Das macht eine Entschärfung so riskant!

Bombenentschärfung von Blindgängern: Das müssen Sie wissen!

Bombenentschärfung in Köln.
© dpa, Roberto Pfeil, rp bsc

21. Januar 2020 - 12:30 Uhr

Immer noch viele Blindgänger in Deutschland

Mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs werden immer noch regelmäßig Blindgänger gefunden. Dabei handelt es sich um Bomben, die aufgrund von technischen Defekten nicht explodiert sind. So musste heute wegen eine amerikanischen Zehn-Zentner-Bombe das gesamte Sendezentrum der Mediengruppe RTL Deutschland evakuiert werden. Doch wie viele dieser Blindgänger gibt es in Deutschland noch? Wie gefährlich sind sie? Und was genau passiert eigentlich bei einer Bombenentschärfung?

Zahl der Bombenfunde hat sich verdreifacht

Immer wieder müssen Hunderte Menschen ihre Häuser und Wohnungen verlassen, weil bei Bauarbeiten oder der Auswertung historischer Luftbilder Blindgänger freigelegt oder gefunden werden. Manche lauern tief im Erdreich, manche direkt unter der Oberfläche.  Allein in Nordrhein-Westfalen wurden im Jahr 2019 insgesamt 2.811 Blindgänger entdeckt, darunter 291 Bomben mit einem Gewicht von über 50 Kilogramm. Solche Bomben müssen wegen ihrer Sprengkraft in der Regel direkt am Fundort entschärft oder aber kontrolliert gesprengt werden.

Zum Vergleich: Im Jahr 2009 lag die Zahl der Bombenfunde laut Innenministerium Nordrhein-Westfalen noch bei 993. Damit hat sich die Zahl der Bombenfunde in den letzten zehn Jahren allein in Nordrhein-Westfalen (NRW) fast verdreifacht. Hauptgrund dafür ist, dass mehr gebaut und gegraben wird, beispielsweise für den Digitalausbau.

Wie viele Blindgänger lauern insgesamt in Deutschland?

Erfahrungswerte der Sprengkommandos im Zweiten Weltkrieg ergaben, dass etwa 10 bis 20 Prozent der insgesamt etwa 1,4 Millionen Tonnen von den alliierten Flugzeugen abgeworfenen Bomben Blindgänger waren. Auch wenn ein Großteil der Blindgänger in den letzten 70 Jahren beseitigt und entschärft wurde, ist noch immer eine große Zahl an Blindgängern unentdeckt.

"Die meisten Blindgänger räumten Entschärfer im Krieg oder unmittelbar nach Kriegsende. Wie viele noch übrig sind, kann niemand genau schätzen", sagt Historiker Jens Wehner vom Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Je mehr Neubauten in Deutschland entstünden, desto mehr werde das Erdreich aufgegraben und desto mehr Blindgänger würden gefunden.

Wo liegen besonders viele Weltkriegs-Bomben?

Im Zweiten Weltkrieg wurden vorrangig industrielle und städtische Ballungsräume bombardiert. "Köln war nach den bekannten Zahlen die zweite meistbombardierte Stadt Deutschlands - nach Berlin und vor Hamburg. Regional traf es besonders das Ruhrgebiet und den westlichen Teil Deutschlands", weiß Militärhistoriker Jens Wehner. "Die Alliierten wollten die deutsche Rüstungsindustrie und deren Arbeiterquartiere zerstören", erklärt der Experte.

Deshalb werden vor allem in und rund um Köln, aber auch in Städten wie Hamburg, Dresden und Berlin, die ebenfalls zu den primären Zielen der alliierten Luftangriffe zählten, immer wieder Blindgänger gefunden. Außerdem waren Verkehrsknotenpunkte und Industrieanlagen beliebte Ziele der Luftangriffe. Daher finden sich dort noch heute die meisten Blindgänger, die bei Bauarbeiten immer wieder entdeckt werden.

Wie wird bei einer Bombenentschärfung vorgegangen?

