Amanda Knox: Die Fakten hinter dem Fall

Der Fall Amanda Knox: Derzeit wird in Perugia wieder verhandelt
Der Fall Amanda Knox: Derzeit wird in Perugia wieder verhandelt

31. Januar 2014 - 15:22 Uhr

Aus Perugia berichtet RTL-Korrespondent Udo Gümpel

Was ist wirklich in der Nacht nach Halloween in der Studentenbude in der Via della Pergola nahe der Ausländer-Universität von Perugia (Italien) passiert? Vor dieser Frage steht seit einigen Tagen das Appellationsgericht von Perugia, die zweite Instanz. In erster Instanz hat das Schwurgericht von Perugia drei Täter verurteilt: Den aus der Elfenbeinküste stammenden Rudy Guede, die amerikanische Gaststudentin Amanda Knox und ihren Freund Raffaele Sollecito.

Der gewaltsame Tod trat bei Meredith Kercher laut Autopsie im Zeitraum zwischen 22.00 Uhr und Mitternacht des 1. November 2007 ein, am Abend nach Halloween. Die englische Studentin Meredith soll darüber verärgert gewesen sein, dass Amanda wieder einmal zwei Männer mit nach Hause gebracht habe – so rekonstruiert die Staatsanwaltschaft die Mordnacht – und habe darum mit ihrer Mitbewohnerin einen Streit angefangen, es sei dabei auch um Mietrückstände gegangen. Während der Auseinandersetzung soll Meredith zu Boden gefallen sein. Raffaele Sollecito habe sie mit einem Taschenmesser bedroht und Amanda mit einem Küchenmesser. Rudy Guede habe eine Vergewaltigung versucht, wobei Amanda und Raffaele das Mädchen festhielten. Meredith habe sich gewehrt und Amanda habe ihr dann mit dem besagten Küchenmesser einen tiefen Schnitt in den Hals versetzt, Meredith starb durch Verbluten.

Brutal gesagt: Eine richtige 'Sex-and-Crime'-Story. Was gibt es Besseres, als eine bildhübsche Mörderin wie Amanda? Blutjung und doch verrucht.

Doch bei aller Begeisterung für den Krimi aus dem echten Leben sollten die Fakten nicht außer Acht gelassen werden. Die erste Tatsache ist, dass keiner der Drei den Mord gestanden hat. Es ist also ein reiner Indizienfall, in dem jedes Beweisstück genau betrachtet werden muss. Schließlich geht es um das Leben dreier junger Menschen, denen der Mord an einem anderen jungen Mädchen vorgeworfen wird. Leicht darf man sich das nicht machen.

Die komplizierte Frage nach Schuld oder Unschuld

Beginnen wir mit Rudy Guede. Der junge Mann von der Elfenbeinküste ist bereits vom Appellationsgericht verurteilt worden. In erster Instanz wurde er zu 30 Jahren Haft verurteilt, im Appell zu 16 Jahren, weil er das sogenannte verkürzte Gerichtsverfahren akzeptierte. Formal ist das zwar keine Schuldanerkenntnis, de facto aber dennoch.

Das war für Guede noch die beste Wahl, denn die Indizien gegen ihn sind betonfest. Seine Anwesenheit am Tatort ist nicht zu widerlegen. Er ist in der Wohnung von Meredith Kercher und Amanda Knox auf Toilette gegangen, ohne danach die Spülung zu betätigen: Die 'Hinterlassenschaft' konnte ihm sofort zugeordnet werden. Eine Begründung für die Anwesenheit in der Wohnung hatte er nicht, angeblich hatte ihn Kercher am Abend vorher kennengelernt und dann zu sich eingeladen. Zudem befanden sich seine DNA-Spuren auf und in Meredith. Zur Begründung meinte Guede, dass es einvernehmlich zu sexuellen Kontakten gekommen sei. Dagegen spricht, dass man auf der entblößten Brust von Meredith feinste Blutspritzer gefunden hat, die entstanden sein müssen, als die englische Studentin bereits mit dem Tode rang, weil man ihr schon die Kehle durchgeschnitten hatte. Dies kann man kaum als einvernehmlich bezeichnen.

Guedes blutverschmierte Fingerabdrücke fanden sich auf Kopfkissen, an den Wänden und praktisch überall im Zimmer, dazu noch Abdrücke seines Turnschuhes mit dem Blut von Meredith. Tiefer drin kann man nicht im Fall stecken. Gegen Guede sprach auch seine Flucht nach Deutschland – wo er aufgegriffen und dann nach Italien zurück gebracht wurde.

Wer sich nun die Frage nach der Schuld oder Unschuld von Amanda Knox und Raffaele Sollecito stellt, muss dies wissen: Es gibt bereits einen Mörder von Meredith Kercher, dessen Anwesenheit am Tatort zweifelsfrei festgestellt worden ist, dessen DNA auf und in Meredith in großen Mengen zusammen mit Fingerabdrücken und Fußspuren festgestellt wurde.

Die Verteidiger von Amanda Knox und Raffaele Sollecito setzen genau hier an und versuchen die Indizien gegen ihre beiden Mandanten Stück für Stück auseinander zu nehmen, um Guede als Einzeltäter übrig zu lassen, der sich per Einbruch den Wohnungszugang verschafft hat.

Lesen Sie hier weiter: Gibt es "berechtigte Zweifel" an Amandas Schuld?

Berechtigte Zweifel?

