Sportpsychologe über mentale Probleme von Spitzen-Athleten

"Das System von Biles ist komplett überlastet"

28. Juli 2021 - 18:32 Uhr

Markus Raab: So kommt es zur mentalen Überlastung

Simone Biles zieht die Notbremse. Der amerikanische Turnstar bricht wegen "mentaler Probleme" nicht nur den Teamwettkampf bei den Olympischen Spielen ab, sondern zieht sich nun auch vom Mehrkampf-Einzel zurück. Im Interview erklärt der Sportpsychologe Professor Markus Raab von der Sporthochschule Köln, wie es zu einer mentalen Überlastung kommen kann und welche Möglichkeiten es gibt, wie Biles bei diesen Spielen zurück zur mentalen Stabilität findet.

Sportpsychologe im Interview: Sportler müssen mental trainieren

"Auswirkungen auf Selbstwertgefühl und Sicherheit beim Turnen"

Herr Raab, mit Simone Biles und Naomi Osaka haben zwei Sportlerinnen bei diesen Olympischen Spielen offenbart, wie sehr sie unter gewaltigen Erwartungsdruck leiden. Während bei Biles über "mentale Probleme" gesprochen wird, hat Osaka ja bereits vor einigen Monaten ihre Depressionen öffentlich gemacht. Lassen sich die Fälle der beiden Sportlerinnen vergleichen?

Professor Markus Raab: Das ist ein ganz schwieriges Thema und lässt sich nicht durch Ferndiagnosen entscheiden. Wir unterscheiden in der Psychologie zwischen aktuellem Stress in einer Situation, zwischen einem Burnout, also längerfristigen Symptomen, die sich unter anderem auch auf den Schlaf auswirken und der klinisch relevanten Depression, die deutlich langfristigere Stimmungstiefs beinhaltet. Von den Aussagen, die etwa Naomi Osaka getätigt hat, gab es da auch noch soziale Ängste, wenn es etwa um die Teilnahme an Pressekonferenzen geht. Das ist nicht unüblich bei einer Depression, dass man mehrere Teilerkrankungen aus psychologischer Sicht berichtet bekommt.

Bei Simone Biles ist dagegen noch zu früh, um zu sagen, wie sich die hohen Erwartungen und der Umstand, dass sie aktuell ihre Topleistung nicht abrufen kann, auswirken. Klar ist auf jeden Fall, dass sie Auswirkungen auf ihr Selbstwertgefühl haben werden und auf ihre Sicherheit beim Turnen. Das kann wiederum zur Angst vor Verletzungen führen. Das hat sie ja selbst bereits zum Thema gemacht. Das alles ist aber nochmal etwas ganz anderes als die Symptomatik, die rein auf Depression droht.

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Erwartungsdruck an Biles "immens"

Markus Raab ist Psychologe an der Deutschen Sporthochschule Köln
Markus Raab ist Psychologe an der Deutschen Sporthochschule Köln.
© Deutsche Sporthochschule Köln

Ist der Druck, den diese beiden Athletinnen und viele andere Sportler vor ihnen spüren, eigentlich messbar?

Ja, wir haben auf der eine Seite die Selbstberichte der Athletinnen und Athleten, aber wir können das auch physiologisch messen, zum Beispiel steigt bei großem Druck der Spiegel des Stresshormons Cortisol stark an.

Bei Spitzensportlern spricht man ja ganz oft von Mentalitätsmonstern. Wie kann es passieren, dass diese herausragende Stärke unter dem immensen Druck verloren geht, sogar zusammenbricht?

Simone Biles steht nach ihren vier Goldmedaillen bei den vergangenen Spielen in Rio unter einem immensen Erwartungsdruck. Den hat sie durch die Verlegung der Spiele ein Jahr länger aushalten müssen. Das ist alles andere als hilfreich. Hinzu kommt die Pandemie. In der Vorbereitung gab es kaum Möglichkeiten, sie in den Wettkampf-Routinen zu unterstützen. Und bei Simone Biles muss man noch berücksichtigen, dass sowohl eine familiäre als auch eine sportliche Vorgeschichte dazu kommt. Da geht es um die Mutter, die mit der Pflege der Kinder überfordert war und um die Berichte um den sexuellen Missbrauch der Sportlerin durch den amerikanischen Teamarzt. Das macht den Fall natürlich noch einmal besonders dramatisch für die verschiedenen Einflussgrößen.

Wenn Vorbereitung und Training nicht mehr helfen

Vielleicht können Sie noch einmal konkret schildern, wie es zu den mentalen Problemen von Biles kommen konnte und warum es so schwer ist, sich auf so etwas vorzubereiten?

Solche Momente sind leider nicht vorhersehbar. Dieser Stress ist nur in dem Moment selbst erfahrbar. Wir können so eine olympische Stresssituation nicht in einer Trainingsform simulieren. Wenn plötzlich der große Druck von einem Verband, von einer ganzen Nation auf eine Situation trifft, auf die man eigentlich gut vorbereitet ist, in der man dann aber feststellen muss, dass das selbst erarbeitete Selbstkonzept nicht so stark wie gedacht ist, dann erreichen wir eben die Grenze, wo Vorbereitung und Training nicht mehr helfen, um diesen Druck auszuhalten. Das kann dann durch die Auswirkungen der Pandemie geschehen, durch die Verschiebung der Spiele oder aber durch eine erste verpatzte Übung. Oder als Kombination aus all diesen Dingen. Da brechen dann beim Athleten plötzlich all die Routinen weg, die für die mentale Stärke so wichtig sind. Das erkennen wir ja jetzt gerade bei Osaka und Biles, da ist das System dann plötzlich überlastet. So etwas können wir Sportpsychologen dann auch nicht mehr durch ein paar Feuerwehraktivitäten korrigieren, das muss systematisch aufgebaut und trainiert werden.

