "Viele denken, ich bin so ein harter Hund, bereit für das Überleben unserer Rasse zu kämpfen. Und dann will mich keine. Das macht viele wütend."

Unterschiedliche Strömungen, die der Frauenhass eint

Neo-Nazis, white supremacists and other alt-right factions scuffled with counter-demonstrators near Emancipation Park (Formerly "Lee Park") in downtown Charlottesville, Virginia. After fighting between factions escalated, Virginia State Police ordere
Weiße Nationalisten in den USA
© picture alliance / Pacific Press, Albin Lohr-Jones, MGC

Und so treffen sich in ihrem Hass auf Ausländer, Juden und Frauen die unterschiedlichsten Strömungen zusammen und vermischen sich. Die INCELS, die Rechtsextremen, die Verschwörungsphantasten der White-, Red and Blackpill Bewegung, Die "Männer-gehen-ihren-eigenen-Weg" Fanatiker, die Nationalisten, die Antisemiten (…)

In Pakistan und Indien hetzten sie gegen Frauen, die nur hellhäutige Männer wollen, in afrikanischen Ländern hassen die weißen die schwarzen Männer, die mit ihrer angeblichen Triebhaftigkeit weiße Frauen beeindrucken. In den USA ist es die rechtsextreme Alt-right-Bewegung, die auf Reddit gegen die moderne Frau hetzt. Und in Europa sehen viele schon den großen Bevölkerungs–Austausch durch Muslime kommen, wenn europäische und deutsche Frauen nicht mehr Kinder gebären.

Noch ist die toxische Allianz relativ überschaubar

Die wachsende Frauenhasser-Communitiy ist besorgniserregend. In einigen Foren sammeln sich Zehntausende von Ihnen. Und Foren gibt es auch mehrere Tausend. Diese toxische Allianz ist, gemessen an rund vier Milliarden Internet-Usern weltweit, immer noch sehr überschaubar. Aber die wenigen, die sich in den einschlägigen Foren radikalisiert haben, haben schon verheerendes angerichtet.

Denn ob Anders Breivik, Alek Minassian, Tobias R. aus Hanau oder Stephan B. aus Halle: Sie alle waren unfähig, Freundschaften und Beziehungen zu Frauen aufzubauen. Und sie alle sind zu Mördern oder Massenmördern geworden.