Er kennt alle Abgründe

Papa mit 13, Gang-Mitglied: Das verrückte Leben von Fury-Herausforderer Dillian Whyte

21. April 2022 - 21:58 Uhr

von Tobias Nordmann

Dillian Whyte will den König auf dessen letzter Reise stürzen. Die führt den König, Tyson Fury, an diesem Samstagabend in die legendäre Wembley-Arena. 94.000 Menschen werden in London live dabei sein, wenn einer der allerbesten und verrücktesten Schwergewichtsboxer, den es je gab, zum finalen Kampf bittet. Den hat der 2,06 Meter große Hüne nämlich wieder einmal ausgerufen. Und beteuert, dass es dieses Mal ernst ist. Dass es endgültig vorbei ist, wenn er Whyte besiegt hat, im britischen Duell um die WBC-Krone.

Er schlug einen Gegner ins Koma

 Mandatory Credit: Photo by Javier Garcia/Shutterstock 12901495i Dillian Whyte during his pre-fight press conference, PK, Pressekonferenz Tyson Fury v Dillian Whyte, WBC Heavyweight Championship, Press Conference, Boxing, Wembley Stadium, London, UK
Dillian Whyte blickt auf eine verrücktes Leben zurück.
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Und das wird an diesem Abend passieren. Da sind sich Experten und Wettanbieter mehr als einig. Nur zwei Menschen sehen die Sache offenbar als nicht so klar, wie prognostiziert. Whyte selbst. Und Fury, das Großmaul, der Typ, der seine Gegner verbal ebenso gerne zusammenhaut, wie mit den Fäusten im Ring. Die Quoten stammen "offensichtlich von Leuten, die keine Ahnung vom Boxen haben", sagte er: "Das ist ein Schwergewichtsboxkampf, den jeder mit einem Schlag gewinnen kann. Wenn ich nicht in Bestform bin, wird dieser Mann mir den Kopf von den Schultern schlagen." Was die Pläne für seinen Ruhestand über den Haufen werfen würde.

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Tatsächlich eilt Whyte der mehrfach mit Fakten belegte Ruf voraus, dass sein linker Haken einer der besten der Welt ist. Eine echte K.o.-Waffe. Der 34-Jährige ist zwar amtliche 13 Zentimeter kleiner als Fury, aber er kann aus seinem bulligen Körper eine extreme Power in seine Schläge bringen. In seiner Zeit als Amateur schlug er einen Kontrahenten mal für mehrere Wochen ins Koma. Sein Kampfname lautet "The Bodysnatcher", der Leichenräuber. Whyte gilt aufgrund seiner krassen Lebensgeschichte als Typ, der sich nichts gefallen lässt. Und der nun, im Alter vom 34 Jahren, die Chance seiner Karriere wittert. Vor eben 94.000 Zuschauern, der größten Zuschauerzahl bei einem Boxkampf im 21. Jahrhundert - und die größte bei einer Schwergewichts-WM seit 1927.

Besondere Beziehung zu Fury

Geboren wurde der Pflichtherausforderer von Fury auf Jamaika, aufgewachsen ist er allerdings ganz in der Nähe des Wembley-Stadions, dort also, wo er nun den Kampf seines Lebens bestreitet. In der Jugend wurde Whyte in die Londoner Gang-Kriminalität hineingezogen. Er wurde angeschossen und niedergestochen, im Alter von 13 Jahren zeugte er das erste seiner drei Kinder. "Ich bin bereit, alles zu tun, was nötig ist", sagte Whyte: "Ich bin diese Art von Kämpfer, der alles tut, was er tun muss. Ich habe keine Angst, Risiken einzugehen - ich bin mein ganzes Leben lang Risiken eingegangen."

Und er sich hat dorthin gekämpft, wo er nun stehen wird: auf die größte Bühne des Boxsports. Im Duell mit dem Größten seiner Zeit. Seinem alten Sparringspartner Fury. Und der offenbart für den alten Kumpel eine ungewohnte, eine zarte Seite. Feindselige Verbalattacken? Kleinere Rangeleien? Fehlanzeige. Fury verteilte auf der Abschluss-PK vor allem Nettigkeiten. Und sorgte für einen großen Lacher. "Wir waren gute Freunde, wir sind was trinken gegangen, haben zusammen gegessen, wir haben zusammen geschlafen", sagte der 33 Jahre alte Weltmeister - und musste schließlich selbst lachen. "Was?", entgegnete Whyte: "Wir haben nicht zusammen geschlafen, Bruder."

