"Die schiere Zahl der Betroffenen überwältigte mich"

10 Jahre danach: RTL Reporterin Anna Hohns erinnert sich an die Anschläge von Oslo und Utoya

RTL Reporterin Anna Hohns ist für ihren Bericht über den Jahrestag der Anschläge erneut nach Utoya gereist.
RTL Reporterin Anna Hohns ist für ihren Bericht über den Jahrestag der Anschläge erneut nach Utoya gereist.
© RTL, Anna Hohns

22. Juli 2021 - 14:01 Uhr

30 Kilometer über grauen Autobahn-Asphalt

Von Anna Hohns

Wer von Oslo mit dem Auto in Richtung Utoya fährt, sieht zunächst einmal eine wenig spektakuläre Landschaft. Denn hat man die vielen hübschen, kleinen Boote und Badestellen am Fjordufer der norwegischen Hauptstadt erst mal hinter sich gelassen, müht man sich gut 30 Kilometer über grauen Autobahn-Asphalt und durch viele Baustellen, bis man einen Tunnel passiert und es einem kurz den Atem verschlägt, weil man sich plötzlich in einer anderen Welt wiederfindet.

Vor 10 Jahren hat Anna Hohns zum ersten Mal über Utoya berichtet

Ich erinnere mich noch gut an diesen Moment vor zehn Jahren, als ich das erste Mal auf dem Weg nach Utoya war. Zwei Tage zuvor hatte ein rechtsradikaler Terrorist auf der Insel 69 Menschen erschossen. Ich fuhr also durch diesen Tunnel und konnte nicht fassen, wie schön der Ausblick war, der sich mir da bot. Unten vor mir der Tyrifjord, ein riesiger, dunkelblau schimmernder See, umrahmt von Bergen, mittendrin mehrere kleinere Inseln. "Ich glaub nicht, dass wir hier richtig sind," sagte ich zu meiner Kamerafrau, "wahrscheinlich hab ich das falsch ins Navi eingegeben." Dass an einem so schönen Ort so etwas Schreckliches passiert sein sollte, passte für mich überhaupt nicht zusammen. Doch dann kamen uns auf der anderen Straßenseite im Schritttempo Leichenwagen entgegen, eine Kolonne, mindestens zehn. Da wusste ich, dass Utoya nicht mehr weit entfernt sein konnte.

69 Menschen sterben am 22. Juli 2011 auf Utoya .
69 Menschen sterben am 22. Juli 2011 auf Utoya als der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik wahllos um sich schießt.
© dpa, Meek, Tore

Der erste Besuch auf Utoya

Knapp drei Monate später bekamen wir als Journalisten zum ersten Mal die Möglichkeit, die Insel zu besuchen. An Tatorten zu sein, von dort zu berichten, gehört zu unserem Beruf dazu. Aber obwohl ich an solche Situationen gewöhnt bin, fühlte es sich das erste Mal auf Utoya anders an: Als mein Kameramann und ich für unsere Berichterstattung über die Insel gingen, hatte ich plötzlich das Gefühl zu stören. Fast so, als ob ich über einen Friedhof laufen und dabei versehentlich auf Gräber treten würde. Ich weiß natürlich, wie wichtig es ist, als Reporterin vor Ort zu sein, sich selbst ein Bild zu machen, um das Geschehene besser einzuordnen. Aber die schiere Zahl an Betroffenen überwältigte mich, die Brutalität, mit der Terrorist Anders Behring Breivik vorgegangen war. 564 Camp-Teilnehmer mussten um ihr Leben bangen, 69 von ihnen starben, 33 wurden verletzt. Vielleicht hatte genau dort, wo ich jetzt stand, jemand seine letzten Minuten verbringen müssen, schutzlos und in Todesangst. Die meisten Camp-Teilnehmer hatten nur zwei Möglichkeiten: Sich zu verstecken und zu hoffen, dass der Attentäter sie nicht findet oder zu schwimmen, 600 Meter bis zum rettenden Ufer auf dem Festland, in 14 Grad kaltem Wasser. Wozu hätte ich mich entschieden?

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RTL Reporterin Anna Hohns bei ihrem ersten Besuch auf Utoya.
RTL Reporterin Anna Hohns bei ihrem ersten Besuch auf Utoya.
© RTL

Emotionale Interviews mit Betroffenen

Im Laufe der Jahre habe ich viele Menschen interviewt, die diese Entscheidung treffen mussten. Den damals 16 Jahre alten Tobias und seinem Kumpel Stian, die ins Wasser sprangen, obwohl Stian kein guter Schwimmer war. Die gleichaltrige Ragna, die sich mit fünf anderen in der Insel-Cafeteria auf einer Toilette versteckte und dort ausharrte, bis die Polizei sie nach endlos erscheinenden zweieinhalb Stunden endlich befreite und auch die heute 25-jährige Miriam, die nach ihrer Rettung von den Beamten an getöteten Camp-Teilnehmern und dem Attentäter vorbei zur Fähre aufs Festland begleitet wurde. Ich habe mit Lisbeth gesprochen, deren Tochter auf Utoya starb und die sich oft fragt, was aus dem Mädchen geworden wäre, würde es heute noch leben und mit Unni, deren Kind vielleicht hätte gerettet werden können – wenn die Polizei damals früher die Insel gestürmt hätte.

Bei solchen Schicksalen nicht selbst die Fassung zu verlieren und mit zu weinen, wurde für mich manchmal zur Herausforderung. Es ist schwer, professionelle Distanz wahren, wenn dir eine Mutter erzählt, wie sie verzweifelt über Stunden versucht, ihr Kind zu erreichen und sie es dann schließlich an seinem 17. Geburtstag beerdigen muss. Oder wenn du beim Prozess gegen den Attentäter ein Überwachungsvideo aus dem Osloer Regierungsviertel siehst, auf dem Sekunden vor der Explosion der Autobombe noch Menschen am Fahrzeug vorbei gehen.

21 Jahre Gefängnis für den Attentäter von Utoya

Anders Behring Breivik nennt sich mittlerweile Fjotolf Hansen.
Anders Behring Breivik nennt sich mittlerweile Fjotolf Hansen und ist zur höchsten im norwegischen Recht möglichen Strafe verurteilt worden.
© dpa, Lise Aaserud, abl gfh hjb pil jai

Als im August 2012 der viermonatige Prozess gegen den Attentäter endete, saß ich mit im Gerichtssaal. Ich erinnere mich noch daran, wie ruhig es war, als die Richterin das Urteil verkündete: 21 Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung, die theoretisch unendlich verlängert werden kann – Höchststrafe im norwegischen Strafrecht. Gut möglich, dass er nie wieder freikommt. Auch heute noch, zehn Jahre später, ist das vielleicht zumindest ein kleiner Trost für die, deren Leben seine grausamen Taten für immer verändert haben.