Oft bekommen wir Hilferufe, weil Stromanbieter angeblich falsch abrechnen. Aber dieses Mal bekomme ich in kürzester Zeit Kontakt zu etlichen Verbrauchern aus ganz Deutschland, die Probleme mit ein und demselben Stromanbieter aus Berlin haben sollen.
Verena Jendges, RTL-Reporterin
„Der Stromanbieter soll angeblich nach viel zu hohen Schätzungen abgerechnet haben und nicht nach konkreten Zählerständen, die die Kunden angegeben hätten.“
Auch Christopher Schmittinger aus NRW habe seinen Vertrag beim Stromanbieter aus Berlin gekündigt und dann angeblich nur noch Schwierigkeiten gehabt. Eigentlich habe er mit einigen hundert Euro Guthaben, also einer Rückzahlung gerechnet. Stattdessen musste er rund 230 € nachzahlen. Der Familienvater zeigt mir seine Unterlagen.
Christopher Schmittinger, 32 Jahre
„Ich mache es halt immer so, dass ich…im Nachgang Guthaben habe…damit fliegen wir eigentlich in Urlaub…mehrfach dahin gewand…Foto vom Zählerstand vom Vermieter bekommen…“
Verena
„Sind Sie aufgefordert worden, den Zählerstand zu übermitteln?“
Christopher Schmittinger
„Ja,…das habe ich per E-Mail auch getan.“
Stromanbieter ist die Elektrizitätsversorgung Berlin (ElVeBe GmbH). Das Unternehmen wirbt mit fairen Preisen und einem guten Service. Das deckt sich offenbar nicht mit den Erfahrungen, die viele Kunden machen. Auch in anderen Fällen soll es um mehrere hundert Euro gehen - so wie bei Luke Rothfuchs aus Köln, der mir ein Handyvideo schickt. Er hätte mit seinen Zählerständen über 200 € zurückbekommen müssen - da der Energieanbieter seinen Verbrauch aber geschätzt hat, waren es nur rund 35 Euro. (35,73€)
Luke
„Ich habe gestern einer Rechnung bekommen und kann es nicht fassen…richtigen Stand angegeben habe.“
Ähnliches erzählt mir auch Hartmut Rudolph aus Berlin.
Verena
„Wie war Ihre Erfahrung mit dem Stromanbieter?“
Rudolph
„Es kam eine Rechnung…Das hat mich stutzig gemacht…Schätzwerte gemacht haben.“
Fast 400 Euro, die der Rentner hätte zurückbekommen müssen, sagt er. Stattdessen sollte er sogar nachzahlen. Dabei habe er den genauen Zählerstand übermittelt. Hartmut Rudolph vermutet…
Rudolph:
„Ich denke, dass es gezielte Manipulation ist….sie die Leute auf diese Art und Weise abzocken.“
Verena: „Wir versuchen natürlich auch Antworten zu bekommen und nachzuhaken.“
Rudolph: „..wünsche Ihnen viel Glück…ich habs bis jetzt nicht geschafft.“
Dass genau DAS auch für mich schwierig wird, werde ich später selbst noch erfahren. Die Höhe der Nachzahlungen ist vergleichsweise gering. Viele hätten aber Anspruch auf mehrere hundert Euro Rückzahlung, sagen sie - wie bei Laurenz Heeke aus München. Ich spreche mit ihm per Skype. Bei ihm sei der Verbrauch sogar rund 1.200 Kilowattstunden zu hoch geschätzt worden.
Laurenz Heeke
„Ich hab aber im Laufe des Jahres eine Solaranlage bekommen und deswegen ist der Verbrauch deutlich gesunken. Das hatte ich denen aber auch im September des vergangenen Jahres mitgeteilt.“
Dennoch sollen seiner Meinung nach rund 620 Euro zu viel abgerechnet worden sein. Auch Laurenz Heeke habe mit einer hohen Gutschrift gerechnet.
Verena
„Was haben Sie dann alles gemacht oder versucht?“
Laurenz Heeke
„Man läuft da eigentlich gegen eine Wand…Ich habe zig mal versucht, da anzurufen, Mails geschickt…man läuft da einfach gegen eine Wand…Schlichtungsstelle eingeschaltet.“
Verena
„Sie haben ja, glaube ich auch einen konkreten Zählerstand durchgegeben, richtig?“
Laurenz Heeke
„Ich habe den Zählerstand durchgegeben…auch nochmal Foto von dem Zählerstand geschickt…aber sie sagen, das sei ein vom Kunden abgelesener Zählerstand und der sei nicht gültig.“
Ich hake beim Bundesverband der Verbraucherzentrale nach und erfahre, dass es bundesweit einen deutlichen Anstieg an Beschwerdezahlen gegen den Stromanbieter gibt.
