Albtraum-Gerede völlig unbegründet

Mentalität und Tempo: Warum Deutschland gegen Spanien alles andere als chancenlos ist

Deutschland vergeigt erneut WM-Auftakt gegen Japan Das DFB-Debakel im Video
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Das DFB-Debakel im Video
Deutschland vergeigt erneut WM-Auftakt gegen Japan

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Schwarz-weiß sind die Trikots der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Schwarz-weiß ist auch das Denken nicht weniger Fußball-Fans hierzulande. Nach der 1:2-Pleite gegen Japan zum WM-Auftakt in Katar (die Highlights im Video) schreiben viele die Elf von Bundestrainer Hansi Flick schon ab, sehen das DFB-Team heute Abend gegen Spanien (20 Uhr/ZDF und Magenta) als klaren Underdog. Doch warum eigentlich? Deutschland geht alles andere als chancenlos in das „Endspiel“ der Vorrunde.

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Costa Rica schlägt Japan, Marokko schockt Belgien Glück für Deutschland!
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Spanien als deutscher WM-Bestatter?

So schlecht, wie man manchmal meinen könnte, ist es in Deutschland gar nicht. Die Wirtschaft ist trotz Inflation überraschend gewachsen, die Gasspeicher sind trotz Energiekrise voll. Und doch ist die Stimmungsflasche leer. Und das gilt auch mit Blick auf die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Katar.

Lese-Tipp: DFB-Elf nun ausgerechnet gegen Angstgegner Spanien

Nun, viele Fans begeistert diese Winter-WM aus bekannten Gründen eh nicht. Die aber, die sie juckt, und die, die doch die Glotze anmachen und mit der DFB-Elf mitfiebern –, die haben Hansi Flicks Mannschaft irgendwie schon abgeschrieben. Nach dem 1:2 gegen Japan zum Auftakt jetzt der Brocken und Angstgegner Spanien. Die Iberer als Menetekel, das zweite Vorrunden-Aus in Folge nur noch bittere Formsache, unken die Pessimisten. Moment!

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DFB-Elf doch gar nicht so schlecht

Was der deutsche Mecker-Michel unterschlägt: So schlecht hat Deutschland gegen Japan gar nicht gespielt. Im Gegenteil. Rund 70 Minuten machte die Flick-Elf einen absolut WM-reifen Eindruck, hatte die Asiaten klar im Griff. Es kam halt nur, wie es im Fußball manchmal kommt: Vor lauter Überlegenheit vergaßen die Deutschen nach ihrer 1:0-Führung die zweite Bude zu machen. Wäre das 2:0 gefallen – Fußball-Deutschland würde einen gelungenen Start ins Katar-Turnier diskutieren und auf ganz anderem Niveau klagen (aber natürlich klagen).

Dass nun alle Bammel haben vor den Spaniern, die Costa Rica mit 7:0 in die Wüste geschickt haben, leuchtet nicht recht ein. Gewiss, die Spanier sind eine äußerst spielstarke Mannschaft. Die berüchtigte „Furia Roja“ (die rote Furie) vergangener Tage sind sie aber bei weitem noch nicht.

Im Mittelfeld liegt die Chance

Spaniens Ballbesitz-Fußball der Marke Tiki Taka sollte den Flick-Männern liegen – besser jedenfalls als die überfallartigen Angriffe der Japaner in der zweiten Halbzeit am Dienstag. Spanien lässt den Ball laufen und laufen und laufen. Gegen sich ergebende Costa Ricaner mag das funktionieren. Gegen ein Deutschland mit seinen Weltklasse-Mittelfeldspielern Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Ilkay Gündogan sollte, nein, darf und wird das so nicht laufen.

Lese-Tipp: Deutschlands Hoffnung heißt Sané

Hier liegt die Chance für Deutschland: Die Ballkünstler um Pedri und Gavi früh stören, bissig agieren, in Zweikämpfe verwickeln und dann mit schnellem Umschaltspiel überrumpeln. Warum sollte das den Tempomaten Jamal Musiala und Serge Gnabry nicht gelingen? Ein weiteres Plus: Der formstarke Leory Sané ist wieder im Kader, ihn könnte Flick von der Bank als Impuls bringen, wenn es nötig ist.

Abwehr muss es zeigen

Der deutsche Angriff ist auf jeden Fall in der Lage, dem jungen spanischen Team eins einzuschenken. Umso wichtiger, dass die Abwehr diesmal steht. Schwarzmalen bringt an dieser Stelle nix! Die Fehler, die Niklas Süle und Nico Schlotterbeck gegen Japan gemacht haben, darf man sich gegen keinen Gegner leisten. Nicht gegen vermeintlich kleine, nicht gegen Schwergewichte à la Spanien.

Die viel gescholtenen Abwehrrecken dürften gegen Spanien doppelt und dreifach motiviert sein, es sich und allen Kritikern zu zeigen. Dicht machen, um jeden Preis!

Bayern-Mentalität muss her

Das vielleicht größte Plus Deutschlands gegen Spanien sind Erfahrung und Mentalität. Mit einem Durchschnittsalter von 25,6 Jahren hat Spanien die zweitjüngste Mannschaft der WM. Und diese Jungens von Luis Enrique haben noch längst nicht die Konstanz, um jedes Spiel zu einer Torgala à la Costa Rica zu verwandeln.

In Nations League und WM-Quali etwa präsentierte sich Spanien wechselhaft. Mal (offensiv-)stark, dann wieder (defensiv-)schwach. Eine Dominanz-Walze wie es die Seleccion zwischen 2008 und 2012 war, ist diese spanische Elf noch lange nicht. Auch die 0:6-Klatsche der Deutschen in Sevilla Ende 2020 (noch unter Jogi Löw) ist kein Maßstab für das momentane Albtraum-Gerede.

Die DFB-Elf braucht sich heute Abend überhaupt nicht ins Hemd zu machen, sie sollte sich vielmehr die Mentalität des Bayern-Blocks einimpfen. Mia san mia! Goretzka, Kimmich, Gnabry, Neuer und Müller wissen, wie man gegen spanische Mannschaften gewinnt. Mit dem FC Bayern feierten sie in den vergangenen Jahren mehrere Kantersiege gegen spanisch/katalanische Teams. Warum nicht auch heute? (mar)