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Mord nach Polterabend?: Sieben Jahre galt Johns (†28) Tod als Unfall – dann entsperren Privatermittler sein Handy
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War es ein Unfall – oder ein Verbrechen? Der 28-jährige John Kesting wird nach einem Polterabend tot auf einem Feldweg aufgefunden. Die Staatsanwaltschaft sagt: Das war ein Unfall – und schließt die Akten. Doch Jahre später finden Privatermittler im Auftrag der Eltern Bilder auf Johns Handy. Und entwickeln eine neue Theorie aus den Spuren. Mehr dazu im Video.
Juni 2019. Polterabend in Altenlotheim. Das Hochzeitspaar hat zu einem großen Fest geladen. Auch John Kesting ist zu Gast.
„Wir haben da gesessen und ich habe ihn sogar auch gefilmt, wie er da so hin und her gegangen ist."
Wenige Stunden später wird ihr Stiefsohn tot auf diesem Feldweg gefunden. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Unfall aus: John soll gestürzt sein und sich dabei ein tödliches Schädel-Hirn-Trauma zugezogen haben. Todeszeitpunkt: 6 Uhr morgens
„Wir waren von Anfang an überzeugt, dass es so nicht gewesen sein kann, wie man uns gesagt hat."
Wir sind bei Johns Eltern zuhause in Nordhessen. Seine Stiefschwester Nina ist zu Besuch. Gemeinsam wollen sie uns die Geschichte von John erzählen.
„Er war ein fröhlicher Junge, der gerne Fußball gespielt hat."
„John war halt überall gern gesehen und total bekannt auch. Jeder hat ihn gleich gegrüßt."
Am Polterabend entstehen diese Fotos. John posiert mit Freunden und Familie vor der Kamera. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass dies eine der letzten Aufnahmen von John sein werden.
„Dann bin ich halt zu John hin, wir haben gefragt, wir wollen nach Hause, willst du dann mitfahren? Ach, sagt er, Papa, nee jetzt doch noch nicht, es ist 1 Uhr, jetzt geht es erst richtig los."
Laut Ermittlungsakte soll der 28-Jährige bis in die frühen Morgenstunden auf dem Polterabend geblieben sein. Auch Nick Hellfinger ist bis zum Schluss dabei. Er geht gegen halb sechs zusammen mit John zum Sammeltaxi.
„Und als dann das Taxi kam, sind wir dann alle letztendlich eingestiegen und er hat sich dann kurzerhand dazu entschlossen, dass er nicht mehr mitfahren möchte. Er hat davon gesprochen, dass hier irgendwo in einem Ort bei jemanden schlafen will und schon irgendwie nach Hause kommt oder schon irgendwie eine Schlafgelegenheit finden wird. Und dann sind wir mit dem Taxi an ihm vorbeigefahren und das ist dann letztendlich das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe."
Was danach passiert, lässt sich von den Ermittlern damals nicht lückenlos rekonstruieren. Fakt ist: Gegen 8.35 Uhr morgens wird John hier von einem Fahrradfahrer und zwei weiteren Zeuginnen gefunden. Mit einer massiven Kopfverletzung, blutüberströmt auf dem Feldweg liegend.
„Sie haben uns das draußen gesagt und wir sind dann hier rein, das weiß ich noch. Irgendeiner von uns beide hat gefragt, was ist passiert mit ihm? Und dann wurde nur gesagt, es ist gestürzt. Mehr wurde ja gar nicht gesagt."
„Es hat einen ja mit den Beinen weggezogen. So kann man es vielleicht beschreiben."
Laut Staatsanwaltschaft soll John auf diesem Hügel nach Handyempfang gesucht haben. Anschließend sei er, in Folge seines Alkoholeinflusses, zunächst nach vorne gestürzt, habe sich wieder aufgerichtet und sei ein zweites Mal rücklings, mit voller Wucht auf den Hinterkopf gefallen.
„John ist nicht gestürzt, wenn der was getrunken hat. John ist dann nicht einfach hingefallen. Das können wir uns alle so nicht vorstellen."
Für Johns Familie sind die Todesumstände von Anfang an zweifelhaft. Und schon damals haben sie eine Vermutung.
„Dass er nicht alleine war. Weil ich immer gedacht hab, was soll er hier denn? Es wäre ja der einfachere Weg, wäre ja die entgegengesetzte Richtung gewesen, aber nicht hier hoch."
Aber beweisen lässt sich ihr Bauchgefühl nicht. Von Seiten der Staatsanwaltschaft Marburg heißt es auf Nachfrage: Dass nach Durchführung der Ermittlungen sich, „(…) aus Sicht der Staatsanwaltschaft insgesamt keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden am Tod des John Kesting am 02.06.2019 feststellen ließen."