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Sieg gegen Povetkin

Noch scherzen sie gemeinsam, aber am Samstagabend kämpft jeder für sich. Fury um seine eigene Legende. Und Whyte darum, endlich in die erste Garde der außergewöhnlichen Boxer seiner Zeit aufgenommen zu werden. Denn noch immer hängen die letzten beiden Kämpfe gegen Alexander Povetkin an ihm. An seinem Ruf als Boxer. Im ersten Duell mit dem Russen wurde er von einem verheerenden Aufwärtshaken überrascht, der "Whytes Kopf mit widerlicher Wucht nach hinten warf", wie der englische "Guardian" damals schrieb. Whyte war bewusstlos, bevor er aufschlug.

Den Rückkampf gewann er zwar, allerdings war Povetkin offenbar nicht im Vollbesitz seiner Kräfte. Wegen einer schweren Covid-19-Erkrankung war der Fight zweimal verschoben worden, der mittlerweile 42 Jahre alte Russe musste sogar im Krankenhaus behandelt werden und kämpfte lange mit den Folgen der Krankheit. Vor dem zweiten Duell hatte Whyte über seine erst zweite Niederlage als Boxprofi gesagt: "Wenn ich sagen würde, dass es mich manchmal nicht runterzieht, würde ich lügen. Aber meine Mutter sagt immer, dass Gott seine härtesten Kämpfe seinen stärksten Soldaten gibt. Ich pflüge weiter, weil ich nichts anderes weiß."

Whyte wurde im Sturm geboren

Seine Mutter, die war knallhart, eine Soldatin. Whyte erzählt dem "Guardian" eine Geschichte: "Ich wurde in einem Sturm geboren, in der Nacht eines Hurrikans in Jamaika, und wir haben überlebt. Es hat einen Teil des Daches von unserem Haus abgerissen, aber meine Mutter ist Soldatin und sie ist einfach unter den Tisch geklettert, um die Tat zu erledigen - jedenfalls nach dem, was sie mir erzählen. Widrigkeiten sind also die Geschichte meines Lebens."

Widrigkeiten sind auch die Geschichte der Beziehung zu seiner Mutter. Im Alter von zwei Jahren ließ sie ihren Sohn zurück auf Jamaika. Sie wollte für ein besseres, gemeinsames Leben kämpfen. Bis er 13 war, sahen sie sich nicht mehr. "Aber obwohl sie nicht da war, habe ich sie gespürt", erzählt er dem "Guardian". Er habe seine Mutter immer bewundert. "Und als wir wieder zusammen waren, hat sie sich immer entschuldigt. Ich sagte: Nein, du bist nach England gegangen, um uns allen ein besseres Leben zu ermöglichen. Es hat länger gedauert, als du dachtest, aber ich bin hier."

Er kennt den Schmerz des Hungers

Seine Mutter versuchte, den Kontakt zu halten. Sie schrieb Briefe. Er konnte sie nicht lesen. Und auch sonst war niemand da, der ihm half. "Die Leute, mit denen ich zurückblieb, haben keine gute Arbeit geleistet." Er wurde ein Überlebender. Einmal habe er zwei, drei Tage nichts gegessen. Eine prägende Erfahrung. Eine, auf die er gerne verzichtet hätte. "Ich habe im Leben viel Schmerz gespürt, Höhen und Tiefen erlitten, geistig und körperlich. Aber der Schmerz des Hungers ist verrückt. Aber diese Dinge haben mich geprägt und mir eine so positive Sicht auf das Leben gegeben. Egal, wie hart das Leben jetzt ist, es geht mir immer noch besser als damals."

Einen Vater, den gab es auch. Seine Einstellung zum Sohn: Wenn der Junge nicht tot ist, dann ist er in Ordnung. Probleme löste er auf seine Weise. Mit Gewalt. Nicht gegen Dillian, sondern gegen jene, die es nicht gut mit ihm meinten. Davon gab es auch in London, wo er seine Mutter wiedertraf, viele. Der Vater nun nicht mehr da, also schlug Whyte selbst zu. Dreimal fühlte er sich dem Tod nah. "Ich wurde erschossen und erstochen. Du kannst Kugeln nicht entkommen, also brauchst du Glück. Die meiste Zeit war ich ein dummes Kind, das durch London lief und Chaos anrichtete. Es ist kriminell und du findest es cool, ins Gefängnis zu gehen. Aber daran ist nichts Cooles - du bist ein Idiot."