Die Wohnsiedlung Litterode in Essen in Nordrhein-Westfalen ist teilweise aus den 1930er Jahren. Insgesamt 36 Miet-Wohnungen in kleinen Häusern, viele haben auch einen Garten. All das soll weichen, um Platz für Neubauten zu schaffen. Das sind Bilder aus dem März 2024 – damals war ich zum ersten Mal hier.
"Das ist so emotional alles, weil da steckt so viel Herzblut drin.“
"Das sind nicht nur Nachbarn für mich, das ist wirklich eine Familie.“
Alle Vermittlungsversuche damals sind gescheitert, es blieb nur der Klageweg. Ich habe den Anwohnern versprochen, wiederzukommen. Und ich sehe: Seitdem hat sich viel getan. Die Hälfte der Mieter ist weggezogen, der Abriss der leeren Häuser läuft. Die verbliebenen Anwohner haben jetzt eine Räumungsklage bekommen. Trotzdem wollen sie sich nicht geschlagen geben. So wie Simone und Dirk Bolduan.
„Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir sind Kummer gewohnt. Und ja. Wir haben nichts zu verlieren. Wir haben wir schon im Prinzip alles verloren. Ja, aber wir können ja vielleicht noch, vielleicht besser wieder werden. Man weiß es ja nicht.“
Dirk Bolduan ist hier in der Siedlung aufgewachsen. Lebt seit 40 Jahren hier. Im Januar 2024 erfahren die Mieter, dass die ganze Siedlung abgerissen werden soll, seitdem kämpfen sie.
„Ich war nur noch am Weinen . Wir schlafen nachts kaum noch , weil wir uns überlegen wo müssen wir jetzt hin ? Was wird aus uns ? Unsere Kinder müssen ausziehen . Wir werden nie so eine große Wohnung mehr bekommen.“
Die Häuser wurden schon vor dem zweiten Weltkrieg gebaut. Zwischenzeitlich waren sie auch mal Obdachlosenunterkunft und sollten dann in den 80er Jahren schon einmal abgerissen werden. Aber auch damals haben Anwohner gekämpft, neue Mieter fanden sich und überzeugten gemeinsam die Stadt, die Häuser in Eigenregie zu sanieren. Mit Erfolg.
„Klar die Häuser sind alt, aber was ich hier gesehen haben ist, dass die Menschen in den letzten Jahrzehnten viel investiert und sich hier ein Kleinod geschaffen haben, in dem sie sich sehr wohl fühlen und darum nicht wegwollen. Viele hier haben auch Angst, dass sie keine andere bezahlbare Wohnung finden.“
Ich kann das gut verstehen und will versuchen, die Anwohner zu unterstützen. Doch ich merke bei schon bei meinen Recherchen im letzten Jahr, dass dieser Fall auch eine andere Seite hat. Die Anwohner glauben, dass hier luxussaniert werden soll, deshalb müssen sie weg. Aber ist das hier wirklich so eindeutig?
Um besser zu verstehen, was in Deutschland in Sachen Wohnungsbau gerade passiert, bin ich auf einer Baustelle in Burscheid bei Leverkusen mit Rüdiger Otto verabredet. Er ist Bauunternehmer und hat circa 120 Angestellte.
Seit 30 Jahren baut seine Firma vom Bürokomplex bis zum Wohnhaus alles. Eine Situation wie wir sie im Moment haben, hat er so noch nicht erlebt, erzählt er mir.
„Die Lage auf dem Wohnungsmarkt ist ernst, oder ? Absolut. Wirklich ernst. Also bei der Anzahl von Wohnungen, die wir jeden Tag bauen müssten, von dem, was da draußen fehlt, ist das mit Sicherheit kann man das als ernst betrachten."
"Das ist jetzt ein Mehrfamilienhaus, was Sie bauen und davon bauen Sie wahrscheinlich nicht ganz so viele mehr, oder ?
Also ich muss ehrlich sein, das ist das Letzte, was wir momentan jetzt hier so in der Form in der Größenordnung bauen ist jetzt acht Familienhaus. Was wir. Wir haben zwar noch andere Projekte wie Bürogebäude, Schulen und so, wo wir dran aktiv sind, aber als klassisches Wohnungsbauprojekt ist das zurzeit das Letzte wo wohnen."
Das Problem: Die Kosten sind massiv gestiegen. Auch wenn das strikte Heizungsgesetz der letzten Bundesregierung jetzt wieder auf dem Prüfstand steht: an klimafreundlichen Wärmepumpen oder Solaranlagen wird langfristig kein Weg vorbeiführen.
