Sein Bild wurde zum Symbol des gescheiterten militärischen Einsatzes in Afghanistan

Ein Jahr Taliban: Sulaiman, der Mann, der vom Flugzeug fiel

Der Mann, der aus dem Flugzeug stürzte 1 Jahr Taliban-Herrschaft in Afghanistan
05:51 min
1 Jahr Taliban-Herrschaft in Afghanistan
Der Mann, der aus dem Flugzeug stürzte

30 weitere Videos

von Liv von Boetticher

Die ganze Schrecklichkeit des Augenblicks ist in einem kurzen Video festgehalten: Ein strahlend blauer Himmel mit einem kleinen dunklen Punkt, der sich schnell in Richtung Boden bewegt. Aus dem oberen Bildrand verschwindet ein amerikanischer C17-Transportflugzeug. Der kleine Punkt ist Sulaiman, der am 16. August 2021 sein Elternhaus mit der Hoffnung auf ein besseres Leben verließ und später von ebenjenem Flugzeug aus in den Tod stürzte. Ohne, dass er es ahnen konnte, wurde Sulaiman an diesem Tag zum Symbol des gescheiterten militärischen Einsatzes in Afghanistan, dem Desaster der Evakuierung.

Sulaimans Bild ging um die Welt. Er wurde 21 Jahre alt. Während seines gesamten Lebens bekämpften westliche Militärs die Taliban in seinem Heimatland. War das der Grund, warum Sulaiman sich an das Flugzeug klammerte? Hatte er Angst vor den neuen Herrschern?

Die Brüder Sulaimans zeigen uns Videos der Leiche auf dem Handy

Sulaimans älterer Bruder Yusuf (23) und Sulaimans bester Freund Mohib (21)
Sulaimans älterer Bruder Yusuf (23) und Sulaimans bester Freund Mohib (21)
Christoph Klawitter

Um Sulaimans Geschichte zu verstehen und seine Beweggründe zu rekonstruieren, führt die Spur nach Arzan Gheymat, einen bitterarmen Stadtteil am östlichen Stadtrand von Kabul. Seit Sulaimans Tod ist ein halbes Jahr vergangen. Der stickige afghanische Sommer ist einem bitterkalten Winter gewichen. Die Straßen sind in Teilen noch mit Schnee bedeckt, in den Abwassergräben quillt der Plastikmüll über. Das Haus der Familie liegt unweit der Hauptstraße. Sulaimans älterer Bruder Yusuf (23) und Sulaimans bester Freund Mohib (21) warten schon auf uns.

Auf ihren Handys haben sie Videos der Leiche, sie wollen sie uns sofort zeigen, um die Geschichte zu verifizieren. „Wir wissen, dass viele Menschen versuchen, von der ganzen Sache zu profitieren, zum Beispiel um Hilfsgelder zu bekommen“, sagt Yusuf.

In der Nachbarschaft ist die Familie seit dem Unglück sehr bekannt, viele Anwohner kommen nun ebenfalls auf die Straße und umringen uns. Sie hoffen auf Hilfsgüter oder Geld. Die viele Aufmerksamkeit ist Yusuf und Mohib unangenehm, sie bitten uns aufs Grundstück. Durch eine rostige Blechtüre betreten wir den matschigen Hof. In der Mitte befindet sich ein kleiner Brunnen, Hühner scharren hinter einem improvisierten Zaun. Eine offene Toilette befindet sich an einer Lehmwand in der Ecke, im Boden gibt es nur ein Loch, das die Exkremente nach draußen auf die Straße leitet.