RTL-Korrespondent Udo Gümpel berichtet aus Perugia über die Hintergründe zum spektakulären Fall Amanda Knox
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Sehr schwer ist das, offen gesagt, nicht. Das fängt mit der Tatwaffe an, die von der Staatsanwaltschaft als 'smoking gun' bezeichnet wird. Das Küchenmesser, mit dem Amanda Knox Meredith Kercher den Hals durchschnitten haben soll, weist am Handgriff Amandas DNA auf. Das ist kein Wunder, argumentiert die Verteidigung von Knox und Sollecito, stammt es doch aus der Küche des Jungen, wo die Amerikanerin für ihren Freund auch kochte.

Das Problem für die Staatsanwaltschaft ist, dass sich an diesem Messer überhaupt kein Blut des Opfers finden ließ. Zwar meinte das Polizeilabor dort etwa 100 Picogramm DNA-Material von Meredith gefunden zu haben, doch die angewandte Messmethode darf als wissenschaftlich sehr zweifelhaft bezeichnet werden. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass es sich um Verunreinigungsspuren aus dem Labor selber handelt. Überdies passen die Schnittspuren am Hals von Meredith nicht zum angeblichen Tatmesser. Das Problem ist heute, dass die DNA-Analyse nicht wiederholt werden kann, weil die winzigen Spuren beim ersten Test alle vernichtet worden sind. Ein eindeutiger Beweis aber sieht anders aus.

Noch schlimmer wird es beim Indiz des BH-Hakens. An einem Haken des Büstenhalters von Meredith wurden laut Polizei-Labor DNA-Spuren von Raffaele gefunden. Nun wäre das ein ziemlich harter Beweis, wenn man sich die näheren Umstände nicht anschauen würde. Der BH-Haken wurde von der Polizei nämlich erst 47 Tage nach der Mordtat aus dem Staub des Apartments aufgelesen, er lag in einem Haufen anderer Kleidungsstücke und fiel den Polizisten beim Einsammeln sogar wieder auf den Boden, wie es die Videoaufnahme der Polizei zeigt. Dass sich im gemeinsamen Apartment von Amanda Knox und Meredith Kercher auch überall DNA-Spuren des Freundes von Amanda befunden haben müssen, ist wohl einsichtig. Ein Beweis ist dies sicherlich nicht.

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Schlampige Polizeiarbeit

Genauso schlampig wie im Falle des BH-Hakens hat die Polizei bei Rekonstruktion des Tatherganges gearbeitet. Unachtsam wurden blutverschmierte Stiefel unter das Bett geschoben, wie man auf den Videoaufnahmen sehen kann, um dann später als Beweis für den kriminellen Willen von Amanda Knox und Raffaele Sollecito herhalten zu müssen, den Tatort zu verunreinigen. Obwohl die Polizei das selbst getan hat! Solche Ungereimtheiten gibt es in diesem Fall sehr viele.

Natürlich muss auch Amanda Knox erklären, warum sie bei ihrem ersten Verhör zuerst einen anderen Afrikaner, Patrick Lumumba, der Tat bezichtigte, der sogar mit ihr zusammen verhaftet wurde, dessen Alibi aber eisenhart war.

Neben dem BH-Haken und der DNA auf dem Tatmesser setzte die Staatsanwaltschaft vor allem auf einen Augenzeugen, einen Clochard, der Amanda und Raffaele lachend und scherzend zur Tatzeit in der Nähe des Apartments gesehen haben will. Um die genaue Uhrzeit zu untermauern, gibt der Obdachlose zu Protokoll, dass er das Paar zwischen 21:30 und 22:30 dort gesehen haben will, weil er sich genau an die Abfahrt der Diskotheken-Busse erinnern würde: Diese Busse fahren die Studenten zu den Diskotheken in Perugia und die genannte Uhrzeit seien die letzten Fahrten gewesen. Für die Staatsanwaltschaft hat diese Aussage immer eine schlagende Beweiskraft gehabt, denn Amanda und Raffaele behaupten bis heute steif und fest, zu Hause bei Raffaele Videos auf dem Computer geschaut zu haben. Wenn sie aber zur Tatzeit in unmittelbarer Nähe des Tatortes gesehen wurden, ist das ein starkes Indiz gegen sie.

Das Problem ist nur, dass sich der Clochard im Tag geirrt haben muss, wie die Detektive der Verteidigung festgestellt haben. Am Mordabend des 1. November fährt nämlich überhaupt kein Bus – ganz im Gegensatz zum 31. Oktober, zur Halloween-Nacht – weil alle Diskos von Perugia geschlossen sind. Sicher, es bleibt das Problem, dass sich auf dem Computer von Raffaele nicht erkennen lässt, ob er in der Mordnacht benutzt wurde oder nicht. Doch die Zeugenaussage des Clochards ist in jedem Falle vom Tisch.

Angesichts so vieler neuer Umstände ist die Verteidigung guter Hoffnung, dass sie bei den Berufsrichtern und Schöffen des Appellationsgerichtes von Perugia den berühmten "berechtigten Zweifel" an der Schuld Amandas und Raffaeles wecken kann. Doch das Risiko für die beiden jungen Leute ist groß. Rudy Guede hat den Deal mit der Staatsanwaltschaft gemacht und kann in mutmaßlich fünf bis acht Jahren als freier Mann das Gefängnis wieder verlassen. Amanda und Raffaele aber gehen das Risiko ein, für die nächsten 20 Jahre hinter Gittern sitzen zu müssen.