Karriere-Ende heute vor 66 Jahren

Rockys Ende: Der Flugzeugpropeller mit Beton-Kinn hört auf

Rocky Marciano (r., hier gegen Ezzard Charles) war im Ring einfach nicht kleinzukriegen, nahm zwei Treffer, um einen selbst zu landen
Rocky Marciano (r., hier gegen Ezzard Charles) war im Ring einfach nicht kleinzukriegen, nahm zwei Treffer, um einen selbst zu landen
© imago sportfotodienst

21. September 2021 - 16:16 Uhr

Die Geschichte des echten Rocky

Von Christian Schenzel

Auf den Tag genau vor 66 Jahren endete eine der beeindruckendsten Karrieren der Box-Geschichte. An jenem Tag betrat Rocky Marciano offiziell zum letzten Mal den Ring. Es war das Ende einer außergewöhnlichen Laufbahn.

"Dann habe ich mich zusammengerissen"

Viele der 61.574 New Yorker, die sich am 21. September 1955 auf den Weg in das Yankee Stadium machten, ahnten bereits, dass sie Zeuge eines historischen Ereignisses werden würden: des letzten Kampfes von Rocky Marciano, des "Brockton Blockbusters". Was die Fans dann in Brooklyn zu sehen bekamen, überraschte sie dennoch.

Noch bevor die 2. Runde beendet war, lag Marciano in seinem 49. Profikampf nämlich schwer getroffen am Boden. Erst zum zweiten Mal überhaupt in seiner Laufbahn küsste der Champ die Bretter. Eine Sensation lag in der Luft.

Urheber war Archie Moore, seinerseits in 21 Kämpfen in Folge ungeschlagen und eine wahrer K.o.-Künstler. "Für eine Sekunde war ich weg. Und dann habe ich mich zusammengerissen", fasste Marciano später in zwei Sätzen zusammen, was in den sieben Runden danach passierte.

Sieben Runden, fünf Niederschläge

Der Weltmeister deckte Moore in den folgenden Runden mit knallharten Schlägen ein. Haken, Uppercuts und seine Geheimwaffe, die "Suzie Q", ein kraftvoller rechter Schwinger, der jeden Gegner wanken ließ, setzten Moore schwer zu. Der Herausforderer ging bis zur neunten Runde vier Mal auf die Bretter, nach dem fünften Niederschlag blieb er liegen. Aus. Vorbei.

Rocky Marciano feierte seinen 49. Sieg im 49. Kampf. Die magische "50" war zum Greifen nah, "aber meine Mutter, mein Vater und meine Frau wollen, dass ich aufhöre. Es ist eine ziemlich schlimme Tortur für sie. Ich weiß nicht, was ich tun soll", sagte Marciano nach dem Kampf.

Die Entscheidung fiel sieben Monate später. Der "Blockbuster" hatte genug. Marciano hing die Handschuhe im Alter von nur 32 Jahren an den Nagel.

Geschichten von seinen Kämpfen werden bis heute erzählt. Aus gutem Grund: Der 1969 bei einem Flugzeugabsturz verstorbene Amerikaner war ein echtes Phänomen, weil er mehr Schwächen als Stärken hatte, das Schwergewicht aber trotzdem fast ein Jahrzehnt lang dominierte.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Klein, leicht, langsam

Marcianos technische Fähigkeiten erinnerten mehr an einen gut geschulten Amateur als an einen ungeschlagenen Weltmeister. Seine Schritte im Ring wirkten unbeholfen, manchmal gar tollpatschig und orientierungslos. "Seine Fußarbeit besteht darin, einfach so lange geradeaus nach vorne zu gehen, bis der Gegner in Reichweite für eine Bombardierung ist", urteilte ein Reporter der "Associated Press" nach dem letzten Kampf Marcianos.

Die mangelhafte Beinarbeit war nicht das einzige Manko des Champs. Seine körperlichen Voraussetzungen waren denen eines Schwergewichtlers eigentlich nicht würdig.

Marciano war weder besonders groß (1,79 m) hatte gar die kleinste Reichweite aller Schwergewicht-Champions. Sein maximales Kampfgewicht von 85,7 kg - mehr wog Marciano in keinem seiner Kämpfe - zählt heute nicht mal mehr zum Schwergewicht.

Kampf gegen einen Flugzeugpropeller

Das Geheimnis seines Erfolgs war nicht zuletzt sein Kämpferherz und sein unbändiger Wille. Verlieren war ein Wort, das er nicht akzeptierte. Und dafür arbeitete Marciano wie kein Zweiter.

"Wenn ein Boxer im Training betrügt, wird er kein großer Boxer. Marciano hat nie betrogen. Wenn es ein Problem in seinem Trainingscamp gab, dann war es das Finden neuer Sparringspartner, weil er sie so hart geschlagen hat. In den letzten zehn Tagen vor einem Kampf hat er nicht mal Anrufe entgegen genommen, so fokussiert war er", verriet Trainer-Legende Don Turner.

Marcianos gefährlichste Waffen waren jedoch seine Fäuste und sein Kinn. "Nach einem Kampf mit Rocky Marciano fühlst du dich, als ob dich jemand mit einer Keule geschlagen und Steinen beworfen hätte. Es war, als ob ich gegen einen Flugzeugpropeller gekämpft hätte", gab Archie Moore zu Protokoll. Und auch der große Joe Louis meinte: "Es tut sogar weh, wenn du ihn einfach nur anrempelst."

Treffer steckte Marciano gleichzeitig weg, als wären sie nie passiert. "Wenn Marcianos Kinn nicht aus Stahl ist, dann zumindest aus Beton", mutmaßte "New York Times"-Reporter Arthur Daley.

Legendärer "Lucky Punch"

Seinen Ruf als gefürchteter Puncher unterstrich Marciano unter anderem in seinem ersten Titel-Kampf gegen Jersey Joe Walcott. Im September 1953 lag Marciano gegen den damaligen Weltmeister in der 13. von 15 Runden auf allen drei Punktzetteln klar hinten. Schwer angeschlagen gelang Rocky dann einer der berühmtesten "Lucky Punches" der Box-Geschichte.

Während Walcott zu einem K.o.-Schlag ausholte, traf ihn eine Rechte, deren Wucht den Champion in die Knie zwang. Der Titel wechselte seinen Besitzer, die Ära von Rocky Marciano als Schwergewichts-Weltmeister begann.

"Marciano wäre der einzige, der wieder heraus käme"

Heute heißt es, Marciano hätte davon profitiert, dass es zu seiner Zeit keine qualifizierten Gegner gab. Ein Vorwurf, den sich auch andere Schwergewichts-Weltmeister gefallen lassen mussten.

Wirklich belegen lässt sich die These der "fehlenden Gegner" nicht. Selbst wenn: Niemand weiß, ob Marciano (49 Kämpfe, 49 Siege, 43 K.o.'s) nicht auch spätere Champions wie George Foreman, Joe Frazier oder Mike Tyson geschlagen hätte.

Nicht umsonst schrieb das renommierte "Ring Magazine": "Würde man alle bisherigen Schwergewichts-Weltmeister in einen kleinen Raum sperren - Marciano wäre der einzige, der da wieder heraus käme." (sport.de)