Tierpathologe schreibt Buch über übertriebene Tierliebe

Wenn Tiere zu Tode geliebt werden: Manche Haustierhalter lieben ihr Tier zu sehr

10. März 2019 - 12:26 Uhr

"Die Hunde schlafen bei mir, mein Mann in einem anderen Zimmer"

Der Hund gilt ja als der beste Freund des Menschen. Aber will er das eigentlich auch immer so? Rund 34 Millionen Haustiere leben unter deutschen Dächern und oft interpretieren wir ihr Verhalten falsch, sagt der Tierpathologe Achim Gruber. Unsere Haustiere werden zunehmend vermenschlicht. Laut einer RTL-Forsa Umfrage geben 50 Prozent der befragten Haustierbesitzer zu, es mit der Liebe manchmal etwas zu übertreiben. Wie sehr, das sehen Sie im Video.  "Die Hunde schlafen bei mir, mein Mann schläft in einem anderen Zimmer", erzählt dort unter anderem eine Hundebesitzerin.

Herrchen und Frauchen lieben manchmal zu viel

Pudel im Kinderwagen
Viele Haustiere werden inzwischen vermenschlicht. Das kann Folgen für ihre Gesundheit haben. Foto: Hendrik Schmidt
© deutsche presse agentur

Der Berliner Tierpathologe Achim Gruber hat das Buch "Das Kuscheltier-Drama" geschrieben. Gruber berichtet darin über Haustiere, die still leiden: unter Herrchen und Frauchen, die sie zu sehr lieben.

Auch Gruber liebt Haustiere. Er ist mit Hund, Aquarium, Vögeln und einer griechischen Landschildkröte groß geworden. Heute hält er Familienhund Benni. Wenn Hund oder Katze im Bett liegen, hat Gruber damit kein Problem. "Wenn sie geimpft und entwurmt sind", betont er. "Und wenn dem Tier das auch gefällt." Das ist der springende Punkt bei seinen Thesen zum Kuscheltier-Drama. Kann ein Mensch Bedürfnisse von Heimtieren wahrnehmen - und will er das?

Tierpathologe: "Wir machen unsere Haustiere zu Opfern, sie werden zu sehr vermenschlicht"

Ein weißer Yorkshire Terrier mit rosa Schleife.
Haustier oder Kinder-Ersatz: Viele Haustiere leiden unter der übertriebenen Liebe ihrer Besitzer.
© PhotoAlto

Gruber ist 52, seit 2004 arbeitet er als Tierpathologe an der Freien Universität Berlin. Er untersucht Proben, wenn Tierärzten kranke Patienten mit Fell oder Federn Rätsel aufgeben. Er obduziert auch Haus- und Zootiere, die plötzlich starben, darunter Eisbär Knut. Mit der Zeit ist Gruber immer nachdenklicher geworden. "Wir machen unsere Haustiere zu Opfern", sagt er heute. "Sie werden so vermenschlicht, dass wir ihnen ihre Natur nehmen."

Tier dienen zunehmend als Kind- oder Partner-Ersatz

Der Fall der Hundebesitzerin oben ist nicht ungewöhnlich: Tiere dienen häufig als Kind- oder Partnerersatz und heißen statt Bello und Mieze jetzt Felix und Emma. Gruber beobachtet auch veränderte Zuchtziele. "Normalerweise hat ein Hund einen langen Schädel, eine schlanke, große Nase und Augenhöhlen, die schräg nach außen stehen", sagt er. Heute würden die Tiere so gepaart, dass sie menschenähnlicher wirkten: mit kurzer Schnauze, hoher Stirn und Augen, die nach vorn blickten. Extremformen von Möpsen und Französischen Bulldoggen sind für Gruber solche "Defektzuchten". Die Tiere zahlten einen hohen Preis: Durch zu kleine Nasen bekämen sie bei Belastung zu wenig Luft.

Hinzu komme, dass manche Halter Hund oder Katz inzwischen vegetarisch ernährten, nur weil sie selbst so leben. Er beschreibt in seinem Buch auch, wie eine Frau den Todeskampf ihrer Bulldogge in ihren Armen als Zuneigung deutete. Das Tier erstickte. "Wir interpretieren das Verhaltensmuster von Tieren oft falsch, wenn wir es gar nicht kennen", so Gruber. Was Menschen in Tierverhalten sähen, sei meist eine Projektion eigener Bedürfnisse.

Quelle: DPA, RTL