((Situativ Julia von Weiler [14:32 // 14:49]))
"In den Wort Kompetenz steckt: Die wissen schon, was sie tun. // Mir geht es darum, sehr deutlich zu machen, gegen was für einen Gegner die antreten. Gegen was für Architekturen wir die loslassen."
Diskussionen auf dem Deutschen Präventionstag in Hannover. Psychologin Julia von Weiler warnt: Wir unterschätzen massiv, was Kinder und Jugendliche im Netz aushalten müssen.
((O-Ton Julia von Weiler, Psychologin [27:30]))
"Ehrlich gesagt erleben die alles, was es gibt und alles, was wir uns nicht vorstellen wollen. Also von der Hassrede über die sexualisierte Herabwürdigung, sexualisierte Gewalt hin zu Geh doch sterben hin zu aufrufen, sie auch wirklich zu finden. Also der digitale Raum ist ein gigantischer Brandbeschleuniger für jede Form des menschlichen Zusammenseins, eben auch für die gewaltvolle Form."
Aber wer ist in der Pflicht? Die Kursteilnehmer sind sich einig: Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die weit über das Smartphone im Kinderzimmer hinausgeht.
((Kursteilnehmerin [12:51]))
"Ich vergleiche das immer mit dem Straßenverkehr. Wenn ich die Kinder zur Schule schicken, muss ich sie für die Gefahren sensibilisieren. Jetzt wird aber der Straßenverkehr, genannt Internet, gerade viel schneller und viel komplexer. Natürlich bedarf es da auch einer besseren Sensibilisierung, aber da müssen wir als gesamte Gesellschaft gucken, was kann wer dazu beitragen."
((Kursteilnehmerin [12:15]))
"Da sind dann die Eltern in der Hauptverantwortung, weil die haben die Kinder und das ist deren Elternverantwortung. Aber es geht auch weiter über Krippe, Kindergarten, Schule, weiterführende Schule und auch der Vereinssport und alle, die dazugehören. Und das sind wir. Da müssen wir hingucken."
Hingucken statt wegschauen - das ist auch das Motto der Plattform LOVE-Storm aus Lüchow. Das Team dort vermittelt jungen Menschen in Online-Trainings oder direkt vor Ort in Schulen, wie digitale Zivilcourage funktioniert. Das bedeutet: aktiv einschreiten, wenn andere beleidigt werden, Grenzen setzen und Betroffene unterstützen, statt nur still mitzulesen. Denn der Hass hat eine gefährliche Nebenwirkung.
((O-Ton Lilly Dressel, LOVE-Storm [20:19]))
"Worauf wir uns beziehen, ist eigentlich. Also in Bezug auf Demokratie und Prävention auch das Schweigen, also, das die Menschen zum Schweigen gebracht werden, nicht mehr ihre Meinung äußern und das viele dadurch das Gefühl haben, es gibt die laute Mehrheit, die zum Teil demokratiefeindliche Aussagen bestätigt und die sehr laut sind im Internet."
Dass Handlungsbedarf besteht, zeigen auch die Zahlen. Laut JIM-Studie 2025 gaben 47 Prozent der Jugendlichen an, im letzten Monat Hassbotschaften im Netz begegnet zu sein. Ein Drittel kennt Betroffene aus dem Umfeld.
Cornelia Holsten von der Bremischen Landesmedienanstalt betont deshalb, dass wir das Werkzeug zur Gegenwehr früh vermitteln müssen.
((O-Ton Cornelia Holsten, Direktorin Bremische Landesmedienanstalt [05:40-06:05))
"Medienkompetenzangebote sind ein ganz, ganz wichtiger Baustein. Aufklärung ist wichtig, aber dazu gehört auch ein weiterer Punkt. Und das ist Vertrauen. Wenn die Menschen, die von Hasskommentaren oder Cybermobbing betroffen sind, sich nicht trauen, mit jemandem darüber zu sprechen, weil sie sich so sehr schämen für diese Erfahrung. Dann kommen sie aus diesem Tunnel, aus dieser Spirale überhaupt nicht wieder raus."
Für Julia von Weiler reicht Medienkompetenz allein nicht aus, solange sich die digitalen Rahmenbedingungen nicht ändern.
((O-Ton Julia von Weiler, Expertin für digitale Kindheit [30:30 // 31:42]))
"Das ist wirklich sehr zynisch, wenn wir nach immer mehr Medienbildung und Medienkompetenz rufen und gleichzeitig aber die Architektur eine ausbeuterische Architektur ist, die mit sensationsheischenden, gewaltvollen Bildern am allerbesten funktioniert. // Gute Prävention bedeutet Wir Erwachsenen sind zuständig für den Schutz. Wir müssen uns auseinandersetzen damit, wie es dieser digitale Raum gestaltet und wie gestalten wir ihn besser für Kinder und Jugendliche, so dass digitale Räume auch Schutzräume darstellen können. Überhaupt. Und gleichzeitig müssen wir natürlich uns selber, aber auch Kinder und Jugendliche bilden und vorbereiten auf diese Räume. Und vor allen Dingen müssen wir Menschen ansprechbar sein für Kinder und Jugendliche, die in Not geraten."
Den Schutzraum Internet gibt es noch nicht – aber zumindest wird die Bauanleitung dafür diskutiert.