So kann man aus der Tasse in die Zukunft schauen

Traditioneller Ostfriesentee darf nicht umgerührt werden

Ostfriesentee - In den "Wulkje" aus Sahne soll man seine Zukunft lesen können.
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29. Oktober 2020 - 17:43 Uhr

Teatime auf Norddeutsch ist Kult

Es wird langsam kalt draußen und vielerorts wird der Eistee aus dem Kühlschrank verbannt. Alternativ steht ab jetzt die Teekanne auf dem Tisch. In Ostfriesland heißt das "Teetied". Übersetzt: Teezeit. Beim Zubereiten und Trinken von traditionellem Ostfriesentee gilt es aber einiges zu beachten, damit aus dem heißen Trunk das typische Kultgetränk wird.

Die Mischung macht’s und kommt aus Indien

Streng genommen kommt der Ostfriesentee gar nicht aus Norddeutschland. Der Inhalt des Naturprodukts wird in der indischen Region Assam angebaut. Im Juni und Juli werden die Teeblätter geerntet, um dann nach Ostfriesland exportiert zu werden. Bei der Qualitätskontrolle kommt es besonders auf den Geschmack an. Und der wird erst dann richtig gut, wenn die verschiedenen Schwarzteesorten zusammengemischt dem kritischen ostfriesischen Gaumen entsprechen.

Süßes Knistern ist Pflicht

Bevor der Tee in die Tasse kommt, gehört ein Kluntje hinein. Ein oder mehrere Zuckerwürfel sind das, je nach Bedarf, die umgangssprachlich auch als Friesenkandis bezeichnet werden. Das Besondere: Beim Eingießen des Tees entsteht ein einzigartiges Knistergeräusch, das in den ersten paar Sekunden bei genauem Hinhören erkennbar ist. Ein spezielles Geräusch, nicht nur für das ostfriesische Ohr.

Abwarten und Tee trinken

Auf die Mischung aus Friesentee und Kluntje folgt ein Hauch von Sahne. Sie muss traditionell in einem Teelöffel, am Rand der Tasse in das Getränk gegeben werden. Wichtig: Den Löffel entgegen des Uhrzeigersinns am Tassenrand entlang streifen. Dadurch bilden sich sogenannte Wulkje, also Wölkchen. Ein optisch sehr interessanter Effekt, der die verschiedensten Muster hervorbringen kann. Einige Ostfriesen lesen aus den wild angeordneten Sahnewölkchen sogar ihre Zukunft.

Umrühren ist nicht erlaubt

Damit die Wölkchen erhalten bleiben soll der Tee nach ostfriesischer Tradition nicht umgerührt werden. Erst bei der zweiten Tasse machen einige Lokalpatrioten mal eine Ausnahme. Sitzt man in einer klassischen, ostfriesischen Küche am Tisch sollte aber noch etwas beachtet werden: Wenn man keine dritte, vierte oder fünfte Tasse eingeschenkt bekommen möchte, dann sollte der Löffel in die Tasse gelegt werden. Eine leere Tasse ohne Löffel verstehen viele Ostfriesen als Aufforderung nachzuschenken.

Welches Geschirr ist das Richtige?

Traditionell wird der Tee in einem Stövchen aufgekocht. Das ist eine Teekanne aus Zinn. Ausgeschenkt wird das Heißgetränk aber auch gerne aus einer Porzellankanne mit zeitlosen Designs, wie zum Beispiel der ostfriesischen, rosaroten Rose. Häufig sind die Porzellankannen und Tassen aber auch in blauweiß mit schlichteren Mustern zu finden. Im Laufe der Jahre ist eine richtige Industrie rund um den Trunk entstanden.

„Teetied“ als Teil der Identität

Ein Leben ohne Tee ist für viele Ostfriesen nur halb so lebenswert. Tee bedeutet hier vor allem eines: Heimat. Die Ostfriesen trinken den Tee nicht nur, wenn sie Durst haben, sondern über den Tag verteilt. Er ist mehr als nur ein Getränk, er gehört für viele zur Identität und zur Geschichte dazu.

Ein Tee mit langer Geschichte

Das feste Trinkritual hat seinen Ursprung eigentlich nicht in Ostfriesland, sondern in den Niederlanden. Hier kam 1610 das erste Mal Tee in Amsterdam an. Weil das nicht weit von Ostfriesland weg ist und es keine große sprachliche Barrieren gab, hat die Zeremonie schließlich schnell ihren Weg nach Ostfriesland gefunden, wo sie spätestens im 18. Jahrhundert dann richtig groß rausgekommen ist. Ein Kult, der bis heute anhält und sogar von der deutschen UNESCO-Kommission zu einem schützenswerten Kulturgut erklärt wurde.