„Sulaiman war unser einziger Brotverdiener. Er hat uns alle versorgt“

Die Familie von Sulaiman
„Sulaiman war unser einziger Brotverdiener. Er hat uns alle versorgt.“ Sein Tod ist eine wirtschaftliche Katastrophe für die Familie, erzählt seine Mutter.
Christoph Klawitter

Sulaimans Mutter Noriah (41) empfängt uns. Sie wird das ganze Gespräch über ihre Burka tragen. Das Haus ist sehr klein, zwei Zimmer für sieben Personen. „Sulaiman war unser einziger Brotverdiener. Er hat uns alle versorgt.“ Sein Tod ist eine wirtschaftliche Katastrophe für die Familie. Die letzten Monate hat die Familie nur durch Spenden überlebt. Während Noriah spricht, setzt sich ihr zweitjüngster Sohn Elham (13) zu ihr. Er ist schwer an Leukämie erkrankt, in seinem linken Arm steckt eine Nadel, in seiner rechten Hand hält er ein Gerät, das über eine Zufuhr regelmäßig Medikamente in seine Venen pumpt. Eine lebensrettende OP würde 15.000 Dollar kosten und ist nur in Pakistan oder der Türkei möglich.

„Sulaiman hat Saft und Prepaid-Karten auf dem Markt verkauft, aber er hat nicht genug verdient, um mit dem Geld auch Medikamente für Elham zu kaufen.“ Irgendwann habe er nur noch die Möglichkeit gesehen, im Ausland Geld zu verdienen, erzählt seine Mutter. Die beiden stritten oft darüber, denn Noriah wollte auf keinen Fall, dass er sie und seine Geschwister verlässt. „Mein Ehemann ist Opium-süchtig und lebt die meiste Zeit in Kabul auf der Straße.“ Die erwachsenen Söhne im Haus zu haben, bedeutet für Noriah und ihre Töchter auch ein Schutz gegenüber ihrem unberechenbaren Ehemann.

Dann kommt der August 2021. Die Taliban überrennen das Land, Kabul wird am 15. August eingenommen. In der Hauptstadt bricht das Chaos aus, die Botschaften evakuieren ihre Mitarbeiter. Vor dem Flughafen versammeln sich immer mehr Menschen, die Afghanistan so schnell wie möglich verlassen wollen. Und Sulaimans Ungeduld wächst. Noriahs Stimme wird leiser, als sie vom letzten Tag im Leben ihres Sohnes erzählt. „Ich habe ihn am 16. August sehr früh am Morgen für das Morgengebet geweckt. Es war so gegen vier Uhr. Danach wollte er sich eigentlich wieder zum Schlafen hinlegen, aber ein Freund rief ihn an, dass er zum Flughafen kommen solle.“

Dieser Freund ist Mohib, der im Türrahmen steht und dem Gespräch lauscht. Er fühlt sich schuldig und wirkt sehr unglücklich. Er sagt: „Es gab Gerüchte, dass die Amerikaner jeden mitnehmen, der das Land verlassen will.“ Die beiden jungen Männer kennen sich schon ihr ganzes Leben, vertrauen einander. „Ich sagte ihm: Komm, lass uns gehen. Lass es uns versuchen.“ Sulaiman ging daraufhin zu seiner Mutter und bat sie um Erlaubnis, aber sie wollte ihn nicht ziehen lassen. Noriah schluchzt: „Er bettelte und bettelte. Irgendwann stimmte ich zu.“

"Mohib, Du bist verheiratet. Du kannst Afghanistan nicht verlassen. Aber ich werde gehen“

Unter dem gewebten Gitternetz ihrer blauen Burka sind die Tränen nur vage zu erkennen. Yusuf und Elham sitzen schweigend daneben. „Dann machte er sich auf den Weg zum Flughafen.“ Als Yusuf später aufwacht, ist Sulaiman schon weg. Er ruft seinen Bruder an und Sulaiman sagt ihm, dass er sich seinen Pass nehmen solle und auch zum Flughafen kommen solle. „Eigentlich habe ich das Gerücht, dass jeder ausreisen darf, nicht geglaubt. Aber ich bin trotzdem hingefahren. Sulaiman klang so glücklich und sehr sicher, dass alles klappen würde.“ Am Hamid Karzai Airport eskaliert zu diesem Zeitpunkt die Situation: verzweifelte Menschen stürmen die Terminals und verschaffen sich schließlich Zugang zum Rollfeld. „Um uns herum herrschte absolutes Chaos. Immer mehr Menschen kamen, darunter auch Frauen und Kinder“, erzählt Mohib.

