00:21-
00:31 Immer wieder schreiben uns Zuschauer und berichten von Problemen mit den Jobcentern bei der Bearbeitung von Anträgen. Sie berichten von Sanktionen, von maximaler Bürokratie und Chaos.
00:32-
00:43 VoiceOvers
„Hätte ich gewusst, dass man bestraft wird, wenn man arbeiten möchte, hätte ich mich weiter auf meiner faulen Haut ausruhen können.“ (Frau)
„Angeblich würden ständig Unterlagen fehlen. (…)
Die Beschwerdestelle äußert sich auch nicht dazu.“ (Frau)
00:44-
01:11 Offenbar gibt es in einigen Jobcentern in Deutschland massive Probleme – aber warum?
Einen besonders krassen Fall erlebe ich mit Vanessa Weise. Eine arbeitslose junge Mutter mit zwölf Wochen altem Baby. Sie kämpft seit Monaten für Bürgergeld und ihre Krankenversicherung.
Was ist da los? Ich besuche die 26-jährige Vanessa in Weißenfels im südlichen Sachsen-Anhalt. Die Arbeitslosenquote liegt hier bei knapp 8%, das ist viel im Vergleich zu anderen Bundesländern.
01:12-
01:15 Freistand Punkt-12-Reporterin
„ Sie hatten sich ja gemeldet..ich dachte, ich komme am besten einfach mal vorbei.“
01:16-
01:36 Vanessa lebt mit ihrem Partner, der 8-jährigen Tochter aus erster Ehe und einem 3 Monate alten Baby am Existenzminimum. Da das Kind an diesem Drehtag fiebert und viel schreit, passen Freunde auf, denn Vanessas Fall ist dringend.
Was die Geldnot für die kleine Familie wirklich bedeutet, sehe ich in der Wohnung. Vanessa wirkt überfordert.
01:37-
02:13 O-Ton Vanessa Weise, lebt am Existenzminimum
„ Ich habe teilweise Schwierigkeiten gehabt, Butter zu kaufen, weil die so teuer ist…dann habe ich nichts gegessen, den ganzen Tag, bloß abends, dass wirklich die Großen für Schule und Arbeit haben..erzähl ich nichts..
Ich gucke dann wenigstens, dass…
Anke: das ist schon bitter. Ja.“
02:14-
02:50 Vor 12 Monaten ist Vanessa Weise aus Brandenburg zu ihrem Freund nach Sachsen-Anhalt in ihre eigene Wohnung gezogen. Dann kam die Schwangerschaft und sie konnte ihren Zeitarbeitsjob nicht mehr ausüben, beantragte Bürgergeld doch das Amt forderte immer wieder Unterlagen. Vanessa soll alles nachgereicht haben doch man versagte ihr die Leistung, weil sie in einem Monat 3 Termine versäumte. Diese habe sie telefonisch abgesagt, weil sie in der Schwangerschaft ins Krankenhaus musste. Vermerkt wurde das offenbar nicht.
Auch für mich ist nicht ersichtlich, ob Vanessa Arbeitslosengeld 1 oder Bürgergeld beantragen soll, auch beim Elterngeld gibt es Komplikationen. Es ist undurchsichtig und verwirrend.
02:51-
03:26 O-Ton Vanessa Weise
„ Das war andauernd ein Theater. Dann rufe ich an, die Unterlagen sind in Ihre Akte. Drei Tage später kriegt ein Brief. Sie brauchen die Unterlagen. Und dann auch dieser ständige, Zuständigenwechsel.
Das ist auch der hat das bekommen, ist wieder ein anderer Zuständiger. Der wird das dann noch mal haben. Also das war auch sehr belastend. (..)
Anke: Haben die Mitarbeiter gewusst, in welcher Lebenssituation sie sind…?
