Revolution beim DFB

Bundestrainer Hansi Flick kassiert Joachim Löws Erbe gnadenlos

10. August 2021 - 20:11 Uhr

Qualität und Mentalität sind die Kriterien

von Tobias Nordmann

Hansi Flick ist gleich in seinem Element. Bei der Präsentation als Bundestrainer (oben im Video) verkündet der Münchner Titelsammler seinen Plan für wieder erfolgreichere Zeiten der Nationalmannschaft. Qualität und Mentalität sind seine Kriterien. Und es gibt einen ersten Gewinner.

Einfach mal die "Besten" holen

Hansi Flick hat an diesem Dienstag einen Satz gesagt, der sehr vernünftig ist. Natürlich hat er nicht nur einen Satz gesagt, der vernünftig ist, aber es war halt doch einer dabei, der besonders vernünftig war. Der Mann, der sich nun um die deutsche Nationalmannschaft kümmert - was nach 15 Jahren Joachim Löw in Hauptverantwortung immer noch äußerst fremd und unwirklich klingt - verkündete nämlich, dass "die Besten eingeladen werden, wenn sie Topleistungen abrufen." Und wenn sie, die Besten, Topleistungen anbieten, dann "sind sie ein Teil der Mannschaft." Seiner Mannschaft. Vernünftig und bemerkenswert ist dieser Satz, weil er Teil der Revolution der Post-Löw-Ära beim DFB ist.

Natürlich war nicht alles schlecht unter dem ewigen Bundes-Jogi, auch wenn manche das gerne behaupten. Das Bild des Weltmeisters-Trainers ist aber reichlich verblasst in den vergangenen Jahren. Zu viele Sachen (Ergebnisse und Spielweisen) sind tatsächlich schiefgelaufen. Auch weil Löw Dinge tat, die Flick nicht tun wird. Weil Löw eben nicht immer die besten Spieler mit der besten Form in seinen Kader holte. Und die Wut über diese Ignoranz kulminierte lediglich in den Personalien Thomas Müller und Mats Hummels, die erst zur letzten Mission des Bundestrainers begnadigt worden waren. Letztendlich ohne Effekt, freilich auch, weil sie zu spät kamen.

Die Nibelungentreue zu alten Helden wurde ebenso zum chronischen Vorwurf wie die mangelnde Bereitschaft, Problembereiche auf dem Feld mit mutigen Entscheidungen zu korrigieren. Eine versteckte Kritik? Flick wehrte sich gegen solche Interpretation, Löw habe "herausragende Arbeit" geleistet und er habe ihm "sehr viel zu verdanken". Ein ausführlicher Austausch zwischen den beiden steht noch aus: "Er will erstmal durchatmen, die Zeit hat er auch verdient. Dann werden wir wieder Kontakt haben und schön essen gehen."

Diesen Männern vertraut der neue Budestrainer

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Teil (II) und (III) der Revolution

Eine mutige Entscheidung wäre etwa gewesen, das Mittelfeld-Zentrum mal nicht mit Toni Kroos zu besetzen. Sondern mal mit Joshua Kimmich und Leon Goretzka. Die Beiden hatten beim FC Bayern - unter Flick übrigens - besonders gut funktioniert und waren das Intensitäts- und Powerzentrum der Titelhamster aus München. Eine Entscheidung für den Doppelblock des Rekordmeisters wäre indes als Entscheidung gegen Kroos wahrgenommen worden. Gegen den engen Vertrauten von Löw.

Eine nationale Diskussion hatte sich daraus bereits entsponnen, mit einem bizarren Höhepunkt. Involviert war natürlich Uli Hoeneß, der populistische Patron des FC Bayern, der sich bei aller Sympathie für Kroos in ein episches Plädoyer gegen seinen ehemaligen Spieler verbiss. Der Spieler konterte. Schnell und lässig.

König: "Flick muss keine Rücksicht nehmen"

Flicks Personal hat sich schon formiert. Aber womöglich hatte auch Kroos gesehen, dass sein (Stamm)-Platz in der Nationalmannschaf nun anfechtbar war. Nicht, weil er den Ansprüchen nicht mehr genügen würde, sondern weil es da eine Kombination gibt, die für den Fußball von Flick erfolgsversprechender ist. Der ist auf hartes Pressing und schnelles Umschaltspiel aus. Der von Löw so geliebte Ballbesitzfußball hat ausgedient. Der neue Mann will "früh attackieren" und "schnelle Tore nach Ballgewinnen" erzielen. Die Fußball-EM habe gerade erst gezeigt, dass die besten Mannschaften des Kontinents mit "hohen Ballgewinnen" zum Erfolg gekommen seien. Teil (II) der Revolution der Post-Löw-Ära beim DFB.

Der neue Ansatz, er ist nichts für Kroos. Er ist eher der Typ, der einem eleganten Ensemble, wie einst das spektakuläre Real Madrid, die erdrückende Dominanz und einen zermürbenden Passspiel-Furor schenken kann. Man muss diese Personalie nicht weiter ausführen, Kroos hat sich aus dem Kreis der Nationalspieler zurückgezogen. Flick gefiel das übrigens nicht. Er hätte gerne mit ihm gearbeitet. Und womöglich an seinen Standards? Denn auch die, so der Bundestrainer, hätten den besten Teams der EM zum Erfolg verholfen. Teil (III) der Revolution der Post-Löw-Ära beim DFB.

"Verarscht mich jemand?"

