SkispringenSpringer im Tief: Triste Aussichten für Flug-WM und Olympia

Bei der Tournee haben die deutschen Springer mit dem Podest nichts zu tun. Der Blick auf Skiflug-WM und Olympia ist sorgenvoll. Die Probleme gehen über eine kurzfristige sportliche Krise hinaus.
Die Gegenwart ist trist, die Zukunft noch trister? Nach einer enttäuschenden Vierschanzentournee geht es für die deutschen Skispringer mit viel Unsicherheit und großen Sorgen in Richtung der nächsten Großevents. In zweieinhalb Wochen startet die Flug-WM in Oberstdorf. Zwei Wochen später geht es zu Olympia. Der eigene Anspruch ist, dort um die Medaillen zu springen. Nur: Wie soll das gelingen?
Bei der Tournee, die der Slowene Domen Prevc triumphal gewann, waren die Deutschen nur Nebendarsteller. Rang sechs für Felix Hoffmann und Platz acht für Philipp Raimund sind ordentliche Ergebnisse. Angst jagen sie der Konkurrenz aber nicht ein. Das noch größere Problem ist aber: Hinter den beiden Alleinunterhaltern des Deutschen Skiverbands (DSV) in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen klafft eine riesige Lücke.
Wellinger, Geiger und Paschke im Tief
Hoffmann und Raimund, die das Tournee-Finale im Pongau angeschlagen verlassen haben, können an einem guten Tag um einen Podestplatz mitspringen. Die einstigen Erfolgsgaranten Andreas Wellinger, Karl Geiger und Pius Paschke sind davon derzeit ganz weit weg. Wellinger und Geiger kamen bei der Tournee nicht ein einziges Mal in den zweiten Durchgang der besten 30 Springer.
Bundestrainer Stefan Horngacher sah zwar leichte Fortschritte und sagt: «Wir gehen, wir stehen nicht.» Dass Geiger, Wellinger und Paschke aber bis zu den Saisonhöhepunkten auf der gigantischen Heini-Klopfer-Skiflugschanze im Allgäu und bei den Winterspielen in Italien wieder zurück zu alter Stärke finden, ist nur sehr schwer vorstellbar.
Schon zu Beginn der Tournee hatte Horngacher das Ziel ausgegeben, zur Flug-WM wieder eine schlagkräftige Vierermannschaft zu haben, um dort beim Team-Wettkampf eine Medaille zu holen. Bei Olympia könnte den Deutschen eine Änderung unverhofft entgegenkommen: Statt des klassischen Team-Wettbewerbs mit vier Springern gibt es nun das Super-Team, bei dem nur noch zwei Athleten pro Nation dabei sind.
Nachwuchs fehlt
In früheren Jahren wären zumindest Wellinger und Geiger wohl bereits während der Tournee aus der Mannschaft genommen und durch formstärkere Springer ersetzt worden. Aktuell geht das aber nicht. Es ist einfach niemand da.
«Es ist eine gute Frage, wo die sind», sagt Wellinger zu fehlenden starken Nachwuchsspringern, die den Arrivierten Druck machen. Während bei Nachbar Österreich ein guter junger Sportler nach dem anderen im Weltcup auf sich aufmerksam macht, hat Deutschland ein Nachwuchsproblem. Mit 25 ist Raimund der Jüngste im Team. Hoffmann ist 28, alle anderen sind 30 oder älter. Kommen nicht bald hoffnungsvolle Talente nach, drohen der deutschen Mannschaft schwere Jahre.
«Das beschäftigt uns enorm - auch mich in meiner Funktion. Das kann uns nicht zufriedenstellen», sagt Sportdirektor Horst Hüttel zu den Problemen im Nachwuchs. Man müsse «mit Nachdruck intensiv analysieren und schauen, dass wir so schnell wie möglich in den nächsten Jahren die Situation verbessern». Nachgesteuert habe der DSV bereits. «Aber der Output, der von hinten nachkommt, ist uns definitiv zu wenig.»
Wellinger: «Dann ist halt ein Fußball oder Tennisschläger einfacher»
Skispringen war schon immer eine Nischensportart. Kinder und ihre Eltern für die Disziplin zu begeistern, werde jedoch immer schwieriger, sagt Wellinger. «Man muss oft eine halbe Stunde oder Stunde zum nächsten Training fahren. Der Aufwand ist einfach enorm», erklärt der 30-Jährige. «Und da reden wir noch gar nicht vom Material, was es dazu braucht. Dann ist halt ein Fußball oder Tennisschläger einfacher.»
Weniger Kinder in den Vereinen verringern die Chance, dass es irgendwann jemand nach ganz oben schafft. «Je breiter die Masse, desto einfacher kommen dann am Ende auch welche durch», sagt Wellinger.
Die Hoffnung hat der Olympiasieger, der einst selbst vor dem Fernseher seine Begeisterung für das Schanzen-Spektakel entdeckte, noch nicht aufgegeben. «Ich hoffe, der Wintersport lebt und wir können mit dem, was wir machen, auch Kinder begeistern und motivieren», sagt er. Deutsche Erfolge würden dabei sicherlich helfen.