Vanessa:
…Ich bin auch persönlich dann einfach hingefahren. (..) Ich sage, ich bin im achten Monat schwanger. I ch kann nicht mehr. Also ich war. Dann habe ich mich dann so aufgeregt, dass ich fast zusammengebrochen bin…“
03:27-
03:38 Seit Monaten zahlt ihre Mutter die Miete, sonst wäre die Familie jetzt wohnungslos. Auch sie bestätigt mir: Vanessa sei zuverlässig, halte sich an Absprachen. Es habe in Brandenburg nie Probleme gegeben.
03:39-
03:56 O-Ton Mutter Michaela Schmidt, Mutter von Vanessa
„Ihre Akten hat sie immer in Ordnung gehabt..“
„ ..bearbeitet..“
03:57-
04:04 Schon vorab habe ich als Reporterin die Verantwortlichen im Jobcenter Weißenfels kontaktiert und um ein Gespräch gebeten.
04:05-
04:16 Mod Anke Reichardt
„ ..und tatsächlich einen Tag später…“
04:17-
04:26
Nach der Blitzüberweisung kommt kurz darauf auch Post.
Man habe ihr „zu Unrecht die Sozialleistungen versagt“ und zahlt knapp 8.000 Euro nach. Purer Zufall?
04:27-
04:45 O-Ton Vanessa Weise, wartet seit Monaten auf Bürgergeld
„Was haben Sie sich da gedacht?
„ das kam einfach aus dem Nichts..Ich konnte mich aber nicht drüber freuen, weil ich habe auch keine Info und woran hing es jetzt auch?
(…) auch wenn ich jetzt einen auf den Januar gekriegt habe, wir sind immer noch nicht krankenversichert.“
04:46-
05:02 Ihr Baby ist über den Partner versichert aber sämtliche Untersuchungen in der Schwangerschaft, auch Arztbesuche ihrer großen Tochter musste sie selbst zahlen – Rechnungen und Mahnungen türmen sich.
Es ist Mittwochmorgen, wir versuchen das Jobcenter zu erreichen. Am Telefon? Nur ein Callcenter-Mitarbeiter.
05:03-
05:25 O-Ton Anke Reichardt
„ Irgendein Sachbearbeiter musste sich jetzt minutenlang…“
Anke: Wie symptomatisch ist das für das, was Sie erlebt haben..?
Vanessa: Das ist für hier Standard, ich kenne es wirklich nicht anders.“
05:26-
05:35 So ging es auch Manuela Jainski. Monatelang konnte sie ihren plötzlich verstorbenen Sohn nicht bestatten, weil das Amt untätig blieb und die Beerdigungskosten nicht übernahm.
05:36-
05:46 Situative Manuela Jainski
„ Das ist mehr Wut, wie man mit Menschen umgeht…er hat doch keinem was getan, ich auch nicht..ich möchte ihn doch nur beerdigen.“
05:47-
06:00 Die rund 400 Jobcenter stehen tatsächlich momentan vor großen Herausforderungen. Nur, offenbar sind sie damit überfordert. Und gleichzeitig überfordern sie mit seitenlangen Formularen und Nachweisen auch die, die sich an sie wenden. Was sagt der Sozialverband Deutschland dazu?
06:01
06:28- O-Ton Quentin Mönnich, Referent Sozialpolitik, Sozialverband Deutschland
„ Die Führungskräfte der Jobcenter haben schon im letzten Jahr..“
„ …auf beiden Seiten.“
06:29-
06:46 Auch die Digitalisierung spiele eine entscheidende Rolle. Online können Unterlagen nicht nur schneller zugeordnet werden sondern auch nicht so leicht verloren gehen. Vor ihrem Umzug - sagt die junge Mama Vanessa – in ihrem alten Jobcenter hat das wunderbar funktioniert. Und doch gibt es auch hier genug Herausforderungen, so der Geschäftsführer.
