Warum die eigentliche "Kampfzone" unser Kopf ist

Size egal: Wer sich selbst liebt, hat immer Idealgewicht

Caro Matzko und Tanja Marfo kämpften ihr Leben lang mit ihrem Gewicht.
© Herzflimmern, Nadine Sachinger

12. Januar 2021 - 16:26 Uhr

Viele hadern mit ihrem Körpergewicht

Die Haare sind zu dünn, Po, Bauch und Oberschenkel zu dick, Bizeps und Waden zu wenig definiert: Es gibt kaum jemanden, der sich beim Blick in den Spiegel nicht mindestens an einem Körperteil stört. Vor allem das Körpergewicht ist oft ein Dauerthema: So entscheidet sich für viele Menschen beim Blick auf die Waage, ob es ein guter oder schlechter Tag ist. Dass und wie es auch anders geht, zeigen Caro Matzko und Tanja Marfo in ihrem Buch "Size egal"* 🛒. Darin beschreiben sie ihre lange Reise zum mentalen Idealgewicht – völlig unabhängig von der Körper- oder Kleidergröße.

"Wer sich selbst liebt, hat immer Idealgewicht"

"Wer sich selbst liebt, hat immer Idealgewicht": So lautet eine der Kernaussagen des Buchs "Size egal". Auch wenn die Autorinnen Caro Matzko und Tanja Marfo auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben, eint sie doch der nahezu lebenslange Kampf mit ihrem Gewicht. Beide beschäftigen sich mit ihrem Körpergewicht, seit sie denken können – und beide hat genau das krank gemacht: Während die eine sich fast zu Tode gehungert hat, um Struktur und Selbstbewusstsein zu bekommen, hat die andere ihre Gefühle mit Essen betäubt.

In ihrem Buch geben Sie einen Einblick in ihr Seelenleben, beschreiben den jahrzehntelangen Kampf mit und gegen die Essstörung und den Weg zu einem positiveren Selbstbild. Sie wollen Mut machen und aufzeigen, wie es gelingen kann, mit sich selbst zufrieden zu sein – völlig unabhängig vom Körpergewicht. Getreu dem Motto "Size egal".

Zwei Frauen, zwei Schicksale - ein Problem: das Essen

Am Anfang ihres gemeinsamen Buchprojekts wollte Caro Matzko lediglich ihre Freundin Tanja Marfo porträtieren und in einer Radiosendung über deren Weg von der Maskenbildnerin, als die sie sie zehn Jahre zuvor im Rahmen einer TV-Sendung kennengelernt hatte, zur Plus-Size-Ikone berichten. Davon, wie sie ihr Leiden mit ihrem Blog "Kurvenrausch" in Leidenschaft verwandelt hat.

Bei der Konfrontation mit der Essstörung "Binge Eating Disorder", unter der Marfo seit dem Kindesalter leidet, merkt Matzko, dass auch sie die "Buxen" runterlassen muss – und will. "Während der Aufnahmen zum Radiofeature haben wir nämlich festgestellt, dass wir sehr viel gemeinsam haben: Ganz egal, wie unsere Körper von außen aussehen, - die Verletzungen, die wir erfahren haben, die zu unseren Essstörungen – also meiner Magersucht und Tanjas Binge Eating Disorder geführt haben, gleichen sich sehr", so Matzko.

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Binge-Eating-Attacken, um den Schmerz zu lindern

"Mich selbst anzugucken, das hat mir nie Spaß gemacht". So fasst Plus-Size-Ikone und Bloggerin Tanja Marfo ihr langes Hadern mit ihrem Gewicht und Selbstbild zusammen. Allein mit ihrer Körpergröße von 1,86 Meter fällt die Hamburgerin auf – von "100 plus x Kilo Übergepäck" ganz abgesehen.

Marfo hat schon früh suggeriert bekommen, sie sei "zu viel". Mit dem Ergebnis, dass sie sich fremd im eigenen Körper fühlte. "Dieser falsche und verhasste Körper, wir gehörten nicht zusammen und waren doch untrennbar verbunden wie siamesische Zwillinge". Dicksein, dass bedeutete für Marfo damals Hässlichsein. "Dicke Menschen werden per se als faul, ungepflegt und undiszipliniert angesehen. Außerdem können sie sich nicht aussuchen, nicht aufzufallen", schildert sie ihre Erfahrungen.

"Das einzige Ventil, das ich in dieser Zeit hatte, war Essen". Ein zweischneidiges Schwert, wie Marfo selbst sagt. Denn schließlich verletzte sie sich damit selbst. "Und so drehte sich in meinem Kopf alles wie ein Karussell: Immer ging es um mein Aussehen oder ums Essen". Seit ihrer Kindheit leidet Marfo unter "Binge-Eating-Attacken". "Das bedeutet einen kompletten Kontrollverlust beim Essen, richtige Fressanfälle", erklärt sie.

Was ist Binge Eating?

"Mir hat die Magersucht Struktur gegeben - und Selbstbewusstsein"

Nicht anders sah es bei Caro Matzko aus. Auch, wenn sich die Essstörung bei ihr völlig anders äußerte. "Ich war lange magersüchtig, habe also nichts gegessen, dafür exzessiv Sport gemacht und mit Abführmitteln herumgepfuscht."

