Ich treffe Cindy und ihre Mutter Beate dort, wo Cindys Lebensmittelpunkt ist: im Reitstall. Denn kaum zu glauben, vor 1,5 Jahren saß sie noch auf ihrem Pferd und galoppierte mit Freundinnen über die Wiesen.
Beate Wohltat, Cindys Mutter
„Cindy ist ganz vorne mit dem pinken Helm, da reitet sie mit ihren Freundinnen und Hunden, das ist 1,5 Jahre her? Und jetzt geht das null mehr und das ist so schlimm für uns.“
Selbst die angeschaffte Aufstieg-Hilfe bringt nichts mehr.
Beate Wohltat, Cindys Mutter
„Jetzt fangen die Probleme an mit den Beinen.“
Wiebke Wittneben, Punkt 12 Reporterin
„Was passiert jetzt mit deinen Beinen?“
Cindy und Mutter
„Die Beine werden wie Beton, die Muskeln werden so fest, dass es Schmerzen bereitet.“
Das ist Cindy. Vor 45 Jahren kam es bei ihrer Geburt zu Komplikationen, so dass ihr Hirn zu wenig Sauerstoff bekam. Seit dem lebt sie mit einer „Zerebralparese“. Ihre Muskeln versteifen sich so sehr, dass Alltägliches, für sie zur Hürde wird und sie ohne die Hilfe ihrer Mutter nicht klarkäme. Das Reiten ist für sie nicht nur ein Hobby, es ist viel mehr.
Cindy Wenzel, Bürofachkraft
„Auf‘m Pferd war ich halt nie behindert.“
Freiheit. Ein Gefühl, welches sie nur auf dem Pferd hatte.
Wiebke Wittneben, Punkt 12 Reporterin
„Wie ist das für sie als Mama das so zu sehen?“
Beate Wohltat, Cindys Mutter
„Das tut schon weh! (…schluchz…) So, dann wollen wir mal, sonst heulen wir hier die ganze Zeit.
Mehr und mehr verliert Cindy die Kontrolle über ihre Muskeln. Das Greifen der Tasse: aktuell für die 45-jährige kaum möglich. Vor gut einem Jahr erzählte Cindys Physiotherapeutin von dem so genannten „Mollii Suit“. Seit 2 Jahren ist in Deutschland auf dem Markt. Der Anzug setzt elektrische Impulse an gewissen Körperstellen, wo die Spastiken sehr intensiv sind. Eine Stunde tragen pro Tag reichen angeblich oft aus, damit die Muskeln sich entspannen. Das Problem: Circa 11.000 Euro kostet der Anzug inklusive Betreuung durch das Sanitätshaus – deswegen erhoffen sich etliche Betroffene die Unterstützung der Krankenkassen. Aber genau da hapert es offenbar.
Nach einem Probetag, wie das Video zeigt, konnte Cindy problemlos das Glas halten. Ein Lichtblick! Um zu testen, ob es längerfristig wirkt, wollen sie ihn 4 Wochen testen - doch die Krankenkasse lehnt ab. Zwei Mal.
Wiebke Wittneben, Punkt 12 Reporterin
„Mit was für einer Begründung abgesagt?“
Beate Wohltat, Cindys Mutter
„Es ist nicht wissenschaftlich belegt, dass das es einen Unterschied macht und deswegen wird es erstmal abgelehnt.“
Der medizinische Dienst, der die Prüfungen für die Krankenkassen macht, habe offensichtlich keinen Nutzen gesehen. Trotz der guten Erfahrungen, die Cindy machte. Doch laut Cindys Mutter habe der Medizinische Dienst nicht mal die Vorher-Nachher-Videos sehen wollen.
Wiebke Wittneben, Punkt 12 Reporterin
„Keiner hat sich ein Video angeschaut, keiner hat mit euch gesprochen?“
Beate Wohltat, Cindys Mutter
„Nein.“
Wiebke Wittneben, Punkt 12 Reporterin
"Was ist das für ein Gefühl was dableibt?“
Beate Wohltat, Cindys Mutter
„Das ist schon traurig. Ich sag ja, es müsste mal jemand einen Tag hier mit leben, um zu sehen, was das mit einem Menschen macht, dass man behindert ist und Schmerzen hat im Rollstuhl.“
Krankenkasse und medizinischen Dienst werde ich dazu noch befragen. Zuvor möchte mir den Anzug persönlich anschauen. Dazu habe ich vorab einen Termin beim Sanitätshaus Strehlow in Magdeburg gemacht, in dem Cindy vor einem Jahr den Anzug Probe trug.
Wiebke Wittneben, Punkt 12 Reporterin
„Das sieht nach nem ganz schönen Kraftakt aus.“
Beate Wohltat, Cindys Mutter
„Ja so ist es“
Wiebke Wittneben, Punkt 12 Reporterin
„Aber, das hört sich blöd an, aber du wirst ja auch nicht mehr jünger…“
Beate Wohltat, Cindys Mutter
„Ich mache mir Sorgen wie das später wird. Wenn ich mal gar nicht mehr da bin für sie. Und ich weiß auch nicht, wie lange ich ihr noch helfen kann. Ich hoffe, dass es noch ein paar Jahre so geht, aber da steckt man nicht drin.“
Dieser Anzug wäre also nicht nur eine Erleichterung für die Erkrankten – sondern auch für Tausende Menschen, welche die Pflege übernehmen!