Quelle: arbeitsagentur.de/eservices
06:47-
07:25 O-Ton Andreas Groth Geschäftsführer Jobcenter Elbe-Elster-Kreis
„ Natürlich haben wir unterschiedliche Herausforderungen, wir haben a) eine Arbeitsbelastung, weiterhin hohe Fallzahlen, gerade bei jungen Menschen, die auch zu uns kommen, komplexe Lebenslagen, die dann mit dazukommen, regelmäßig neue gesetzliche Vorgaben. Da haben wir eine Rechtsprechung, die Teile dessen wieder aushebelt und natürlich auch den Druck, den meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus Teilen der Politik und der Öffentlichkeit dann auch wahrnehmen. (…) das stößt natürlich beim Personalschlüssel, der in den letzten Jahren immer wieder aufgrund der Haushaltssituation des Bundes natürlich immer wieder an seine Grenzen auch.“
07:26-
07:44
Digitales Postfach, direkte Erreichbarkeit, Vertrauen – das funktioniere in Weißenfels in Sachsen-Anhalt nicht, sagt Vanessa.
Seit fast einem Jahr bekomme sie kein Geld. Ich versuche vor Ort jemanden von der Pressestelle zu erreichen - wieder werden wir vertröstet. Auch später kommt der versprochene Rückruf des Jobcenters NICHT.
07:45-
08:03 O-Ton Anke Reichardt situativ
„ Ich hab mehrmals versucht…“
„ …Irgendwie kommen wir hier nicht weiter, denn es fehlt immer noch Geld!“
08:04-
08:19 Genauer gesagt circa 5.000 Euro fehlen seit der Geburt ihres Sohnes. Für solche Fälle bieten verschiedene Stellen Sozialberatungen an, übrigens einfach zu finden auf Sozialportalen im Netz. In Weißenfels ist Mathias Baum empört, denn Vanessa hat sich inzwischen hoch verschuldet.
08:20-
08:38 O-Ton Mathias Baum, Stellvertretender Kreisvorsitzender Die Linke Weißenfels, Sozialberater
„ Nachdem die Medien eingeschaltet worden sind, einfach Geld zu überweisen..es ist ein Bescheid ergangen..für mich ist es persönlich ein Schuldeingeständnis des Jobcenters.“
08:39-
08:48 Ich konfrontiere das Jobcenter ERNEUT mit allen Fakten, denn noch immer fehlen circa 5.000 Euro für die letzten Monate, die Vanessa zustehen.
Und plötzlich wieder – derselbe Zufall?
08:49-
08:52 Situative Anke Reichardt
„Es gibt Neuigkeiten…“
08:53-
09:04 Kurz nach meiner Anfrage wurden circa 5.000 Euro Bürgergeld auf Vanessa Weises Konto überwiesen, wieder ohne einen Kommentar.
Das Geld, das sie in den letzten Monaten so dringend gebraucht hätte, ist endlich da.
09:05-
09:24 O-Ton Vanessa Weise
„ Es ist auf eine Art wirklich eine Erleichterung, dass ich finanziell wieder auf dem Posten bin.. (..) Die sind überglücklich, die freuen sich alle, dass ich mich an die Öffentlichkeit gewandt habe.“
09:25-
09:31 Vom Jobcenter dazu - immer noch nichts. Eine Sprecherin des Landkreises äußert sich dann schriftlich:
09:32-
09:50
O-Ton Pressesprecherin Landrat Burgenlandkreis VoiceOver
„Im Ergebnis ist festzustellen, dass die Bearbeitung des Vorgangs nicht gänzlich beanstandungsfrei vonstatten ging, jedoch Frau Weise nicht ausreichend mitgewirkt hat. Durch ihre nur zögerliche Mitwirkung auch bei anderen Behörden, was aus deren vorliegenden Schreiben und Bescheiden ersichtlich ist, hat sie auch die längere Bearbeitungsdauer ihrer Anträge mit zu verantworten.“
09:51-
10:14
min Eine aufrichtige Entschuldigung für die Versagung des Bürgergelds - und die daraus entstandenen Schulden und Nöte der Familie - gibt es übrigens nicht. Ich sehe es als meine Pflicht, auch das Ministerium für Arbeit und Soziales mit einzubinden, denn offenbar sind das NICHT nur Einzelfälle. ALLE Jobcenter müssen einheitlichen Qualitätsstandards folgen - digital, finanziell und personell, damit die Schwächsten im Land nicht allein dastehen.