Was tun, wenn die Kurse einbrechen?

5 Fragen an Beate Sander: Die "Börsen-Oma" über Spar-Tricks, ETFs und Corona-Crash

Beate Sander teilt ihr Wissen über Finanzen nicht nur in Büchern, sondern auch in Talkshows
Beate Sander teilt ihr Wissen über Finanzen nicht nur in Büchern, sondern auch in Talkshows
© Nina Wellstein

23. Mai 2020 - 10:17 Uhr

Autorin des "Aktien- und Börsenführerscheins" im Interview

Sie hat selbst erst relativ spät das Thema Aktien für sich entdeckt - aber dann startete sie so richtig durch. Beate Sander war 59 Jahre alt, als sie die ersten Wertpapiere an der Börse kaufte. Heute ist sie 82, eine anerkannte Börsen-Expertin, Finanzbuch-Autorin und ihr Depot hat einen Millionenwert. Ein Buch der ehemaligen Realschullehrerin ist mittlerweile fast ein Klassiker der Börsen-Literatur: "Der Aktien- und Börsenführerschein"* 🛒 ist gerade in der zehnten Auflage erschienen. Wir haben mit Beate Sander über die Corona-Krise, ihre ganz persönliche Spar-Strategie und Frauen an der Börse gesprochen.

"Aussitzen ist nicht immer der schlechteste Rat"

Wegen der Corona-Krise ist der DAX massiv eingebrochen. Wozu raten Sie Menschen, die ihr Erspartes in Aktien oder ETFs angelegt haben?
Beate Sander:
 "Der schlimmste Fehler wäre der komplette Ausverkauf. Aus dem Minus im Depotauszug würde dadurch ein echter, unumkehrbarer Aktienverlust. Er verschlimmert sich noch durch die Aktienverkaufsgebühren, Transaktionskosten genannt. Hinzu kommt gerade jetzt, wo die Ausschüttungs-Saison beginnt, der Verzicht auf oft üppige Dividenden.
Stürzt eine Aktie um ein Drittel ab, erhöht sich umgekehrt die Dividendenrendite um ein Drittel. So werden aus 4 schnell 6 Prozent, aus bisher 6 sogar 9 %. Das wird oft übersehen. Eher wird befürchtet, dass die Unternehmen im Crash gar nichts ausschütten. Dies kommt eher selten vor aufgrund des riesigen Ansehensverlusts. Die Abstrafung wird sichtbar am weiteren Kursverfall."

Was also ist zu tun?
Beate Sander: "
Wer wenig Erfahrung, Wissen, Zeit und Geld hat, hält lieber die Füße trocken - er tut also gar nichts. Aussitzen ist nicht immer der schlechteste Rat. Wer über Geldreserven unter Kopfkissen und Matratze, auf Sparbuch, Festgeld, Tagesgeld verfügt, kann zu den jetzt niedrigen Kursen preiswerte, passive ETFs erwerben, die einen Index beziehungsweise ein Börsenbarometer wie den DAX exakt nachbilden."

"Ich vergleiche mich gern mit einem Gärtner, der zur genau richtigen Zeit säen und pflanzen muss, um eine gute Ernte einzufahren"

Lohnt es sich, auch mit kleinen Geldbeträgen in Aktien anzulegen und für das Alter zu sparen? 
Beate Sander:
"Ich empfehle Neulingen mit einem Kapital unter 10.000 Euro, die ersten Erfahrungen mit guten ETFs zu machen. Ein passiv gemanagter ETF – auch als Sparplan monatlich oder vierteljährlich mit 50, 75 oder 100 Euro angelegt – ist auf den MDAX, SDAX, S&P 500, MSCI Word, Nasdaq 100 oder nachhaltigem Global Water risikoarm bei langer Anlagedauer. Das garantiert schon die wichtige breite Streuung. Erst danach ist der Weg für Einzelaktien gangbar. Wählen Sie möglichst 'thesaurierend' aus. Dann werden Dividenden fortlaufend in neue Anteile angelegt. Sie nutzen den Zinseszinseffekt und bemerken im Laufe der Zeit, dass Sie ohne erneute Gebühren immer mehr Anteile erwerben."

RTL.de empfiehlt

Anzeigen:

So funktioniert Beate Sanders "Hoch/Tief-Mut-Strategie"

Haben Sie ein System, nach dem Sie im Alltag Geld beiseite legen?
Beate Sander:
"Ich vergleiche mich gern mit einem Gärtner, der zur genau richtigen Zeit säen und pflanzen muss, um eine gute Ernte einzufahren. Ich verbinde Gartenbaukompetenz mit der von mir erfundenen Hoch/Tief-Mut-Strategie.
Die Grundzüge kurz erklärt:

