29.08. | MO | 21:15

Team Wallraff

Team Wallraff: Günter Wallraff und sein Team undercover in deutschen Jobcentern

Undercover-Reporter in Jobcentern unterwegs
Undercover-Reporter in Jobcentern unterwegs Überforderte Ämter, Menschen bleiben auf der Strecke 00:03:12
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Sinnlose und unwürdige Maßnahmen für Hartz-IV-Empfänger

Das Team Wallraff war wieder undercover unterwegs - und konnte erhebliche Missstände in deutschen Jobcentern dokumentieren. Enthüllungsjournalist Günter Wallraff und ein Reporterkollege belegen mit ihren Recherchen, dass die Mitarbeiter wegen akuten Personalmangels und einem hohen Krankenstand oftmals hoffnungslos überfordert sind. Ihrem Auftrag, Langzeitarbeitslose zu beraten und wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren, können viele Jobcenter deshalb kaum nachkommen – zulasten der Kunden und auch der Steuerzahler.

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Günter Wallraff und Jobcenter
Günter Wallraff und sein Reporter-Team waren undercover in deutschen Jobcentern.

Betroffene Hartz-IV-Empfänger geraten in Existenznot, weil sich die Auszahlungen mitunter monatelang verzögern. Weil es zu viele Kunden für zu wenig Mitarbeiter gibt, hat das 'Team Wallraff' auch erlebt, dass Vorschriften umgangen wurden. Einem RTL-Reporter gelingt es als erstem TV-Journalisten, über einen längeren Zeitraum undercover in mehreren Jobcentern zu recherchieren. Er erlebt, wie groß die Wut und der Stress der Mitarbeiter ist und wie dringend ihr Wunsch nach Veränderungen. Drei Aussagen von Mitarbeitern, die stellvertretend für viele stehen:

"Letztendlich ist das Jobcenter eine Institution, die so viel mit sich selbst zu tun hat, dass wir gar keine Kunden brauchen."

"Aus meiner Sicht sind Jobcenter heute immer noch Geldverbrennungsmaschinen mit einer völlig desolaten Personalstruktur."

"Also, da wird nur Arbeitslosigkeit verwaltet."

Im Laufe der Recherchen spricht der Reporter mit rund 30 Vermittlern, die nach eigenen Angaben jeweils einen Kundenstamm von 250 bis 500 Langzeitarbeitslosen betreuen müssen. Das allerdings entspricht in keiner Weise den Vorgaben der Bundesagentur für Arbeit. Ein Arbeitsvermittler soll eigentlich maximal 150 'Kunden' betreuen. 'Team Wallraff' zeigt auch, wie Arbeitslosenstatistiken geschönt werden und bekommt sogar Hinweise darauf, dass gelegentlich Akten vernichtet werden.

Enthüllungsjournalist Günter Wallraff erlebt mit, wie Hartz-IV-Empfänger in völlig sinnlose Maßnahmen gesteckt werden. Als Tourist getarnt, führt er zusammen mit Langzeitarbeitslosen Lamas spazieren. In Gesprächen mit ehemaligen Jobcenter-Mitarbeitern und bei der Bundesagentur erfährt er, wie konsequent ausgerechnet die Bundesagentur für Arbeit durch Zeitverträge das Prinzip des 'Hire and Fire' bei einigen ihrer Mitarbeiter anwendet. Eine Betroffene berichtet ihm, dass sie sage und schreibe 14 Mal befristet eingestellt und wieder vor die Tür gesetzt wurde.

Günter Wallraff: "Was wir bei unseren Recherchen aufgedeckt haben, sind keineswegs Einzelfälle. Die Mitarbeiter der Jobcenter sind völlig überfordert mit ihrem Auftrag, Hartz-IV-Empfänger qualifiziert und mit genügend Zeit zu beraten. Stattdessen werden mit Steuergeldern absurde und entwürdigende Maßnahmen durchgeführt, Statistiken geschönt und Mängel verwaltet. Die Politik ist jetzt gefordert und ich bin überzeugt, dass wir mit unseren Rechercheergebnissen eine klare Diskussionsgrundlage geschaffen haben."

Im Januar 2005 und damit vor gut zehn Jahren wurde das umstrittene Arbeitslosengeld II eingeführt. Heute sind insgesamt etwa sechs Millionen Deutsche auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen. Nachdem das 'Team Wallraff' hunderte von Hinweisen frustrierter Jobcenter-Mitarbeiter und verzweifelter Hartz IV-Empfänger erhalten hatte, nahmen Günter Wallraff und sein Reporterkollege im Sommer letzten Jahres ihre Recherchen auf.

Unterstützt wurden sie dabei von Professor Stefan Sell, einem Wirtschaftswissenschaftler, der früher selbst ein Arbeitsamt geleitet hat. 'Team Wallraff' sprach mit Informanten, ehemaligen und aktiven Jobcenter-Mitarbeitern sowie Gewerkschaftsvertretern. Mit den Rechercheergebnissen konfrontierten sie Hans-Jürgen Weise, den Chef der Bundesagentur für Arbeit, und seinen Vorstandskollegen Heinrich Alt. Auch Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, wurde für eine Stellungnahme angefragt.

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