Bundesverband der Verbraucherzentrale
„Die Beschwerdezahlen zu dem Unternehmen sind im Verhältnis zu ihrem Kundenanteil überproportional hoch. Die häufigsten Gründe für Beschwerden beziehen sich auf fehlerhafte Abrechnungen, nicht nachvollziehbare Verbrauchshöhen sowie Preiserhöhungen/Beitragssteigerungen.“
Bevor ich das Unternehmen konfrontiere, will ich von der Verbraucherzentrale wissen, was es mit den Schätzungen bei den Stromrechnungen auf sich hat.
Gregor Hermanni, Verbraucherzentrale NRW
„Der Energieanbieter hat die Möglichkeit, entweder die abgelesenen Werte des Netzwerkbetreibers oder selber abzulesen…oder den Verbrauchern aufzufordern, die Werte abzulesen…mitzuteilen.“
Verena
„D.h. diese drei Möglichkeiten hätten auch Vorrang vor der Schätzung?“
Gregor Hermanni, Verbraucherzentrale NRW
„Absolut! Also da ist der Gesetzgeber ganz klar. Abgelesene Werte haben Vorrang vor der Schätzung.“
Laut Verbraucherzentrale hätte der Stromanbieter also gar nicht schätzen dürfen.
Viele Verbraucher haben - wie in unseren Fällen - Ihre Verträge mit dem Stromanbieter über Vergleichsportale wie CHECK24 oder Verivox abgeschlossen und darauf vertraut, dass das Unternehmen geprüft sei. Die Vergleichsportale schreiben mir dazu, es gebe keine Kontroll- und Prüfpflichten. Allerdings müssten Energieversorger von der Bundesnetzagentur zugelassen sein. Und: Kundenzufriedenheit habe höchste Priorität.
CHECK24 Vergleichsportal Energie GmbH
"Daher setzen wir uns mit Nachdruck für die Interessen unserer Kunden beim Anbieter ein, um sicherzustellen, dass unsere Kundenanliegen ernst genommen und vereinbarte Konditionen eingehalten bzw. Rechnungen korrigiert werden.“
Dann fällt mir auf, dass der im Impressum eingetragene Geschäftsführer von Elektrizität Berlin früher Manager bei Verivox war. Ich will wissen, ob das heute noch Einfluss auf die Zusammenarbeit hat.
Verivox schreibt mir, der Stromanbieter habe versichert, an der Beseitigung der Missstände zu arbeiten, doch kurz nach unserer Anfrage zieht die Vergleichsplattform Konsequenzen:
Verivox GmbH
"Da sich die Beschwerdequote nach wie vor nicht verbessert hat, haben wir heute entschieden, die Elektrizitätswerke Berlin bis auf weiteres aus unserem Vergleich zu nehmen."
Ich will jetzt wissen, was der Stromanbieter selbst zu den bundesweiten Beschwerden sagt. Allerdings bleiben mehrere E-Mails und ein Einschreiben bis jetzt unbeantwortet. Mein Kollege Ibrahim Kayed versucht das Unternehmen in Berlin spontan zu konfrontieren und auch das gestaltet sich schwierig.
Ibrahim Kayed, RTL-Reporter
„Es ist schon kurios. Wir befinden uns an der Adresse, die online, im Impressum, zu finden ist - die Adresse, die auf Rechnungen genutzt wird - und doch weist weder ein Klingelschild noch irgendeine andere Art von Beschilderung darauf hin, dass das Unternehmen tatsächlich hier sitzt.“
Aber es gibt wohl eine Art Co-working-Space - eine Fläche, die an rund 170 verschiedene Firmen untervermietet wird. Von einer Frau, die dort arbeitet, versucht Ibrahim etwas über den Stromanbieter herauszubekommen.
Ibrahim Kayed, RTL-Reporter
„Von der Dame habe ich eben erfahren, dass das Unternehmen Elektrizitätsversorgung Berlin zwar hier sitzen soll. Allerdings sind weder der Geschäftsführer noch andere Angestellte heute vor Ort und können uns dementsprechend für ein Interview nicht zur Verfügung stehen.“
Parallel erfahre ich: Die Bundesnetzagentur hat mittlerweile ein Aufsichtsverfahren gegen die Elektrizitätsversorgung Berlin (ElVeBe GmbH) eingeleitet.
Unsere Kontakte versuchen mit Hilfe der Schlichtungsstelle und uns noch an ihr Geld zu kommen. Luke Rothfuchs war selbst hartnäckig und bekommt plötzlich eine korrigierte Rechnung mit über 200 Euro Gutschrift (211,14 €). Und auch bei Christopher Schmittinger gibt es nach unseren Dreharbeiten Neuigkeiten:
Christopher Schmittinger
„Wir haben jetzt Post bekommen. Die Korrektur von 562,88 ist jetzt bei uns eingegangen.“
Heißt in diesem Fall: Christopher Schmittinger bekommt fast 600 Euro zurück! Eine große Erleichterung für die junge Familie. In den anderen Fällen ist noch alles offen, aber ich werde weiter an der Sache dran bleiben.