Die TV-Reporterin und Co-Moderatorin der BR-Sendung "Ringlstetter" sah sich früh mit Leistungsdruck konfrontiert und wuchs in einem Elternhaus auf, in dem Mädchen brav, fleißig und ansonsten unauffällig zu sein hatten. "Leistung bringen, Fleiß, Arbeit, Eins mit Stern – das war wichtig", erzählt Matzko im Buch. Dieser Druck trieb sie in die Magersucht. "Mir hat die Magersucht eine Struktur gegeben und Selbstbewusstsein. Ich glaubte, dass ich etwas Besonderes bin, weil ich so dünn bin", erklärt sie heute rückblickend. "Ich war ewig in Behandlung, allein über ein halbes Jahr in der geschlossenen Psychiatrie, um von der Magersucht loszukommen". In ihrer schlimmsten Zeit wog sie gerade noch 40 Kilogramm – bei einer Körpergröße von 1,74 Metern. Drei Jahre habe es gedauert, sich als Jugendliche aus der Magersucht zu befreien, erinnert sie sich.

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Magersucht: Ursachen und Symptome

"Ich habe aus meiner Schwäche eine Stärke gemacht"

Auch Marfo hat immer mal wieder Hilfe und Rat bei Psychologen gesucht, "die Therapieversuche aber immer wieder abgebrochen, weil ich noch nicht bereit war, meine Sucht ganz gehen zu lassen".

Doch sie hat eine andere Form der Bearbeitung ihrer Essstörung gefunden, indem sie ihren Blog "Kurvenrausch" aus der Taufe gehoben hat. Eine Online-Plattform für Frauen mit großen Größen, auf der sie sich für mehr Body Positivity einsetzt – und zwar mit vollem Körpereinsatz. Dort bietet sie von Make-up-Kursen bis hin zu Hochzeitskleidern in Größe 64 alles an, was kräftigeren Frauen gefällt - und zeigt, dass auch Frauen mit mehr Gewicht fashionable sind. Denn eine ihrer Beobachtungen zur Zeit der Gründung des Blogs im Jahr 2013 war: "Wir sind unsichtbar für die Modeindustrie, für die Schönheitsindustrie, wir sind die Aussätzigen und kommen maximal in Beiträgen über Diabetes II und Dokus über Magenverkleinerungen vor." Dem wollte sie mit ihrem Blog und als Body-Positivity-Aktivistin entgegentreten - mit Erfolg. "Ich habe aus meiner Schwäche eine Stärke gemacht", sagt Marfo. Mittlerweile folgen ihr knapp 40.000 Menschen bei Instagram.

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Jede fünfte Frau in Deutschland leidet an einer Essstörung - und auch immer mehr Jungen und Männer

Dass das Thema Essstörungen aktueller denn je ist und längst nicht mehr nur Mädchen und Frauen betrifft, zeigt eine Datenanalyse der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) aus dem Jahr 2020: Unter 12- bis 17-jährigen Jungen gab es zwischen 2008 und 2018 ein Plus bei ärztlich behandelten Essstörungen von knapp 60 Prozent! Bei gleichaltrigen Mädchen beziffert sich der Anstieg auf 22 Prozent.

Nach wie vor machten Frauen den deutlich größeren Teil bei der Diagnose Essstörung aus. Dennoch habe sich das Verhältnis merklich verändert, berichtet die KKH. So seien bei den 12- bis 17-Jährigen im Jahr 2008 noch 80 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer von einer Essstörung betroffen gewesen. 2018 seien es 75 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer gewesen.

Auch bei der Gruppe der über 40-Jährigen habe es einen extremen Anstieg bei den Be­troffenen gegeben. Bei den Frauen sei der Wert um etwas mehr als die Hälfte, knapp 54 Prozent, bei Männern mit 95 Prozent um fast das Doppelte gestiegen. Hier liege das Ver­hältnis mittlerweile bei 85 Prozent Frauen mit Essstörung sowie 15 Prozent bei den Männern. Im Jahr 2008 lag das Verhältnis demnach noch bei 89 zu elf Prozent.

So pushen Sie Ihr Selbstbewusstsein

"Die Grundlage für Essstörungen ist, um es sehr vereinfachend anzugehen, immer mangelndes Selbstbewusstsein", fasst Matzko zusammen. Folglich sollte nach Meinung der Autorinnen genau das gepusht werden – am besten von klein auf. "Das Wissen, dass man geliebt und angenommen wird wie man ist, ist der Schlüssel." So sollten Eltern ihre Kinder immer wissen lassen, dass sie sie lieben. "Bringen wir ihnen bei, dass sie nicht allen und allem genügen müssen". Auch ein entspannter Umgang mit Essen, dass Essen etwas Schönes ist, etwas Gesundes – all das lernten Kinder vor allem zu Hause von ihren Eltern.

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Außerdem rät Marfo dazu, keinen Accounts zu folgen, die einem nicht gut tun. "Sondern abonniert die, die euch bereichern, euch zum Nachdenken anregen oder zum Lachen bringen".

Allen, die mit ihrem Körper oder Gewicht hadern, möchte Matzko folgendes mit auf den Weg geben: "Ihr seid gut so wie ihr seid. Ihr reicht so wie ihr seid. Und es ist ok, wenn ihr euch auch mal schwach fühlt und und traurig. Es geht uns allen so." Keiner sei mit diesen negativen Gefühlen allein. "Habt den Mut euch helfen zu lassen. Und den Mut eure Traurigkeit anzunehmen. Sie wird irgendwann aufhören. Keiner ist für immer traurig. Versprochen. Und wenn ihr wisst, wer ihr sein wollt, dann ist der Rest: size egal."

+++Weitere Tipps, mit denen Sie Ihr Selbstwertgefühl stärken können, bekommen Sie hier.+++

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