Filmkritik zum "Avengers"-Spin-off

"Black Widow": Mega-Frauenpower in knallengen Superheldinnen-Anzügen

Scarlett Johansson und Florence Pugh in "Black Widow"
Scarlett Johansson und Florence Pugh in "Black Widow"
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12. Juli 2021 - 17:50 Uhr

Scarlett Johansson und Florence Pugh überzeugen im Solo-Abenteuer von Black Widow


von Cedric Schmidt

Da ist er also: "Black Widow" – der erste Film nach dem krachenden Finale "Avengers: Endgame". Nachdem Marvel bereits in Serienform die Ära nach Iron Man und Co. eingeläutet hat, sollte bereits 2020 mit dem lange von Fans geforderten Solo-Film um Scarlett Johanssons Natasha Romanoff (alias Black Widow) der Auftakt zu einem neuen Marvel-Kapitel beginnen. Die Corona-Pandemie machte dem Kinostart einen Strich durch die Rechnung, sodass der Film erst jetzt am 8. Juli 2021 in die Kinos kommt. Doch ist ausgerechnet die Abschiedsvorstellung von der beliebten Heldin der richtige Neuanfang? Ist es die längst überfällige Korrektur eines Versäumnisses oder kommt "Black Widow" vielleicht gar zu spät?

Diese Kritik enthält leichte Spoiler

Die Story von "Black Widow" setzt in der Vergangenheit an: Es ist die Zeit vor dem entscheidenden Kampf gegen Thanos in "Avengers: Infinity War"*. Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) befindet sich nach den Ereignissen von "Captain America: Civil War"* auf der Flucht. Dabei holt die Agentin ihre Vergangenheit ein: Der mysteriöse Red Room, in dem sie einst zur Killerin ausgebildet wurde, sollte nach seiner Zerstörung eigentlich schon lange keine Auftragskillerinnen mehr hervorbringen. Eigentlich. Denn es gibt Anzeichen, dass es immer noch andere Black Widows gibt, die in der Welt Attentate verüben. Um den Verantwortlichen auf die Schliche zu kommen, muss sich Natasha mit alten Verbündeten zusammentun – und trifft so auf ihre Familie.

Von Bond bis Bourne – Black Widow, ein Agentenfilm

Bevor Black Widow zum Avenger wurde, verdiente sie sich als Agentin und Attentäterin ihren Namen. Es ist daher wenig überraschend, von welchen Genreklassikern sich Regisseurin Cate Shortland ("Lore") inspirieren ließ: Die Flucht aus einem sibirischen Gefängnis hätte so auch aus einem "James Bond"-Film, ein extrem physischer Kampf in einer Wohnung dagegen direkt aus dem "Jason Bourne"-Franchise kommen können. Es sind diese Szenen, die zeigen, wie gut Scarlett Johansson sich als Action-Heldin macht und dass starke Action eben nicht Männersache ist. Überhaupt gibt es nicht viele Männer in diesem Film und fast nur Statistinnen, selbst bei den namenlosen Kampfmaschinen. Wir wollen aber nicht unerwähnt lassen, dass neben Rachel Weisz in einer weiteren Hauptrolle auch noch Ray Winstone als böser Chef des Red Room mit dabei ist – und David Harbour, der sich mit seinem Auftritt lebhaft um ein eigenes Spin-Off bemüht.

Statt Black Widow jedoch die große Abschiedsbühne zu bereiten, schleppt der Film den typischen Marvel-Ballast mit sich. So muss allzeit betont werden, dass der Film vor dem Infinity War spielt, damit auch der letzte Zuschauer versteht, warum Black Widow dieses Abenteuer durchlebt. Das wirkt verkrampft, erzwungen und störend.

Und natürlich geht es auch nicht, ohne neue Figuren und damit potenzielle Fortsetzungen in Stellung zu bringen. So spielt Florence Pugh (oscarnominiert für "Little Women" und Freundin von Zach Braff) als Yelena Belova zwar herausragend, nimmt damit jedoch Scarlett Johansson viel Raum – in ihrem eigenen Film!

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Rasante Action, der Versuch von Tiefgang

Es sind diese Kompromisse, die immer wieder das Gefühl einschleichen lassen, dass irgendwas im Film (trotz einer Lauflänge von 134 Minuten) zu kurz kommt. Und dabei ist dieser keineswegs langsam erzählt: Eine Action-Sequenz jagt die nächste, ohne dabei jedoch nachhaltig in Erinnerung zu bleiben. Zu unterhalten wissen sie aber trotzdem – perfektes Popcorn-Kino für die große Leinwand.

Die wenigen ruhigen Momente nutzt Johansson, um ihrer Figur emotionalen Tiefgang zu geben – manchmal darstellerisch fast schon mit einer Schippe zu viel. Aber was soll die Schauspielerin auch machen, wenn ihr das Drehbuch kaum Platz für die vielen Facetten Natashas bietet? Es wird dennoch deutlich, wie sehr der Schauspielerin ihre Figur ans Herz gewachsen ist und mit wie viel Stolz und Wehmut sie ihren Solo-Film angeht.

Der richtige Film – zur falschen Zeit?

Was so ernüchternd in den vorangegangenen Zeilen klingen mag, täuscht. Der Film ist gut – jedoch nicht herausragend. Die Action macht Spaß und Scarlett Johansson investiert alles in die von ihr seit 2010 verkörperte Figur. Kaum nachvollziehbar, dass sie elf Jahre auf ihr Solo-Debüt warten musste. Der Zeitpunkt für den Film wirkt befremdlich und kommt wie ein Versuch daher, ein längst überfälliges Versäumnis zu korrigieren. Die zahlreichen Kompromisse, die der Film trotzdem eingehen muss, wirken der verdienten Heldin Black Widow ungebührend.

"Black Widow" fühlt sich daher mehr nach Spagat statt nach großer Abschiedsvorstellung an – und erst recht nicht nach einem Neustart für die Filmreihe. Trotzdem weiß der Film durch seine starken, lauten und emotionalen, ruhigen Momente zu unterhalten – ohne dabei lange in Erinnerung bleiben zu wollen. Schade, denn Black Widow hätte einen denkwürdigeren ersten (und wahrscheinlich auch letzten) Film verdient. Ab 8.7.21 in den (endlich wieder geöffneten) deutschen Kinos.

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