Als erstes muss die Bombe vorsichtig freigelegt werden, denn die geringste Bewegung der Bombe kann eine Explosion auslösen. Nun sind die Fachkenntnisse des Kampfmittelbeseitigers gefragt: Er muss den Zündmechanismus identifizieren. Nur so weiß er, wie die Bombe zu entschärfen ist.

Denn es gibt zwei verschiedene Arten von Zündmechanismen: mechanische und chemische. Sogenannten Aufschlagszünder funktionieren rein mechanisch. Hier lösen die Sprengnadeln beim Aufprall der Bombe die Sprengung aus. Explodiert die Bombe beim Aufprall nicht, wird sie als Blindgänger oder "nicht detoniertes Kampfmittel" bezeichnet. Sie kann auch Jahre nach dem Abwurf durch die geringste Bewegung oder Erschütterung zur Detonation gebracht werden.

Bei den chemischen Zündmechanismen handelt es sich um sogenannte Langzeitzünder. Bomben mit einem solchen Zünder explodieren also nicht direkt beim Aufprall, sondern zeitverzögert. Bei diesen Zündern wird ein gespannter Schlagbolzen durch ein etwa zwei Millimeter dickes Zelluloidplättchen vom Schlag in das Zündhütchen zurückgehalten. Hinter dem Zelluloidplättchen befindet sich eine Glasampulle, die mit Azeton gefüllt ist. Diese Ampulle wird während des Abwurfs durch eine mechanische Vorrichtung zerschlagen. Folglich dringt das Azeton in die Zelluloid-Tablette ein und löst sie langsam auf. Dadurch wird der von einer starken Stahlfeder gespannte Schlagbolzen der Bombe frei und löst die Detonation aus. Das erklärt, warum Bomben mit diesem Zündmechanismus erst nach einigen Stunden oder auch Tagen detonierten. Dadurch sollten im Krieg die Lösch- und Bergungsarbeiten erschwert werden.

Um die Bombe zu entschärfen, muss der Zünder ausgebaut werden.

Wie gefährlich ist eine Bombenentschärfung? Was kann passieren?

Der Herausdrehen des Zünders der Bombe ist eindeutig der gefährlichste Moment bei einer Entschärfung. Gelingt dies, ist die größte Gefahr gebannt. Denn ab diesem Zeitpunkt kann die Bombe bewegt und folglich abtransportiert werden. Dies geschieht, um den Sprengstoff zu vernichten.

Bei chemischen Zündmechanismen ist dies jedoch in der Regel nicht möglich, da sie meist eine Ausbausperre besitzen, die den Zünder sofort auslöst. Dies macht die Entschärfung noch gefährlicher. Den Experten bleibt beim Fund eines Blindgängers mit einem solchen Langzeitzünder meist nur die kontrollierte Sprengung als Maßnahme.

Grundsätzlich erfordert jede Bombenentschärfung höchste Konzentration des Kampfmittelbeseitigers. Denn selbst bei einer professionellen Vorgehensweise gibt es nie die absolute Gewissheit. Dutzende Kampfmittelräumer hat ihr Job bereits das Leben gekostet.

Wer haftet im Fall der Fälle?

Selbst bei einem professionellen Vorgehen durch die Experten kann nicht ausgeschlossen werden, dass doch etwas passiert. Werden infolge einer Explosion beispielsweise Wohnhäuser, Wohnungen oder sonstige Gebäude beschädigt, haftet und zahlt die Versicherung des Betroffenen nur unter Umständen.

So weist der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) auf die Kriegsausschlussklausel hin: In seinen unverbindlichen Musterbedingungen für Versicherer sind Schäden, die auf Kriegsereignissen basieren, grundsätzlich nicht versichert. Laut GDV sind die Versicherungsunternehmen aber frei in ihrer Vertragsgestaltung und müssen die Kriegsausschlussklausel folglich nicht übernehmen. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte überprüfen, ob seine Gebäude- oder Hausratversicherung eine Kriegsausschlussklausel enthält oder nicht.

Ihrer Versicherung melden sollten Sie Schäden infolge einer Bombenentschärfung oder -sprengung immer. In besonderen Härtefällen können auch Stadt oder Gemeinde für die Kosten aufkommen.