  1. Ich kaufe viele Aktien breit gestreut nach Ländern, Branchen, Indizes und vom Zeitpunkt her, große, mittlere und kleine, Value und Growth. Es können mehr als 50 Titel sein, bei gutem Gedächtnis und dickem Geldbeutel sogar 100 Werte.
  2. Ich tätige keinen Kauf unter 1.000 Euro, damit die Gebühren nicht die Gewinne wegfressen. Durchschnittlich investiere ich rund 1.500 € in jeden Kauf.
  3. Chancenreiche Aktien erwerbe ich zu günstigen Kursen wie in der ersten Augusthälfte 2019, als die Kurse in den Keller rauschten und ganz aktuell im Corona-Crash.
  4. Teilverkäufe der besten Aktien ab dreistelligem Kursgewinn gibt es nur in Augenhöhe zum Jahreshoch. Meine besten Rennpferde bleiben also im Stall. Ausnahmen bestehen bei hohem unerwartetem Kapitalbedarf oder im jetzigen Crash-Szenario.
  5. Alle Dividenden lege ich konsequent in bisherige oder neue Aktien wieder an. Mir liegt an verlässlichen Ausschüttungen, die möglichst fortlaufend steigen, zumindest ab nicht gekürzt oder zeitweilig sogar ausgesetzt werden.
  6. Etwa ein Drittel fließt in substanz- und dividendenstarke, nachhaltige, defensive und fair bewertete Value-Aktien. Hier orientiere ich mich an Warren Buffett, der nur kauft, was er mag, kennt und versteht. Ähnlich große Anteile gehen in weltweite Titel mit Blick auf Kurs, Dividende und Zukunftschancen. Fehlt noch das letzte Drittel: Ich investiere in wachstumsstarke, offensive, konjunkturabhängige Growth-Aktien. Dazu zählen Zukunftsmärkte wie Technologie, Künstliche Intelligenz mit Robotik, Biotechnologie, Medizintechnik und IT-Software. Diese Branchen sind für mich Kurstreiber in den Zeiten des Demografie- und Klima-Wandels und in den Crash-Bodenbildungs-Phasen."

"Ein Drittel der Single-Frauen und der Verheirateten haben kein Geld auf der hohen Kante"

Studien zeigen, dass Frauen seltener Geld in Aktien anlegen als Männer. Was würden Sie jungen Frauen heute mit auf den Weg geben?
Beate Sander:
"Frauen erscheinen finanziell besonders 'verwundbar', denn jede zweite geschiedene oder verwitwete Frau verfügt über keine Ersparnisse. Ein Drittel der Single-Frauen und der Verheirateten haben kein Geld auf der hohen Kante. Bei den Rentnerinnen sind es weniger als die Hälfte. Da steigt die Besorgnis, zu wenig Geld für ein auskömmliches Leben im Ruhestand zu haben. Zwar bestimmt die gute Hälfte der Frauen in den Familien über den Umgang mit Finanzen. Aber nur ein gutes Drittel legt für sich selbst etwas als Altersvorsorge an. Gerade mal jede vierte Frau investiert in Kapitalanlagen. Dagegen ist fast jeder zweite Mann in Aktien und andere Wertepapiere investiert.
Mein Aufruf: Starten Sie Ihre Altersvorsorge so früh wie möglich – sei es mit Sparplänen oder Einmalanlage. Weg vom schleichenden Kapital-Vernichter Sparbuch – hin zu Einzelaktien, ETFs und aktiven Aktienfonds in den Zeiten der Null- und Strafzinsen! Dafür ist es nie zu früh, aber in Zeiten des demografischen Wandels auch nur selten zu spät. Wenn Sie im Schnitt in 50 Jahren zehn Jahre länger leben und in 75 Jahren 15 Jahre geschenkt bekommen, soll dies nicht in Armut, sondern in finanzieller Freiheit geschehen."

Sind Frauen die besseren oder schlechteren Anleger?
Beate Sander:
"Teils, teils. Ausgang unentschieden wie bei einem Fußballspiel, das 2:2 endet. Einerseits schützt und bewahrt Frauen ihre Vorsicht mit dem Ziel Kapitalerhalt vor spekulativen Finanzprodukten mit hohem Hebel (Führungstor 1:0). Andererseits sind die Liebe und Treue zum schleichenden Kapital-Vernichter Sparbuch ungebrochen. (Gegentreffer 1:1). Männer legen erfreulicherweise prozentual nur halb so viel in Sparbüchern an zugunsten von Wertpapieren. (Zwischenstand 1:2). Aber das nicht selten zu beobachtende hochriskante Zocken Long/Short, Hebelderivate macht die Abkehr vom Sparbuch wieder zunichte und bedeutet ein Gegentor (Endstand 2:2).

Der Aktien- und Börsenführerschein
Beate Sanders Buch "Der Aktien- und Börsenführerschein" ist mittlerweile in der zehnten Auflage erhältlich. Fast schon ein Klassiker der Finanzliteratur!
© Finanzbuchverlag

*Wir arbeiten in diesem Beitrag mit Affiliate-Links. Wenn Sie über diese Links ein Produkt kaufen, erhalten wir vom Anbieter eine Provision. Für Sie entstehen dabei keine Mehrkosten. Wo und wann Sie ein Produkt kaufen, bleibt natürlich Ihnen überlassen.

Auch interessant