50 Jahre Rote Karte

Die Liga sieht Rot: Vom Arschtritt bis zur Absicht

Rote Karte
Rote Karte
© dpa, Patrick Seeger, pse aka gfh axs

03. April 2021 - 11:03 Uhr

Von Ben Redelings

Ob das Bundesliga-Kracher-Duell zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern (ab 18:30 Uhr im RTL-Liveticker) wohl mit 22 Mann auf dem Platz enden wird? Nicht ausgeschlossen, dass im heißen Kampf um die Tabellenspitze ausgerechnet am Jubiläums-Tag ein Spieler Rot sieht, denn: Die Rote Karte feiert am Samstag in der Bundesliga ihren 50. Geburtstag. Am 3. April 1971 flog mit Friedel Lutz der erste Spieler vom Feld, nachdem er den roten Karton gesehen hatte. Doch dieser spektakuläre Platzverweis war bei weitem noch nicht der wildeste in der langen Liga-Geschichte.

Vom Teufel geritten

"An jenem Samstag muss mich der Teufel geritten haben", das sagte der erste Rotsünder der Fußball-Bundesliga, Friedel Lutz, eine Woche nach seinem spektakulären Platzverweis in der Partie seiner Frankfurter Eintracht gegen das Team aus Braunschweig am 3. April vor genau fünfzig Jahren. Dem Bochumer Schiedsrichter Wilfried Hilker blieb nach dem bösen Revanchefoul des Frankfurters an seinem Gegenspieler Jaro Deppe allerdings auch nichts anderes übrig, als Friedel Lutz des Feldes zu verweisen.

Das Besondere an dieser Herausstellung war jedoch nicht die ungewohnte Brutalität des ansonsten so braven Lutz, sondern das Hilker bei seinem Platzverweis das erste Mal überhaupt in der Bundesligageschichte die Rote Karte zückte. Denn diese war erst zur Rückrunde der Saison 1970/71 vom DFB eingeführt worden. Man kann es sich heute gar nicht mehr richtig vorstellen, aber gelbe und rote Karten wurden tatsächlich international erstmals bei der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko eingesetzt.

Friedel Lutz 1971
Friedel Lutz 1971
© Imago Sportfotodienst

Deutscher Schiedsrichter für Einführung der Roten Karte mitverantwortlich

Vier Jahre zuvor hatte der deutsche Schiedsrichter Rudolf Kreitlein nach einer kniffligen Situation bei der WM 1966 auf dem Rasen des Londoner Wembleystadions endgültig die Nase voll gehabt und unmittelbar nach Spielschluss den englischen Schiedsrichterbetreuer Ken Aston kontaktiert. Kurz zuvor hatte der nur 1,62 m kleine Schiri verzweifelt versucht, dem 1,96 m langen Argentinier Antonio Rattin deutlich zu machen, dass er den Platz verlassen müsse. Doch Rattin ignorierte den deutschen Schneidermeister und ging einfach nicht vom Feld. Erst nach acht Minuten verließ der Argentinier schließlich fluchend doch den Platz.

Aston und Kreitlein waren damals sofort einer Meinung: Es musste endlich etwas geben, das Zuschauern, Spielern und Offiziellen unmissverständlich zeigte, welche Entscheidungen der Schiedsrichter auf dem Spielfeld getroffen hatte. Etwas mit Signalwirkung. Und wie es der Zufall so wollte, hatte der englische Betreuer am Vorabend geschlagene zwei Stunden für den Heimweg aus dem Stadion benötigt und dabei an manch roter Verkehrsampel gestanden.

Kreitlein war sofort begeistert von Astons Vorschlag, Verwarnungen mit gelben und Platzverweise mit roten Karten zu ahnden. Und genau so wurde es schließlich – nach einer über dreijährigen Umsetzungsphase – auch tatsächlich gemacht.

In der Bundesliga kam die neue Erfindung schließlich im Januar 1971 an, doch es dauerte bis zum 3. April bis mit Friedel Lutz ein Spieler die erste Rote Karte wirklich sah. Und die war völlig verdient – daran gibt es auch fünfzig Jahre später keinen Zweifel. Denn der Frankfurter hatte seinem Gegenspieler Jaro Deppe einen solch fiesen und wuchtigen Arschtritt verpasst, dass dieser sogar umfiel. Friedel Lutz war hinterher komplett erschüttert über sein Verhalten, hatte aber eine Idee, wieso er so grob gehandelt hatte: "Vielleicht hat es mich gereizt, dass mich der Deppe unmittelbar davor in die Beine geschlagen und herausfordernd angegrinst hatte. Sonst sehe ich so etwas gar nicht, aber am 3. April ..."

„Halt das Maul, du blöde Sau!“

Seitdem wurde die Rote Karte natürlich noch viele etliche Male in der Bundesliga gezogen. Eine der verhängnisvollsten sah dabei allerdings sicherlich Erwin Kremers. Am 34. Spieltag der Saison 1973/74 musste der Schalker nach einer ziemlich ruppig geführten Partie auf dem Kaiserslauterer Betzenberg nur noch die allerletzten Sekunden überstehen, dann wäre die Spielzeit endgültig zu Ende gewesen und der Europameister von 1972 hätte mit der deutschen Nationalmannschaft die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft im eigenen Land begonnen.