Bereits 2019 befragte die zuständige Polizei mehrere Zeugen zu den letzten Stunden von John. Eine Zeugin berichtet damals, am Burgweg zwei Personen gesehen zu haben. Ob es sich dabei um John und eine Begleitperson gehandelt haben könnte - bis heute offen. Und es gibt noch einen weiteren entscheidenden Zeugen: einen der letzten Partygäste. Sein Heimweg führte über genau den Feldweg, auf dem John wenig später tot gefunden wurde. Laut Aussage kann sich der Zeuge aber nicht an ihn erinnern. Der Verdacht, dass dieser Mann möglichweise mit John gemeinsam auf diesem Weg unterwegs war, wird nicht weiterverfolgt.
Von der Staatsanwaltschaft heißt es dazu: „Ebenfalls ließ sich nicht nachweisen, dass eine andere Person während des Sturzgeschehens anwesend war und Hilfe hätte holen müssen.“
Sieben Jahre lang muss Johns Familie damit leben, dass die Ermittlungen zum Tod ihres Sohnes eingestellt sind. Aber eine Sache lässt sie nie los: Johns Handy.
„John hat unheimlich viel in sein Handy benutzt, hat immer fotografiert, auf allen Kanälen kommuniziert und von daher hatten wir halt auch immer die Hoffnung, dass auf diesem Handy vielleicht auch noch etwas zu finden ist."
Aus der Ermittlungsakte geht hervor: Weil die Polizei seinerzeit von einem Unfall ausgeht, wird Johns Handy nie entsperrt. Jahrelang liegt es bei seinen Eltern im Schrank. Alle Versuche, an die Handydaten zu kommen, erfolgslos. Bis jetzt.
Im Auftrag von Johns Familie hat sich das Privat-Ermittlerteam um Marius Richter und Stefanie Plugge-Henze den Fall neu vorgenommen. Nach all den Jahren bekommt der Fall plötzlich eine ganz neue Wendung.
„Er hat im Grunde genommen dann auch aufgeklärt, dass das, was die Polizei dort angenommen hat, dass diese gesamte Theorie, die Ermittlungstheorie, die Tathypothese oder Diese Unfallhypothese ist damit aus unserer Sicht völlig verworfen."
Denn Anfang Mai beauftragt Marius Richter den IT-Forensiker Volker Wassermann, Johns Handy zu entsperren. Was dabei zum Vorschein kommt, ändert alles: Auf dem Handy finden sich Live-Fotos, die unmittelbar vor Johns Tod entstanden sind. Offenbar von ihm selbst aufgenommen.
Die ersten zeigen John noch auf dem Polterabend. Gemeinsam mit dem Mann, der 2019 bei der Polizei angab, John gar nicht gekannt zu haben.
„Die Fotos auf dem Handy beweisen, dass John und diese Person eben in Interaktion getreten sind und auch sehr vertraut miteinander waren. Das sind sehr fröhliche Fotos, Schnappschüsse. Das war für uns natürlich ein ganz wichtiger Hinweis."
Um exakt 6.29 Uhr entsteht dieses Live-Bild. Zu sehen: die Schatten zweier Personen, nur unmittelbar von Johns späterem Fundort entfernt.
„Das ist für uns natürlich die allerwichtigste Erkenntnis gewesen. Er war nicht alleine."
„Genau, das ist genau das, was in der Akte zu keinem Zeitpunkt irgendwie festgestellt worden ist."
Dieses letzte Live-Foto entsteht um 06:34Uhr. John ist sichtlich unverletzt und am Leben.
„Definitiv können wir sagen, dass das letzte Foto, also sein Selfie, eigentlich unmittelbar an der Stelle gemacht wurde, an der er letztendlich dann später tot aufgefunden wurde."
Ermittler Marius Richter geht aufgrund der äußeren Umstände und Johns Verletzungsbild nicht von einem Unfall aus.
„Also die Sturz-Theorie, die würden wir jetzt hier deutlich verwerfen. Viel eher kommt für uns eine Tathandlung in Frage, wie sich beide Personen auf dem Boden befinden, John offensichtlich auch in seiner Rückenlage und die Person darüber, die möglicherweise seinen Kopf mit beiden Händen umfasst hatte. und diesen Kopf dann letztendlich mit einer extrem hohen Wucht dann gegen den Asphaltbelag geschlagen haben muss."
Offenbar hatte Johns Familie mit ihren Zweifeln all die Jahre recht - mit ihren Zweifeln an der offiziellen Ermittlungen.
„Klar haben wir viel erwartet, die Erwartungshaltung war schon groß. Wir haben ja immer gehofft, es hilft uns ein, einer weiter."
„Irgendwie finde ich, dass ich das schuldig war, dass das geklärt wird. Dass man irgendwie auch abschließen kann. Das fehlt einfach."
Nun wollen sie die neuen Hinweise bei der Staatsanwaltschaft Marburg einreichen, in der Hoffnung, dass der Fall von John nach sieben Jahren noch einmal neu aufgerollt wird.
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