Nach Alkoholbeichte von Klose und Göktan

Sind Höchstleistungen im Profisport mit Promille im Blut möglich?

© Imago Sportfotodienst

18. Oktober 2019 - 17:16 Uhr

Zwei Ex-Fußball-Profis, Timm Klose und Berkant Göktan, beichteten zuletzt, in ihrer Karriere mit Alkoholproblemen gekämpft zu haben. Trotzdem standen sie für ihre Vereine weiterhin auf dem Platz, spielten auf hohem Niveau. Ist es also möglich, dass Profisportler trotz Promille im Blut Höchstleistungen abliefern können? Und was führt zu einer Alkoholsucht im Leistungssport? RTL.de hat mit zwei Experten gesprochen.

„Strategie, um mit Drucksituationen umzugehen“

Berkant Göktan konnte seinen Erfolg nicht verarbeiten. Dem ehemaligen 1860-München-Profi ging damals alles zu schnell. Im Interview mit Sport1 gestand er deshalb, seinen Druck im Alkohol ertränkt zu haben. Die Gründe für Alkoholmissbrauch sind vielfältig. Chloé Chermette vom Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln erklärt, dass Alkohol angst- und stresslösend wirke. "Es ist eine Strategie, um mit Drucksituationen umzugehen, wenn auch eine sehr ungesunde", sagt sie: "Durch Alkohol sinkt die Anspannung."

Auch das soziale Umfeld kann Einfluss auf den Alkoholkonsum haben. Wie bei Timm Klose. Der 31-Jährige berichtete im "kicker" davon, dass er mit seinen älteren Freunden angefangen habe zu trinken – er war zu diesem Zeitpunkt erst 13 Jahre alt. Nicht unüblich, wie Chermette erzählt. "In Gruppen kann Druck entstehen, dazugehören zu wollen. Das kann ein Einstieg sein." Generell werde Alkohol oft konsumiert, um unangenehme Gefühle, wie ein geringer Selbstwert, zu unterdrücken.

Timm Klose sprach als Erster offen über seine Alkoholprobleme
Timm Klose sprach als Erster offen über seine Alkoholprobleme
© Imago Sportfotodienst

Chermette fordert, dass junge Talente in den Nachwuchsleistungszentren gut betreut werden. Dazu zählen Sportpsychologen und die Vermittlung von Strategien im Umgang mit Stress und Druck, wie es beispielsweise die Initiative "mentalTalent" der Sporthochschule Köln anbietet. Damit es gar nicht erst dazu kommt, dass Alkohol als Alternative in Betracht gezogen wird.

Chloé Chermette arbeitet im psychologischen Institut der Sporthochschule Köln
Chloé Chermette arbeitet im Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln
© Privat

Höchstleistung trotz Alkohol – ist das möglich?

Trotz ihres Konsums standen Klose und Göktan auf dem Platz, spielten für ihre Teams. Arzt und Präventionsmediziner Christoph Specht ist nicht verwundert, dass sie das bewerkstelligen konnten. Kurzzeitig seien Profisportler in der Lage, trotz Alkohol teilweise ihre Leistung abzurufen. "Aber auf lange Sicht leidet diese unter dem Alkoholkonsum." Manche Alkoholabhängige bräuchten sogar einen gewissen Alkoholpegel, um überhaupt leistungsfähig zu sein.

Dennoch könne man bei Spielern unter Alkoholeinfluss nicht von Höchstleistungen sprechen. "Sie können körperlich nicht das abrufen, wozu sie sonst im Stande wären", sagt der Arzt. Profi-Fußballer, die über eine lange Zeit regelmäßig im hohen Maße trinken und trotzdem ihre Leistung abliefern, könne sich Specht deshalb nicht vorstellen.

Dr. Christoph Specht arbeitet im Bereich der Präventionsmedizin
Dr. Christoph Specht arbeitet im Bereich der Präventionsmedizin
© Privat

Profi-Sportler können Alkohol-Konsum besser verschleiern

Mit einem Mythos räumt der Mediziner auf: Die Körper von Leistungssportlern bauen Alkohol nicht schneller ab, als es bei Nicht-Leistungssportlern der Fall ist. Denn: "Der Abbau von Alkohol hängt von der Enzymtätigkeit im Körper ab und die ist unabhängig vom Sport." Grundsätzlich können Profisportler ihren Konsum aber besser verschleiern.

Die typischen Verfallssymptome von Alkoholsüchtigen, wie beispielsweise ein massiver Gewichtsverlust, seien bei ihnen nicht so offensichtlich, berichtet der Arzt. Diesen können Profisportler aufgrund ihrer ausgewogenen Ernährung kompensieren.

In jedem Fall sei Alkohol ein "katastrophales Zellgift, egal ob Leistungssportler oder nicht."