Das amerikanische C17-Transportflugzeug steht mehrere hundert Meter entfernt auf dem militärischen Teil des Flughafens. „Neben dem Flugzeug waren amerikanische Soldaten. Sie schossen auf uns, als wir versuchten, uns zu nähern.“ Mohib hält inne und zögert. Er hat ein Video gemacht, das diese letzten gemeinsamen Minuten zeigt. Sulaimans Stimmung ist ausgelassen. Sein feuerrotes, afghanisches Gewand sticht aus der Menschenmasse hervor. Seine Fröhlichkeit und Aufbruchsstimmung sind ansteckend. „Plötzlich drehte sich Sulaiman zu mir um und sagte: Mohib, Du bist verheiratet. Du kannst Afghanistan nicht verlassen. Aber ich werde gehen.“ Dann verliert Mohib seinen Freund in der Menschenmenge aus den Augen. Das Flugzeug rollt langsam über das Rollfeld, umringt von hunderten Menschen. „Keiner dachte, dass es abheben würde. Da waren doch so viele Menschen.“

Etwa zu diesem Zeitpunkt kommt auch Yusuf am Flughafen an. Er versucht, seinen Bruder zu erreichen. Doch niemand nimmt ab. Er versucht es wieder. Und wieder. Und wieder. Irgendwann geht doch jemand ran, es ist der Hausbesitzer, durch dessen Lehmdach Sulaiman gestürzt ist. Das Handy hat den Aufprall unbeschadet überstanden.

„Nicht die Angst vor den Taliban hat meinen Bruder getötet. Es war die Hoffnung auf ein besseres Leben“

Yusuf und Mohib nehmen uns mit in das Wohngebiet. Es grenzt direkt an das Rollfeld. Die Straßen sind nicht asphaltiert, auf einem Müllberg am Straßenrand sucht eine kleine Herde Ziegen nach essbaren Resten. Die meisten Häuser sind aus Lehm, einfachste afghanische Bauweise. Vor einem einstöckigen Gebäude bleiben die beiden jungen Männer stehen. Die Bewohner von damals sind direkt nach dem Unglück ausgezogen, die neuen Bewohner haben das Dach wieder repariert. Über unsere Köpfe rauscht in diesem Moment der tägliche KamAir-Flug von Kabul nach Dubai. Wir gewinnen einen Eindruck, aus welcher Höhe Sulaiman gefallen ist. Männer aus der Nachbarschaft kommen zu uns dazu, sie haben Videos gemacht. Vom kaputten Dach. Von Sulaimans Körper, der zwischen Lehm, Holz und Strohresten liegt. Sein Gesicht ist von einer dicken Staubschicht bedeckt, aber das feuerrote, afghanische Gewand ist gut zu erkennen.

Es ist eindeutig Sulaiman. Yusuf starrt auf das kleine Lehmhaus. Sein Gesicht ist versteinert. „Nicht die Angst vor den Taliban hat meinen Bruder getötet. Es war die Hoffnung auf ein besseres Leben.“

Dokumentation „60 Tage Frauenhass – eine Reporterin bei den Taliban“ bei RTL

Wie hat sich Afghanistan seit der Machtübernahme der Taliban verändert? Wie geht es den Menschen, vor allem den Frauen und Mädchen, unter der Herrschaft der radikalen Islamisten? RTL/ntv-Reporterin Liv von Boetticher hat das Land zusammen mit ihrem Team mehrere Monate bereist. Die Dokumentation „60 Tage Frauenhass – eine Reporterin bei den Taliban“ läuft am 23. August um 22:35 Uhr auf RTL.

Politik & Wirtschaftsnews, Service und Interviews finden Sie hier in der Videoplaylist

Playlist: 30 Videos

Spannende Dokus und mehr

Sie lieben spannende Dokumentationen und Hintergrund-Reportagen? Dann sind Sie bei RTL+ genau richtig: Ob zu Angela Merkel, zu Corona oder zu den Hintergründen zum Anschlag vom Breitscheidplatz – bei RTL+ finden Sie die richtige Reportage für Sie.