Fridays for Future-Aktivistin im RTL/ntv-Interview: „Man entlastet reiche Raser!“ Luisa Neubauer geht auf Kanzler Merz los
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Luisa Neubauer (29) spricht Tacheles! In der Debatte um hohe Spritpreise und teure Folgen des Iran-Krieges hat sich die Frontfrau von Fridays for Future in Deutschland mit klaren Worten zu Wort gemeldet – und dabei direkt die Bundesregierung und Bundeskanzler Friedrich Merz attackiert.
„Schönen guten Morgen noch mal aus Berlin und schönen guten Morgen auch, Frau Neubauer."
„Guten Morgen! Hallo!"
„Freut es Sie fürs Klima, dass die Spritpreise hoch sind?"
„Natürlich nicht. Denn was wir brauchen, ist eine Mobilität, die es ermöglicht, nachhaltig von A nach B zu kommen. Das wäre zum Beispiel ein günstigeres Deutschlandticket, was ja jetzt gerade passiert, ist, dass Menschen an den Zapfsäulen den Preis dafür bezahlen, dass unser ganzes Mobilitätssystem bisher nicht nachhaltig ist. Ja, und jetzt kommt die Bundesregierung um die Ecke und schmeißt Geld hin, bei dem man nicht wirklich weiß, ob das irgendwie wirken wird, was auch nicht das grundsätzliche Problem behebt. Das heißt, was mich vor allem frustriert, ist anscheinend diese Weigerung, in der Politik aus der letzten Energiekrise von vor vier Jahren zu lernen."
„Denn über Maßnahmen sprechen wir gleich noch mal, aber ich würde schon gerne noch mal fragen. Es ist ja an sich für das Klima eigentlich ein gutes Signal beziehungsweise es hilft dem Klima. Das können Sie doch eigentlich ehrlich sagen, oder?"
„Na ja, also ich glaube, da muss man ein bisschen aufpassen, woher man kommt. Die Idee ist ja, dass da setze ich mich als Klimaschutzaktivistin ein, dass Menschen mobil von A nach B kommen, aber dafür keinen Ölautokraten irgendwie Geld überweisen müssen, sondern dass sie Möglichkeiten haben, zum Beispiel die Bahn zu nehmen oder die Bus den Bus zu nehmen. Wenn der kommt."
„Können viele nicht."
„Dafür setzen wir uns ein, dass es ausgebaut wird und wir setzen uns dafür ein, dass es bezahlbar wird. Dieser Tankrabatt, der jetzt diskutiert wird, kostet in zwei Monaten so viel wie in Deutschland Ticket pro Jahr. Für Letzteres soll aber angeblich immer weniger Geld da sein. Das geht ja nicht auf. Wie möchte man das noch erklären? Und vor allem ist ja gerade das grundsätzliche Problem. Der Markt macht gerade, was ein Markt macht. Die Bundesregierung, allen voran Friedrich Merz, sind immer die gewesen, die gesagt haben: ,Klimaschutz machen wir mit dem Markt'. Jetzt aber, wo man merkt, das ist ganz schön ungerecht und das ist ganz schön unkalkulierbar, schmeißt man Geld auf dieses große Problem drauf, statt sich vielleicht ehrlich zu machen und festzustellen: ,Leute, wir haben uns verrannt'. Wir können niemanden in diesem Land mehr versprechen, der sich heute einen Verbrenner kauft oder eine Gasheizung einbauen lässt, dass das künftig bezahlbar bleibt."
Dennoch: Kurzfristig muss man sagen. Handwerker, Logistiker, alle, die Supermärkte beliefern, die können nicht auf den ÖPNV umsteigen. Leute, die keinen ÖPNV vor der Tür haben, auch nicht. Das greift vielleicht ein bisschen kurz mit dem Deutschlandticket."
„Moment, da muss man aber unterscheiden. Die Idee, die die Bundesregierung ja gerade macht, ist: Sie macht das Autofahren billiger. Das trifft natürlich diejenigen, die sich überhaupt ein Auto leisten können. Aber es trifft die Allgemeinheit. Und wen es am meisten entlastet, sind ja die Menschen, die die längsten Strecken fahren. Das heißt, ein Ökonom hat das so zusammengefasst: Man entlastet reiche Raser. Wenn die Bundesregierung sagen möchte, wir möchten Handwerker und Betriebe entlasten, um alles in der Welt, sollen sie das doch bitte machen. Aber dann ist das Instrument hier ja völlig falsch gewählt. Und das merken wir doch in der grundsätzlichen Debatte. Man hantiert herum mit ineffizienten Maßnahmen, schmeißt Geld aus dem Fenster und macht sich keine Sekunde ehrlich, wie tiefgreifend die Krise ist und dass unser Mobilitäts- auch unser Ernährungssystem, Stichwort Dünger, aber eben auch unsere Industrieversorgung nicht belastbar sind, solange wir irgendwelchen Ölautokraten hinterherhängen."
„Jetzt sagen Sie in Sachen Erneuerbaren, der Iran-Krieg und das, was daraus jetzt folgt, das zeige, dass wir weiterhin zu abhängig sind von Öl und Gas. Was fordern Sie denn ganz konkret und vor allen Dingen akut?"
