Nils Fischer-Stahl, Reporter
"Das erste Halbjahr 2026 hat es gezeigt: Die geopolitischen Turbulenzen nehmen nicht ab, sie nehmen eher zu. Frau Dr. Leonhard, Wirtschaftssenatorin in Hamburg: Was bedeutet das für den Wirtschaftsstandort Hamburg und für die Hamburgerinnen und Hamburger konkret?"
Melanie Leonhard, Wirtschaftssenatorin Hamburg
"Tatsächlich ist Hamburg ja ein sehr, sehr wichtiger Wirtschaftsstandort für Deutschland. Wir sind ein Seismograf. Wir merken das immer sehr früh, wenn in der Welt geopolitische Spannungen zunehmen. Und man muss sagen, insbesondere die Spannung zwischen USA und China, der Angriff auf den Iran, die damit verbundenen Energiepreisschocks, das spüren wir hier ganz massiv. Wir haben sowohl Industrie als auch einen ausgeprägten Handel. Die Hamburgerinnen und Hamburger merken das am Preisniveau wie alle anderen übrigens auch in Europa. Und die Unternehmen merken das, dass es immer schwieriger wird, verlässliche Lieferketten aufzubauen, immer voraussetzungsvoller Produktion zu planen. Das ist sehr konkret."
Nils Fischer-Stahl, Reporter
"Sie haben jetzt direkt die Lieferketten angesprochen. Der Krieg im Iran hat es gezeigt. Wenn zum Beispiel die Straße von Hormus geschlossen wird. Das merken wir direkt. Wie können sich die Hamburger Unternehmen darauf besser vorbereiten und an welchen Stellen kann vielleicht auch die Politik unterstützen und mithelfen?"
Melanie Leonhard, Wirtschaftssenatorin Hamburg
"Tatsächlich muss man sagen: Wir sind ja durchaus das vergangene Jahr schon sehr krisenerfahren geworden. Suez ist ja weiterhin auch ein schwieriges Schifffahrtsgebiet, und Hamburger Unternehmen wissen, dass sie jetzt sehr viel tun müssen für die Themen Produktionsplanung, Lieferkettenplanung. Es ist alles nicht mehr so just in time, wie es war. Es wird zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten auch intensiv über Lagerhaltung ein Thema, was wir dachten, nach Corona eigentlich überwunden zu haben, nachgedacht. Dinge werden logistisch anders geplant. Politik kann unterstützen, indem wir sozusagen Anreize dafür bieten, was Importe auf europäischer Ebene betrifft. Wir haben jetzt gerade eine Gesetzgebung in Berlin gesehen, die dazu geführt hat, dass wir doch ein bisschen Absinken des Benzinpreises gesehen haben. Aber insgesamt muss Deutschland einfach auf internationaler Bühne ständig im Gespräch sein, um Räume zu eröffnen, in denen auch Handel sozusagen ohne Schranken stattfinden kann."
Nils Fischer-Stahl, Reporter
"Eine Zukunftsprognose ist immer schwierig, vor allem jetzt in den Zeiten. Das erste Halbjahr ist rum. Was erwarten Sie für das zweite Halbjahr und vielleicht auch darüber hinaus? Worauf müssen wir uns einstellen? Worauf müssen sich die Hamburgerinnen und Hamburger einstellen?"
Melanie Leonhard, Wirtschaftssenatorin Hamburg
"Also für uns wird wichtig sein, unter den obwaltenden geopolitischen Bedingungen, an denen sich ja gar nichts geändert hat in diesem Jahr. Es bleibt herausfordernd. Wir sehen viele Krisen, wir sehen Situationen, die sich zuspitzen: Taiwan, China und dergleichen mehr. Wir sehen auch weiterhin Friktionen in der US-amerikanischen Zollpolitik. Die sind nicht weg. Und vor diesem Hintergrund wird es großes Engagement brauchen, um das Niveau, das wir haben, zu halten. Es wird viel Kreativität benötigen und auch eine breite, diverse Aufstellung von uns als Außenhandelsstandort, um sozusagen unseren Wohlstand hier zu sichern."
Nils Fischer-Stahl, Reporter
"Dr. Melanie Leonhard, Wirtschaftssenatorin Hamburg. Vielen Dank für das Gespräch."