Hier in der Bremischen Bürgerschaft steht Dariush Hassanpour seit 2023 für die Partei die Linke am Rednerpult. Doch der politische Diskurs findet längst nicht mehr nur im Plenarsaal statt. Wer hier spricht, steht schnell online am Pranger.
((O-Ton Dariush Hassanpour, Die Linke, Politiker [04:09-04:27]))
"Bei mir persönlich merkt man das, weil mit der Reichweite je höher die Reichweite ist, desto mehr Menschen erreicht man, die einem vielleicht nicht wohlgesinnt sind. Insgesamt, so gesellschaftlich, merke ich, dass der Ton seit 2015/2016 sich deutlich geändert hat."
Diese Verrohung im Netz bleibt für den Abgeordneten nicht ohne Folgen.
((O-Ton Dariush Hassanpour, Die Linke, Politiker [13:58-14:20]))
"Das ist schon eine deutliche Einschüchterung. Also je nachdem, wie krass die Kommentare ausfallen und ob sie auch vielleicht in die reale Welt übergehen und man vielleicht auf der Straße ähnlich angesprochen wird, macht man ja auch davon abhängig, wie sehr man sich oder wie sehr man bereit ist, sich für bestimmte Dinge einzusetzen. Ob man dann vielleicht nicht doch einen Rückzieher macht, Wenn man merkt, okay, mein Leib und Leben gefährdet, dann trete ich an dieser Stelle ein bisschen kürzer und das wäre überaus schade."
Der 29-Jährige scheut die Konfrontation nicht - auch nicht im Netz. Auf Instagram zeigt er, was normalerweise im Verborgenen passiert.
Instagram-Video
((Wechsel nach draußen))
Dariush Hassanpour unterscheidet sehr genau zwischen echtem Hass und harter politischer Kritik.
((O-Ton Dariush Hassanpour, Die Linke, Abgeordneter [24:42-25:11]))
"Das ist auch wichtig in einer Demokratie. Man soll auch Kommentare schreiben, die vielleicht auch negativ sind. Und ich auch wenn es kein guter Stil ist, finde ich hin und wieder mal auch eine Beleidigung verschmerzbar. Ich würde mir auch wünschen, dass die Menschen auch versuchen, nicht nur die Politik als Ganzes wahrzunehmen, sondern als das, was sie ist. Und zwar viele einzelne Personen mit unterschiedlichen Ansichten, alle mit unterschiedlichen Zielen. Und eine Sache, die alle eint. Kein Politiker tritt ja an, um das Leben von Menschen zu verschlechtern. Wir wollen ja alle das Leben von Menschen verbessern."
Doch das sehen nicht alle so. Und hin und wieder werden aus Aggressionen im Digitalen sogar ganz reale Bedrohungen direkt auf dem Schreibtisch.
((O-Ton Dariush Hassanpour, Die Linke, Abgeordneter [23:51-24:13]))
"Manchmal bekommt man komische Briefe ins Büro. Ich habe auch schon von Leuten aus der Landesgeschäftsstelle gehört, dass sie zum Beispiel Giftbriefe bekommen haben oder Anrufe, wo man mit Mord gedroht worden ist. Wir hatten auch schon mal Postkarten im Briefkasten, wo dann wie im Film Sachen aus einer Zeitung ausgeschnitten worden sind und Buchstaben angeklebt worden sind. Also da schaut man sich schon zweimal um, wenn man die Tür vom Büro öffnet und wenn man das Büro wieder verlässt."
Vorkommnisse wie diese sind keine Einzelfälle. Die Hemmschwelle in der Gesellschaft sinkt - eine Entwicklung, die auch die Bremer Innensenatorin mit großer Sorge betrachtet.
((O-Ton Eva Högl, SPD, Innensenatorin [03:19-03:52]))
"Es überschreitet dann immer eine Grenze, wenn es zu einer Bedrohung wird, wenn wirklich nicht mehr die zu erwartende gute Form gewahrt wird, sondern wenn es auch Kampagnen wird und wenn es dann vor allen Dingen auch zu einer physischen Bedrohung wird. Das heißt, dass aus der Stimmung im Netz sich das überlagert in das normale Leben. Und da sind wir Politikerinnen und Politiker wirklich sehr gefordert, Erstens dem zu widerstehen, das auszuhalten, aber auch Maßnahmen zu ergreifen, die auch alle anderen, die davon betroffen sind, besser schützen."
Beistand leisten wenn die psychische Belastung bei Betroffenen zu groß wird. Das ist die Aufgabe des Opferschutzvereins Weißer Ring in Bremen. Hier weiß man, dass der digitale Terror oft im Stillen tiefe Spuren hinterlässt.
((O-Ton Hans Jürgen Zacharias, WEISSER RING e.V. Bremen [01:08-01:32]))
"Im Extremfall führt es dazu, dass die Leute natürlich auch psychische Folgen erleiden. Das heißt Verunsicherung. Die Frage Wie gehe ich damit um? Viele trauen sich natürlich auch nicht, mit jemandem darüber zu reden, weil das eben oft sehr schwer darstellbar ist. Und ja, Extremfall kommt es auch zum Rückzug. Nicht, dass die Leute einfach gar nicht mehr so sich frei bewegen können und Ängste haben zum Teil auch."
Hass und Beleidigungen im Netz stellen Betroffene wie Dariush Hassanpour immer wieder vor die Frage, wie viel ihnen ihr Engagement wert ist.
((O-Ton Dariush Hassanpour, Die Linke, Politiker [09:04-09:27]))
"Es gibt schon Momente, wo man sich denkt wäre mein eigenes Leben und das Leben meiner Familie oder meiner Partnerin nicht leichter, wenn ich aufhören würde in dem Sinne. Auf der anderen Seite kommt man auch wieder schnell auf den Gedanken, dass man sagt Hey, wenn ich jetzt deswegen aufhöre, dann haben die ja ihr Ziel erreicht. Und das möchte ich den natürlich nicht gönnen."
Aufhören ist für ihn also keine Option. Dariush Hassanpour will weiter Politik machen - und respektvoll und auf Augenhöhe mit denen in Dialog treten, die nicht seiner Meinung sind.