Ständig muss sie sich rechtfertigen

Schreibaby! Diese Mutter fühlt sich als Versagerin

Der kleine Samuel (3,5 Monate) ist ein Schreibaby - eine enorme Belastung für die Eltern ist aber vor allem das Unverständnis der Mitmenschen.
Der kleine Samuel (3,5 Monate) ist ein Schreibaby - eine enorme Belastung für die Eltern ist aber vor allem das Unverständnis der Mitmenschen.
© Michelle Werle, Privat

04. November 2021 - 19:12 Uhr

Neue Erdenbürger im Anpassungsstress

Die Geburt ist überstanden, Mutter und Kind sind gesund und schon bald geht es ins liebevoll gestaltete und kuschlige Nest, um dort die erste Zeit mit dem Neugeborenen zu genießen. So süß und romantisch stellen sich viele werdende Eltern diese Zeit vor, so süß und romantisch kann sie auch sein. Doch so mancher neuer Erdenbürger hat in der Zeit direkt nach der Ankunft ganz schön mit Anpassungsstress zu kämpfen - und schreit übermäßig viel, ohne dass die Eltern ihn beruhigen können. Michelle Werle und ihr Mann gehören dazu. In einer Zuschauer-Mail schildert Michelle uns drastisch, welche Folgen das Leben mit ihrem Schreibaby für sie und ihren Mann hat.

Eltern sind ständig unter Strom

Schreiende Babys versetzen Eltern in Alarmbereitschaft - das hat die Natur so eingerichtet, um das Leben der Kleinsten zu schützen. Schreit ein Baby also ständig, dann stehen die Eltern ständig unter Strom. Ungestörter und erholsamer Schlaf ist mit Säugling sowieso eher Mangelware - umso heftiger wird es, wenn das Baby ständig schreit. Als Schreibaby gilt dabei ein Säugling, der täglich mehr als drei Stunden an mindestens drei Tagen der Woche über mehr als drei Wochen aus unerklärlichen Gründen schreit und sich kaum beruhigen lässt. Das Schreien tritt dabei ganz plötzlich auf, kurz zuvor hatte Baby sich anscheinend noch wohlgefühlt.

IM VIDEO: Wie umgehen mit einem Schreikind?

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Samuel schläft nur auf der Mutter

"Niemand, der nicht selbst diese Erfahrungen gemacht hat, kann auch nur annähernd nachvollziehen, was Eltern solcher Kinder durchmachen", sagt uns Michelle Werle (36) aus Kaiserslautern. Ihr drei Monate alter Sohn Samuel ist ein Schreibaby, er braucht kaum Schlaf, die gängigen Tricks wie ein Spaziergang im Kinderwagen oder die berühmte Fahrt im Auto helfen nicht.

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"Er wollte immer nur in der Tuchtrage sein, ich musste sogar mit ihm auf die Toilette und geschlafen hat er nur auf mir", erzählt sie uns. "Er lebte quasi auf mir, 22 Stunden am Tag." Das Schreien der Babys nimmt meist im Tagesverlauf zu, besonders stark ist es dann spätnachmittags und in der ersten Nachthälfte – und dabei ist der Säugling kaum zu trösten. Die "Schreibabykarriere" beginnt meistens mit einem Alter von zwei Wochen.

Geduscht wird nur noch alle paar Tage

Teilweise vereinsame man, weil man mit dem Baby nirgendwo hingehen könne, Freunde und Bekannte wenden sich ab, weil die Wohnung nicht verlassen werden kann, beschreibt Michelle den Alltag mit Schreibaby. "Und wenn dann mal jemand zu Besuch kommt, schreit das Baby nur", erzählt uns die 36-Jährige. Um das Kind nicht zu überreizen, verzichten sie und ihr Mann aufs Musikhören und Fernsehen. Und geduscht wird nur noch alle paar Tage. Auch für die Beziehung ist es die ultimative Zerreißprobe: "Teilweise haben mein Mann und ich kein Wort miteinander gesprochen, weil wir zu kaputt waren", schildert sie die Situation. "Körperlich sowie psychisch kaum auszuhalten."

„Es fühlt sich als Mutter einfach nur schrecklich an“

Was Michelle aber noch am meisten trifft, ist das Unverständnis im sozialen Umfeld. "Das Allerschlimmste sind die ständigen Rechtfertigungen", beklagt sie sich. "Teilweise wird man ungläubig angeschaut, ich werde gefragt, ob ich mich in der Schwangerschaft falsch verhalten hätte." Manche sagen ihr sogar, dass Schreibabys eine neumodische Erscheinung seien – von wegen früher habe es so etwas nicht gegeben. "Es fühlt sich als Mutter einfach nur schrecklich an, so als hätte man total versagt."