Die Standards, die waren tatsächlich mal eine beeindruckende Kompetenz von Kroos. Im Spiel der deutschen Nationalmannschaft allerdings schon länger nicht mehr. Die Standards, sie waren für Löw etwa das, was für viele Menschen der Mathe-Unterricht war. Eine Sache, die zwar sein muss, aber nichts, wofür man unnötig viel Kraft und Aufmerksamkeit verschwenden müsse. Das Ergebnis, eher erschütternd. Die eigenen Situationen waren zumeist befreit von Gefahr oder endeten im Desaster (Gegentor gegen Portugal). Und die Aktionen des Gegners wurden häufig nicht sonderlich souverän abgearbeitet. Flick hat das gesehen. Und es hat ihm nicht gefallen. 2014, beim erfolgreichen WM-Weg, war er der Mann, der sich der Standards angenommen hatte. Löw hatte anderes zu tun.

Auch Flick wird sich als Bundestrainer um Eckbälle und Freistöße nicht mehr selbst kümmern. Auch für ihn fallen viele andere Aufgaben an. Aber er überlässt eben nichts der glücklichen oder manchmal eben weniger glücklichen Fügung. Flick hat sich einen Spezialisten ins Team geholt. Der Däne Mads Buttgereit kommt als Trainer mit klar definiertem Aufgabengebiet. Bei EM-Überraschung Dänemark war er der "Mastermind" für ruhende Bälle. Er habe bei Flicks Anruf "zuerst gedacht, da verarscht mich jemand", verriet der 36-Jährige, für den die neue Aufgabe "eine Riesenehre" sei.

Irgendwie wird Buttgereit dann künftig auch mit Hermann Gerland zusammenarbeiten. Den will Flick unbedingt ebenfalls in sein Team holen. Nur in welcher Funktion, das ist noch nicht ganz klar. "Er hat seine Bereitschaft signalisiert. Da müssen wir uns im Detail unterhalten, welche Aufgabe er ausfüllen kann", sagte Flick. Es geht dabei wohl um eine Tätigkeit im Scoutingbereich. Die Idee ist sicher nicht schlecht. Beim FC Bayern hat er schließlich sein besonders gutes Auge über Jahrzehnte bewiesen. "Er ist einer der ehrlichsten Menschen, die ich erlebt habe. Und ich glaube, er tut uns als Verband auch gut", hob Flick hervor. Tatsächlich wird das so sein, denn mit Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit hat der DFB ja auf manchen Ebenen durchaus größere Schwierigkeiten.

Video: Flick holt neuen Torwarttrainer aus Freiburg

Flick verspricht "begeisternden und erfolgreichen Fußball"

Ein anderes Problem: Die Entgrenzung des Kosmos Nationalmannschaft von jenen Menschen, denen das Team eigentlich gefallen will. Profitgieriger Gigantismus und mehrere PR-Debakel haben "dunkle Wolken" aufziehen lassen, die einfach nicht verschwinden wollen. Auch weil die Fußballer eben keine mitreißenden Leistungen mehr boten, die womöglich wie ein Luftzug wieder für blauen Himmel gesorgt hätten. Hansi, wie sie beim DFB alle sagen, soll es richten. Schön spielen, erfolgreich spielen und die Massen begeistern. Und eventuell die "Ehre des Verbands" wiederherstellen, die Interimspräsident Peter Peters derzeit in Trümmern liegen sieht. Womit er recht hat. Eine Klare-Sicht-der-Dinge-Gabe, die nicht all seine Vorgänger für sich in Anspruch nehmen durften.

Prima Sache das alles, wenn es gelingt. Und die Sache ist auch so: Es muss gelingen, denn sonst ist die Stimmung noch schlechter als ohnehin schon. In der Qualifikationsgruppe für die WM 2022 in Katar ist Deutschland derzeit Dritter. Nur der Tabellen-Erste qualifiziert sich sicher für das Turnier. Flick versprach, "attraktiven, begeisternden und erfolgreichen Fußball" spielen lassen und die Nationalmannschaft wieder zurück in die Weltspitze führen zu wollen. "Das wird nicht von heute auf morgen gehen, aber wir werden alles tun, um dieses Ziel zu erreichen". Er erwartet von seinen Nationalspielern eine "All-in-Mentalität". Das bedeute für Flick, "dass man alles gibt, um als Sieger vom Platz zu gehen. Das werden wir vorleben, wir alle." Er also auch.

Einfach mal ins Stadion gehen

Bereits am Freitag wird der neue Bundestrainer zum Bundesliga-Auftakt des FC Bayern, sein Ex-Klub, in Mönchengladbach im Stadion sein. Am Tag drauf schaut er sich das Duell zwischen Borussia Dortmund und Eintracht Frankurt live an. Mangelnde Präsenz wie bei Löw wird man Flick nicht vorwerfen können. "Das ist das Schöne, man kann nominieren und schauen, wie gut jeder drauf ist." Eine kaum versteckte Spitze gegen Münchens Sportvorstand Hasan Salihamidžić, mit dem er einen dauereskalativen Kader-Dissens ausfocht. Am Ende stand sein Rückzug vom Rekordmeister.

Die ersten Länderspiele als Bundestrainer stehen für Flick Anfang September mit dem Dreierpack in der WM-Qualifikation gegen Liechtenstein, Armenien und Island an. Dort werden, wie man nun weiß, die Besten spielen. Verrückt: Mit Mario Götze und Marco Reus könnten zwei Spieler zurückkehren, die unter Löw im Verdacht standen, eher der Nibelungentreue wegen nominiert zu werden und nicht (immer) aufgrund ihrer Topleistungen. Es steht eben nicht alles auf Revolution bei Flick.