Mehr als sieben Wochen sind nach den tödlichen Schüssen in Stade vergangen. Sozial und Jugenddezernentin Anne Spiegel. Wie geht es Ihnen? Beziehungsweise allen Beteiligten. Denn jetzt, knapp zwei Monate nach dieser Tat.
Ja, Diese Tat hat uns bis ins Mark erschüttert und tief betroffen gemacht. Da spreche ich für mich ganz persönlich, aber auch für den Fachbereich Jugend und letztlich für die ganze Region. Man kann sagen, dass es die Region in ein Davor und ein Danach geteilt hat. Und das wird noch lange nachhallen, dass wir uns damit beschäftigen. Wir sind immer noch voller Trauer, Fassungslosigkeit und mitten in der Aufarbeitung.
Was bedeutet denn das für die Arbeit der Jugendämter, der Jugendhilfe? Da kann man ja wahrscheinlich jetzt nicht einfach so zum Alltag übergehen. Also wie sieht da die aktuelle Situation aus?
Zunächst mal war es uns unmittelbar nach der Tat wichtig, dass wir hier keinen Aktionismus an den Tag legen, sondern dass wir besonnen vorgehen, dass wir vor allen Dingen bei den Mitarbeitenden sind, bei den betroffenen Teams dort in einem engen Austausch sind und auch schauen, wo stehen die Mitarbeitenden, was brauchen sie, was brauchen sie jetzt nicht? Und auf dieser Basis entwickeln wir auch die nächsten Schritte und Maßnahmen.
Welche Maßnahmen sind denn das? Welche Maßnahmen ergreifen Sie denn, damit sich so eine Gewalttat ja möglichst nicht wiederholt?
Ja, in der Jugendhilfe bewegen wir uns ja in einem Spannungsfeld. Denn einerseits lebt Jugendhilfe davon, ganz nah bei den Kindern, Jugendlichen und Familien zu sein, niedrigschwellig erreichbar zu sein. Und das wollen wir auch weiterhin tun. Das ist die ganz klare Haltung auch der Mitarbeitenden. Gleichzeitig werden wir zusätzliche Maßnahmen ergreifen für den Schutz der Mitarbeitenden, für die Sicherheit. Und da gibt es einerseits bauliche Maßnahmen, die wir ergreifen Gegensprechanlagen, Kameras, aber auch ein speziell ausgestatteter Raum für besonders konfliktäre Gespräche. Aber es geht auch um andere Maßnahmen, wie beispielsweise Deeskalationstrainings und Selbstverteidigungskurse.
Nun ist diese zunehmende Gewaltbereitschaft ja ein Phänomen, das sich auch in anderen Bereichen der Gesellschaft durchaus bemerkbar macht. Wenn wir an Krankenhäuser denken, wenn wir an Rettungsdienste denken. Was muss sich da grundsätzlich ändern, damit das nicht noch weiter eskaliert?
Ich glaube, wir brauchen insgesamt eine Debatte als Gesellschaft darüber, in welche Richtung wir hier eigentlich driften. Denn dass in den letzten Jahren es eine so starke Zunahme an Angriffen auf Menschen, die es sich zum Beruf gemacht haben, andere Menschen zu unterstützen und zu helfen, sei es in der Jugendhilfe, aber sei es beispielsweise auch bei den Rettungskräften oder Mitarbeitenden der Bahn. Ich denke, hier müssen wir wirklich eine Debatte führen und da auch entschieden dagegen vorgehen. Denn es kann nicht sein, dass Menschen auf ihrer Arbeit bedroht, verbal oder körperlich angegangen werden.
Sagt Anne Spiegel, die Jugend und Sozialdezernentin der Region Hannover. Ganz herzlichen Dank für das Gespräch.
Sehr gerne.