„Ja, das ist genau die richtige Frage. Und ich frage mich: Auf welche Energiekrise wartet die Bundesregierung, bis sie sich mal hinstellt und ehrlich zugibt, dass unser System so nicht funktioniert, nicht belastbar ist, nicht zukunftsfähig ist. 80 Milliarden importiert, also 80 Milliarden Euro, zahlen wir jedes Jahr in Form von Öl und Gas, das wir importieren. Das Geld geht ins Ausland, das Ganze produziert Klimakosten, die wir nebenbei auch wegsubventionieren müssen statt hier eine nachhaltige Industrie aufzubauen. Und die Forderung konkret ist an die Bundesregierung: Volle Kanne rein in die Erneuerbaren. Es ist den Leuten so günstig wie möglich zu machen, PV aufs Dach zu bauen, E-Autos, aber auch ÖPNV zu nehmen und natürlich hier in die Industrie zu investieren, die die nachhaltige Industrie, dass wir hier die Arbeitsplätze haben. Was macht die Bundesregierung stattdessen? Auf Katherina Reich ist da Verlass. Massive Blockade, fast ein Boykott der Energiewende. Gerade as we speak, der dazu führen wird, dass wir noch mehr erneuerbare Industrie nach China verlieren werden und uns noch abhängiger machen von irgendwelchen Ölautokraten. Sorry, aber das ist so eine abgrundtiefe Enttäuschung."
„Dennoch ist in den letzten Jahren ja auch unter der letzten Regierung zum Beispiel an den Erneuerbaren relativ viel ausgebaut worden, auch im Vergleich zu anderen Ländern."
„Gegen, aber gegen das, was Katherina Reiche sich vorstellt."
„Dennoch muss man sagen: Es ist nun mal so, die Autos sind zum Teil zu teuer, sie fahren zu kurz. Die Wirtschaft ist abhängig von Öl und Gas, ob wir das wollen oder nicht."
„Genau. Und jetzt frage ich mich: Auf welche Energiekrise wartet man noch, um zu sagen: ,Natürlich, von nichts kommt nichts. Aber wir können das'."
„Hilft ja nicht kurzfristig. Ein Handwerker sagt jetzt: ,Ich muss von A nach B'."
„Das sind zwei völlig unterschiedliche Debatten. Ich habe ja vorhin gerade erklärt. Natürlich muss man kurzfristig gezielt entlassen. Die Bundesregierung entlastet ehrlicherweise gerade nicht, weil man nicht weiß, ob die Maßnahmen wirken. Und gezielt ist daran überhaupt nichts. Aber vor allem muss doch die Bundesregierung diese Krise jetzt nutzen, um sich hinzustellen, sich ehrlich zu machen und zu sagen: ,Leute, die nächste Energiekrise, die kommt sofort wieder. Und es wird immer heftiger und immer gefährlicher, wenn wir jetzt nicht umschalten'. Und dass die Bundesregierung das nicht wahrhaben möchte, ich weiß nicht, warum. Vielleicht hat sie zu lange Markus Söder auf TikTok zugeguckt. Vielleicht hasst man Klimaschutz so sehr, dass man nicht mal mehr jetzt begreifen kann, dass völlig egal, wie man zu Fridays for Future steht, Erneuerbare jetzt doch die Antwort sein müssen."
„Sind Sie manchmal frustriert, wie wenig manchmal für den Klimaschutz getan wird? Und dann schauen wir, wie viel für einen einzelnen Wal getan wird im Moment."
„Ach Gott, ich glaube, man müsste jetzt einfach die Energie übertragen. Ich freue mich für alle. Ich glaube, wer jetzt gerade sagt, wir fühlen mit dem Wal mit. Das ist doch der super Auftakt zu sagen: Eine große Bedrohung für die Wale weltweit ist der Klimawandel. Wir gehen zusammen auf die Straße und vor allem was mich begeistert, ist, dass, obwohl wir diese krass fossile Rhetorik seitens der Bundesregierung und vor allem seitens der Wirtschaftsministerin hören, obwohl da so offensiv gegen eine gerechte Energiewende vorgegangen wird, sprechen wir, spreche ich gerade ununterbrochen mit nachhaltigen Unternehmen, mit erneuerbaren Versorgern, mit Netzbetreibern, mit der Zivilgesellschaft, mit Leuten, die sich überall dezentral organisiert, mit den alten Windgenossen und den Leuten, die schon vor Jahrzehnten gegen AKWs auf die Straße gegangen sind. Und die sind ja da. Und mehr denn je sehe ich gerade in der Gesellschaft ganz viele Leute, die sagen Sorry, aber die Bundesregierung checkt nicht, was Sache ist. Aber wir sind am Start, wir setzen uns ein. Wir gehen am Samstag in vier Städten in Deutschland auf die Straße und kämpfen für die Energiewende. Und da sind die Menschen der Bundesregierung einfach so weit voraus."
„Die Klimabewegung bleibt also dran. Frau Neubauer, vielen Dank für den Frühstart."