Doch beim aussichtslosen Stand von 4:0 für die Lauterer konnte sich Kremers in der 90. Minute nicht mehr beherrschen. Mit hochrotem Kopf brüllte er den Schiedsrichter Max Klauser an: "Halt das Maul, du blöde Sau!" Dieser drehte ein wenig an einem imaginären Hörgerät, klopfte sich auf die Ohren und fragte anschließend in aller Ruhe bei dem immer noch fuchsteufelswilden Schalker nach, ob er denn da gerade richtig gehört habe. Die goldene Brücke war also ausgelegt für Kremers. Doch anstatt langsam wieder runterzukommen und einmal kräftig durchzuatmen, setzte der Schalker noch einen oben drauf: "Und jetzt noch einmal für Doofe, du blöde Sau!" Kremers wurde daraufhin aus dem Nationalmannschaftskader für die WM 1974 geworfen und bestritt in der Folge nie wieder ein Länderspiel für Deutschland. Ein roter Karton mit einer in der Tat verheerenden Wirkung.

Erwin Kremers (Mitte)
Erwin Kremers (Mitte)
© Imago Sportfotodienst

Rot? "Bin wegen eines Krampfs gestürzt"

Eine der seltsamsten roten Karten der Bundesligageschichte kassierte Dieter Eilts in der Saison 1989/90 im Ruhrstadion. In der 88. Minute zog der Bochumer Olaf Dressel an ihm vorbei, und als Eilts erkannte, dass er nicht mehr an dem Ball kommen würde, bremste er ab. Leider fiel Dressel genau in diesem Moment zu Boden. Schiedsrichter Kurt Witke zögerte keine Sekunde und zeigte dem Bremer die Rote Karte. Als der VfL Bochum am Abend zu Gast im "Aktuellen Sportstudio" war (die Sendung wurde aus der nahegelegenen "Starlight Express"- Musicalhalle übertragen), gab Dressel kleinlaut zu: "Ich bin wegen eines Krampfs gestürzt!"

Eine der im Nachhinein schönsten roten Karten sah der Kult-Masseur des Hamburger SV, Hermann Rieger. Auf hsv.de erinnerte er sich einmal an den Tag, als er zu einer Legende der Bundesliga wurde: "Es war bei einem Nordderby gegen Werder Bremen. Ich lief auf den Platz, um einen unserer Spieler zu behandeln. Auf dem Rückweg zur Trainerbank sah ich, dass ein Bremer einfach umgekippt war, der kriegte keine Luft mehr. Ich lief quer über das Feld, um ihm zu helfen. Der Schiri hatte davon aber nichts mitbekommen, kam zu mir und zeigte mir die Rote Karte. Ich musste also das Feld verlassen und lief an der Bremer Kurve vorbei, mit einem mulmigen Gefühl, denn beim Derby waren ja schon andere Dinge passiert. Aber dann erkannte ich, dass sie meinen Namen riefen. Ich konnte es kaum glauben. Unsere Fans haben es dann übernommen, jedes Mal, wenn ich aufs Feld lief."

Schiri zeigt gleichem Spieler vier Mal Rot

Eine fast unglaubliche Rote-Karten-Geschichte hat sich zwischen dem Fußball-Profi Diego Klimowicz und dem Schiedsrichter Lutz Wagner abgespielt. Als Wagner am Nachmittag des 5. Dezember 2009 wieder einmal die Rote Karte zückte, war es seit dem 13. August 2005 bereits das vierte Mal, dass der Schiri Klimowicz des Feldes verwies. Bochums Kapitän Marcel Maltritz meinte damals erstaunt: "Man könnte meinen, dass Diego ihm mal die Frau ausgespannt hat." Doch Diego Klimowicz sah die Sache nicht ganz so gelassen. "Das ist nicht normal. Der hat was gegen mich", mutmaßte er und kochte vor Wut.

Lutz Wagner zeigte sich nur ein paar Tage nach dem Platzverweis von seiner romantischen Seite und schickte dem Argentinier über die Medien ein Versöhnungsangebot: "Zum Saisonende ist für uns beide ja in der Bundesliga Schluss. Dann möchte ich Herrn Klimowicz gerne zu mir nach Hause einladen. Bei einem Glas Wein kann man alte Spannungen bestimmt lösen." Und auch die seit über zwanzig Jahren glücklich verheiratete Ehefrau des Schiedsrichters freute sich bereits auf einen Abend mit dem Südamerikaner. Neugierig erkundigte sie sich: "Ich kenne Klimowicz nicht. Schaut der gut aus? Wenn ja, müsste ich mich mal damit beschäftigen ..." Na, dann.

BOCHUM, GERMANY - NOVEMBER 07:  Diego F. Klimowicz and Mimoun Azaouagh walk off dejected during the Bundesliga match between VfL Bochum and SC Freiburg at the Rewirpower Stadium on November 07, 2009 in Bochum, Germany.  (Photo by Friedemann Vogel/Bon
Diego Klimowicz
© Bongarts/Getty Images, Getty Images

Wollen Sie Rot? „Jawoll“

Dass eine Rote Karte auch ganz bewusst eingesetzt werden kann, zeigte ein Weltmeister von 1974. Paul Breitner war am 33. Spieltag der Saison 1982/83 bei der 0:1-Niederlage seiner Bayern gegen den FC Schalke 04 in der 72. Minute zum allerletzten Mal in einer Bundesliga-Partie eingewechselt worden. Doch den Schlusspunkt seiner Karriere setzte Breitner dann nach der Spielzeit bei einem Freundschaftsspiel in Asien sehr eindrucksvoll selbst. Ohne sich abzumelden, ging er an diesem Tag in der 70. Minute einfach vom Platz.

Nachdem er vom Linienrichter zurückgehalten worden war, beleidigte er diesen. Der herbeigeeilte Schiedsrichter zückte allerdings nicht sofort den Karton, sondern fragte den Weltstar sogar noch höflich: "Wollen Sie die Rote Karte?" Breitner antwortete lächelnd: "Jawoll, ich will sie!" Und hinterher erklärte er sein seltsames Verhalten schließlich sehr stimmig: "So ist es richtig, die Rote Karte war ein Symbol. Jetzt ist endgültig Schluss!"

Auch interessant