Doch Samuel ist ein absolutes Wunschkind und Michelle und ihr Mann lieben ihn über alles. "Es wäre einfach schön, wenn die Leute einfach verstehen würden, dass es auch solche Kinder gibt und dass die Mütter überhaupt keine Schuld trifft", sagt Samuels Mutter.

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Noch fehlende Selbstregulation

In der Tat tritt das Phänomen der Schreibabys weltweit auf, ohne dass die genauen Ursachen wirklich bekannt seien, informieren Experten der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). Etwa jeder achte bis zehnte Säugling ist betroffen, manche Schätzungen sprechen auch von jedem fünften. Das Problem ist landläufig auch als Dreimonatskolik bekannt. Doch die Annahme, das Schreien sei auf eingeatmete Luft oder allgemeine Darmprobleme zurückzuführen, gilt als veraltet. "Lediglich fünf Prozent der Babys, die viel schreien, haben Probleme mit dem Magen-Darm-Trakt", informiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. In der Kinderpsychologie geht man davon aus, dass die noch fehlende Selbstregulation das große Problem darstellt. Der betroffene Säugling hat Schwierigkeiten, sich an den Rhythmus von Schlafen und Wachsein anzupassen und reagiert übersensibel auf Reize, findet dadurch kaum in den Schlaf.

Die meisten Schreibabys sind ganz gesund

Neugeborene schreien viel
Neugeborene schreien viel - doch wenn es täglich mehr als drei Stunden an mindestens drei Tagen der Woche über mehr als drei Wochen aus unerklärlichen Gründen schreit und sich kaum beruhigen lässt, spricht die Medizin von einem Schreibaby.
© iStockphoto, iStock, damircudic

Ein vermehrter Körperkontakt vor oder nach den Schreiattacken hat dabei keinen Einfluss. Auch gibt es laut DGKJ keinen Unterschied zwischen Gestillten und Flaschenkindern. Die meisten Schreibabys sind auch ganz gesund, haben später auch nicht öfter Allergien oder Erkrankungen als andere Kinder. Nur bei wenigen Säuglingen ist eine Milchunverträglichkeit, Sodbrennen oder eine andere Erkrankung Ursache des übermäßigen Schreiens. Raucherhaushalte sollten ihr Verhalten allerdings überprüfen: Denn wo geraucht wird, gibt's häufiger Schreibabys.

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Michelle hat alles versucht - nur eine Sache hilft wirklich

Was können Eltern in dieser Situation tun? Beruhigungsmaßnahmen wie die berühmte Spazierfahrt im Kinderwagen, ein warmes Bad, eine Bauchmassage, ein sanftes Schaukeln in einer Wiege, Anbieten eines Beruhigungssaugers – oft bringt das alles nicht das gewünschte Ergebnis. "Ich war beim Kinderarzt, beim Osteopathen, ich habe alles ausprobiert, spezielle Kinderwippen zum Mieten, habe mich belesen und recherchiert", kann auch Michelle berichten, "letztendlich muss ich sagen, dass es wohl nur die Zeit ist, die hilft."

Bei Überlastung dringend Hilfe holen!

In der Tat verschwindet das Problem ab dem vierten Monat meist von selbst. Wichtig ist trotzdem, dem Kind Ruhe und Geborgenheit zu vermitteln. Nach Möglichkeit sollten Familienmitglieder und Freunde den Eltern aushelfen und die dringend notwendigen Ruhepausen ermöglichen. Wenn die nervliche Belastung zu groß wird, sollten Eltern den Kinderarzt aufsuchen – oder, wenn in der näheren Umgebung vorhanden, eine Schreiambulanz aufsuchen. Dort gibt es Experten, die sofort mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Beim kleinen Samuel geht es langsam aufwärts

Und eins ist ganz klar: Die Eltern sind für das Schreien nicht verantwortlich, betonen auch die Gesundheitsexperten des DGKJ! Ein Satz, den sich Michelle sich bestimmt am liebsten auf ein T-Shirt drucken lassen würde. Mit dem Schreien bei ihrem Sohn Samuel geht es mittlerweile Gott sei Dank auch aufwärts. "Es ist etwas leichter geworden", berichtet sie uns, "wir haben aber noch viel vor uns und das Haus verlassen funktioniert immer noch nicht." (ija)

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