Die öffentlichen Eingeständnisse der mentalen Probleme sind ja ein großer Moment der Stärke, nicht des Scheiterns. Kann eine Sportlerin wie Biles das für sich aber auch so deuten? Ganz besonders bei einem so wichtigen Wettkampf wie den Olympischen Spielen?

Sie hat in ihren Interviews ja selbstreflektiert, dass der Körper die Leistung bringen kann, aber die mentale Situation dazu führt, dass sie Angst vor Verletzungen hat, dass sie der Mannschaft nicht helfen kann, die Antwort lautet also: Ja, sie kann das.

Langfristige Folgen "sehr genau abschätzen"

27.07.2021, Japan, Tokyo: Simone Biles aus den USA wartet auf ihren Auftritt am Sprung während des Finales der Kunstturnerinnen bei den Olympischen Sommerspielen 2020. Die viermalige Rio-Olympiasiegerin hat ihre weiteren Starts in den Turn-Finals bei
Turn-Superstar Biles kann dem Druck bei Olympia zurzeit nicht Stand halten.
© dpa, Gregory Bull, kde

Wie bewerten Sie als Sportpsychologe die öffentlichen Eingeständnisse?

Das sind aus meiner Sicht Schreie, dass die Psychologie eingreifen muss. Deswegen halte ich es auch für richtig, dass sie am Donnerstag nicht sofort wieder in den Einzel-Wettkampf geht. Es ist nun eine wichtige Aufgabe für die Sportpsychologen und Sportpsychologinnen vor Ort, sehr genau zu bewerten, ob bei einem Weitermachen in den Geräte-Finals kommende Woche tatsächlich eine Verletzungsgefahr besteht oder es sogar zu langfristigen psychologischen Folgen kommen kann.

Simone Biles hatte zunächst gesagt, dass sie sich auf einen Tag Ruhe für den Kopf freuen. Kann es tatsächlich gelingen, sich in so kurzer Zeit von den "mentalen Problemen" zu befreien?

Bei gravierenden Ursachen für ihre mentalen Probleme ist die Antwort: nein! Aber wenn es sich "nur" um eine Überlastung handelt, die Sportlerin isoliert wird und entsprechende Maßnahmen zur Erholung eingeleitet werden, dann kann so etwas tatsächlich an einem Tag funktionieren. Wir haben das bei anderen Sportarten auch schon gesehen. Denken Sie etwa an den Fall Christian Eriksen bei der Fußball-Europameisterschaft. Aber nach so einer kurzen Zeit ist normalerweise nicht die gleiche Leistung wie vorher erwartbar. Die Trainer und Psychologen und Psychologinnen, da wiederhole ich mich, müssen sehr genau abschätzen, wie hoch das Risiko für langfristige Folgen ist, sowohl körperlich als auch mental.

Was kann eine Sportlerin wie Simone Biles tun, um in einem so wichtigen, einmaligen Wettkampf wie den Olympischen Spielen ihre mentale Stabilität zurückzugewinnen? Ab in die Halle trainieren?

Nein, sie muss heute komplett raus aus dieser Situation. Sie muss sich mit Hilfe der Psychologen und Psychologinnen neu aufbauen. Dass sie das Mehrkampf-Einzel abgesagt hat, ist ein Indikator, dass das nicht so einfach regulierbar ist. Es geht nun vor allem darum, für sie den optimalen Bereich des Funktionierens zu generieren. Also die Anspannung hoch- und runterregulieren, je nach aktuellem Zustand.

Gehört dazu auch eine Pause in den sozialen Netzwerken, wo die Sportler ja fast immer aktiv sind? Oder zugespitzt gefragt: Sind die sozialen Medien in solch einer Situation eine Gefahr für Sportler?

Die Antwort auf die letzte Frage ist: ja. Es kann schon eine Gefahr sein, wenn wir sehen, wie viele Shitstorms es gibt. Aber die sozialen Medien bieten immer auch die Chance, bestimmt Tabuthemen anzusprechen. Osaka hat das mit dem Eingeständnis ihrer sozialen Ängste ja bereits gemacht. Die sozialen Medien können also auch helfen, bestimmte Dinge auszusprechen. Dadurch kann etwa eine Akzeptanz dafür geschaffen werden, dass psychologische Probleme nicht mehr als Scheitern und persönliche Niederlage der Athleten und Athletinnen begriffen werden. Es kann helfen, den Druck so zu mindern, dass die betroffenen Sportler und Sportlerinnen mit ein wenig Belastungs- und Emotionsregulation ihren Sport, den sie so sehr lieben, weiter ausführen können.

Mit Markus Raab sprach Tobias Nordmann

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