"Böser Stachel" und "unrein"

Mindestens 70.000 Frauen in Deutschland sind Opfer von Genitalverstümmelung

© picture-alliance/ dpa/dpaweb, epa Pierre Holtz

10. Oktober 2019 - 20:00 Uhr

Genitalverstümmelung in Deutschland: Ursache ist Migration aus Somalia und Eritrea

Mindestens 70.000 Frauen in Deutschland sind Opfer von Genitalverstümmelung. Diese erschütternde Zahl geht aus einer Dunkelziffer-Statistik hervor, die die Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" heute, am Welt-Mädchentag, veröffentlicht hat. Weitere 17.600 Mädchen hierzulande seien akut bedroht, Opfer der barbarischen Praxis zu werden, so die Organisation.

Besonders erschreckend: Es werden jedes Jahr mehr –  seit 2016 ist die Zahl um 44 Prozent gestiegen. Hauptsächlich deshalb, weil immer mehr Menschen aus Ländern wie Somalia und Eritrea nach Deutschland ziehen. Dort ist die Praxis weit verbreitet: In Somalia sind 98 Prozent der Frauen von Genitalverstümmelung betroffen, in Eritrea sind es 83 Prozent.

Die Zahlen beruhen auf Schätzungen, vor allem auf Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des UN-Kinderhilfswerkes. Es handelt sich um Dunkelziffern - das bedeutet: Man geht von einer noch höheren Opferzahl aus.

Dunkelziffer-Statistik: Beschneidungen finden im Ausland statt

Die Klitoris sei ein "böser Stachel", die Schamlippen "unrein" – ein Aberglaube. Doch in vielen afrikanischen Staaten, Teilen des Nahen Ostens und Asiens gibt es ihn immer noch. Alle elf Sekunden wird weltweit ein Mädchen beschnitten, Klitoris und Schamlippen werden mit einer Glasscherbe oder sonstigen Instrumenten abgeschnitten. In besonders schweren Fällen wird das gesamte äußere Geschlechtsorgan verstümmelt und alles bis auf ein kleines Loch zugenäht.

Das typische Beschneidungs-Alter liegt zwischen null und 15 Jahren. Eine Tortur für die Mädchen - häufig ohne Narkose. Praktiziert wurde der Akt der Beschneidung in Deutschland bisher nicht, davon gehen "Terre des Femmes" aus. Dafür fänden die Verstümmelungen dann im Ausland statt – auf "Beschneidungs-Reisen" in die Heimat oder sogar in andere EU-Länder.

Um die nichtsahnenden Mädchen in Sicherheit zu wiegen, erfinden die Familien oft ein Fest in der Heimat, auf das sich die Kinder dann freuen. Manchmal werden sogar sogenannte "Beschneiderinnen" mit der "Operation" beauftragt.

Lebenslange Qualen durch Genitalverstümmelung

"Mädchenbeschneidung" – eine verharmlosende Bezeichnung, denn die Praxis ist genauso grausam wie lebensgefährlich. Für die Betroffenen ist sie mit jahrzehntelangen Qualen verbunden: Komplikationen bei der Geburt, immer wiederkehrende Infektionen im Genital- und Harnwegsbereich. Menstruationsblut kann nicht mehr richtig abfließen, staut sich zurück.

Das kann zu Eierstock-Infektionen, Unfruchtbarkeit und chronischen Schmerzen führen, manche Betroffenen leiden auch an psychischen Störungen. Deshalb wird die Praxis international als Menschenrechtsverletzung und Kindesmisshandlung eingestuft.

Weltweit leiden 200 Millionen Frauen unter den Folgen von Genitalverstümmelung, im Englischen auch "Female Genital Mutilation" (FGM) genannt.