Wiebke Wittneben, Punkt 12 Reporterin
„Das was die beiden noch nicht wissen, ich hab da noch eine kleine Überraschung für sie.“
Um zu verstehen, warum die Krankenkasse den Antrag auf 4-wöchtige Testung bereits zum zweiten Mal abgelehnt hat, habe ich sie um Stellungnahme gebeten.
Wiebke Wittneben, Punkt 12 Reporterin
„Sie schreiben hier: derzeit fehlt es an Studien und belegen für einen hinreichenden medizinischen Nutzennachweis. 2023 haben sie insgesamt 10 Anträge deshalb wohl nicht genehmigt.“
Doch das sei generell nur eine Ausrede, meint Christian Au. Er ist Fachanwalt für Medizinrecht.
Christian Au, Fachanwalt für Medizinrecht
„Die KK stehen auf dem Standpunkt, dass sie es gar nicht bewilligen dürften - weil sie sagen es ist eine neue, unbewertete Behandlungsmethode. Aber nochmal: wir sind der Meinung, dass es keine neue Behandlungsmethode ist, weil wir die E-Stimulation schon aus anderen Bereichen kennen, und die dort verordnet werden darf.“
Aktuell kämpft er für eine Mandantin, die den speziellen Anzug für ihre kleine, spastisch betroffene Tochter, haben möchte.
Christian Au, Fachanwalt für Medizinrecht
„Aber das ist das, was wir erleben, dass das Interesse daran überhaupt nicht zu bestehen scheint.“
Denn im Einzelfall könnten die Krankenkassen diesen Anzug, nach positiver Bewertung durch den medizinischen Dienst, sehr wohl verordnen, so der Anwalt! Doch diese entscheiden in 99% der Fälle nach reiner Aktenlage. Warum hat man sich da offenbar nicht Cindys Vorher-Nachher-Video angeschaut? Dann hätte man den Erfolg sehen können. Ich frage nach - doch auf mehrmaliges Nachhaken: keine Stellungnahme.
Ich treffe Jan Salzmann vom Hersteller Ottobock. Er erzählt mir, dass sie gerade alles daransetzen, Studien nachzuliefern. Zur Erleichterung für den Beantragungsprozess.
Jan Salzmann, Marktmanager Ottobock
„Wir rechnen noch dieses Jahr damit, dass wir mit den ersten großen Studien in die Publikation gehen können.“
Sie wollten den Anzug so schnell es geht auf den Markt bringen – so sehr sind sie vom Nutzen überzeugt. Ein Lichtblick für Tausende betroffener Menschen. -- Ich möchte Cindy aber nicht warten lassen und habe im Vorfeld zig Telefonate geführt. Mutter und Tochter glauben, wir schauen uns den Anzug heute nur noch mal für Kameraaufnahmen an.
Wiebke Wittneben, Punkt 12 Reporterin
„Los gehts, ich bin gespannt den Anzug zu sehen.“
Cindys Orthopädietechniker nimmt uns in Empfang und dann geht’s auch schon ab in den Anzug.
Wiebke Wittneben, Punkt 12 Reporterin
„Wäre dieser Anzug ein Möglichmacher dass sie wieder aufs Pferd und reiten kann?“
Richard Vanselow, Orthopädiemechaniker
„Die Chance besteht auf jeden Fall, man kann nicht vorhersehen, wie es wird. Aber wenn der Anzug es schafft die Spastiken wieder zu lindern, oder deutlich zu reduzieren, dann gibt’s ne Chance dass sie wieder auf dem Pferd sitzen kann.“
Für Cindy wäre das natürlich der größte Traum. Aber auch Besserung im Alltäglichen, erhofft sie sich, wie z.B. das einfache Greifen von Dingen.
Wiebke Wittneben, Punkt 12 Reporterin
„Cindy – ein Glück sitzt du – ich hab ne Überraschung. Wir machen dir das möglich, dass du den Anzug 4 Wochen kostenlos testen kannst! Ohne dass die Krankenkasse blockiert.“
Cindy Wenzel
„Danke“
Wiebke Wittneben, Punkt 12 Reporterin
„Ich muss dich jetzt auch mal drücken.“
„Danke!“
Wiebke Wittneben, Punkt 12 Reporterin
„Und ich möchte viele Videos von dir haben“
Und die bekomme ich auch ein paar Tage später. Plötzlich kann Cindy wieder Fahrrad fahren und trinkt problemlos nur mit einer Hand.
Es wäre zu schön, wenn Cindy den Anzug bald dauerhaft haben könnte...denn er hat bei ihr zu sichtbaren Verbesserungen geführt. Ich hoffe, dass das ihre Krankenkasse - und die von vielen anderen Betroffenen - das endlich auch so sehen!