„Und natürlich auch die Herstellkosten durch die Energiekrise, die Herstellkosten, gestiegene Kosten das hat alles dazu beigetragen, dass wir heute eben ja eben relativ teuer bauen , so dass der Kunde der Häuslebauer im Grunde genommen zurückschreckt und erst mal sagt. Das überlege ich mir erst noch mal , ob ich hier heute jetzt anfange.“
Das treibt natürlich auch Mieten nach oben. Die neue Bundesregierung hat angekündigt, den Wohnungsbau insgesamt unbürokratischer und günstiger zu machen. Es sind in jüngster Zeit auch wieder etwas mehr Baugenehmigungen erteilt worden – eine Wende sei das aber noch längst nicht, so die Kritiker.
Zurück zur Wohnsiedlung, die in Essen abgerissen werden soll. Schon bei meinem ersten Besuch habe ich einen Termin mit dem Geschäftsführer des Wohnungsunternehmens ALLBAU. Das hat die Siedlung vor einem Jahr von der Stadt Essen gekauft und will sie jetzt abreißen lassen. Stattdessen sollen 60 öffentlich geförderte Mietwohnungen und 13 Reihenhäuser zum Kauf entstehen – damit sollen auf dem Gelände rund doppelt so viele Menschen wie bisher Wohnraum finden. Eine Luxussanierung sei das keineswegs, versichert er mir. Aber die vorhandenen Häuser zu sanieren, sei keine Option.
„Also eine Sanierung ist wie gesagt unfassbar teuer , weil uns der Gesetzgeber über die Klimaschutzziele 2045 und jetzt auch die Europäische Union verpflichtet , hier umfangreich zu handeln. Und wie gesagt , das ist überhaupt nicht wirtschaftlich darzustellen. Im Ergebnis würde das auch zu Mieten führen , die an der Stelle kein Mensch bereit ist zu bezahlen.“
Ob bei Dämmung, Fenstern oder Heizung: Die Häuser seien deutlich zu alt, um sie bezahlbar auf den aktuellen Stand zu bringen – gerade bei den geringen Mieten, die die Menschen hier zahlen.
Ich habe dem Geschäftsführer schon 2024 erzählt, wie verzweifelt ich die Menschen erlebt habe und frage ihn, ob es nicht möglich ist, die Häuser nacheinander zu erneuern. Also erst die baufälligen abzureißen und neuzubauen, sodass die Anwohner dann nahtlos umziehen könnten.
„Also wir haben auch das geprüft. Es würde eben zu einem, wenn man so will, erheblichen Verzug in der Gesamtbaumaßnahme führen , weil wir für alles einen Bauantrag stellen und für alles die entsprechenden Vorgaben vorbereiten und organisieren wollen. Und in der Folge ist die Differenz , die im Vergleich zu kompletten Verlegung und Neubau entstehen würde, so groß, dass wir sagen, das ist uns wirtschaftlich nicht zumutbar."
Aktuell haben jetzt auch die letzten verbliebenen Bewohner Räumungsklagen erhalten. Sie schildern mir, dass die unter anderem mit „der optischen Beeinträchtigung“ begründet wurden, die zu erwarten sei, „wenn inmitten der Neubauprojekte die alten Bestandsgebäude erhalten bleiben.“ Für die Anwohner ein Schlag ins Gesicht. Sie wollen immer noch nicht aufgeben - und sie sind nicht wehrlos. Um den Wohnungskündigungen zu widersprechen, können vor allem soziale Gründe angeführt werden, erfahre ich von Rechtsanwalt Michael Pietsch.
„Das kann beispielsweise ein hohes Alter sein , das kann Gebrechlichkeit sein , das kann eben die Pflege von Angehörigen sein oder aber auch eine Verwurzelung insbesondere alter Menschen in den Wohngebieten und in der Wohngegend , wo man eben dann sagt , in dem Falle ist es nicht gerechtfertigt, auch wenn der Vermieter an sich recht hätte, den Mieter halt auszusetzen."
Die Allbau führt seit einiger Zeit Gespräche mit allen Anwohnern. Ziel sei auch, ihnen Ersatzwohnungen zur Verfügung stellen und beim Umzug helfen. Aber unser Experte rät den Anwohnern: sie sollten auch weiterhin versuchen, Entschädigungen zu verlangen – dafür sieht er in solchen Fällen durchaus Chancen.
„Wenn ich als Vermieter damit ein schnelles Ergebnis erreichen kann und die Leute ohne langwierige Prozesse. Bewegen kann. Aus der Wohnung auszuziehen , habe ich damit mehr erreicht , als wenn ich hier es drauf ankommen lasse.“
Die Fronten sind nach über einem Jahr verhärtet, die Menschen in der Litterode wollen nicht einfach ausziehen, trotzdem rollen schon die ersten Bagger.
„Von allen Mietern, die jetzt weggezogen sind, werden die Häuser jetzt nach und nach abgerissen, die die jetzt hier bleiben, wollen weiterkämpfen und sich zur Not hier raustragen lassen.“
Und auch wenn die Situation ausweglos erscheint, wollen die Bolduans und ihre Nachbarn alles tun, um den Abriss zu verhindern. Damit sie ihre Gemeinschaft und ihr Zuhause nicht verlieren.