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„Die ruinieren mich“: Arzt wollte für seine Patienten nur das Beste – jetzt fordern Krankenkassen 320.000 Euro
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40 Jahre lang operierte Rolf von Kenne. Im Ruhestand wollte der frühere Chirurg vor allem eines: reisen. Doch dann kam eine Forderung über 320.000 Euro. Der 75-Jährige soll für Wundauflagen zahlen, die er Jahre zuvor seinen Patienten verordnet hatte. Nun fürchtet er um sein Eigenheim. Das ganze Drama seht ihr im Video.
Rolf von Kenne war Arzt aus Leidenschaft.
Also das war ein erfüllender Beruf, muss ich schon sagen. Sie konnten den Menschen helfen, das habe ich ja die ganze Zeit gemacht.
Heute ist der 75-Jährige im Ruhestand und ausgerechnet jetzt bekommt er Post, wegen der er um sein Haus & die komplette Altersvorsorge fürchtet.
Ich mache den Brief auf, denke, 320.000 Euro
320.000 Euro soll der pensionierte Arzt jetzt an die Krankenkassen zahlen, weil er vor Jahren angeblich zu teures Verbandmaterial benutzt hat.
Die fingen mal an, so eine Packung mit 100 Euro. Jetzt kostet es in Deutschland 450 Euro. Irre. Das ist ein Reimport aus Italien. Da kostet es weiterhin 200 Euro. Das ist das deutsche Gesundheitssystem.
Nicht nachvollziehbare Preisexplosionen – ist das auch der Grund, warum unsere gesetzlichen Krankenkassen inzwischen mehr als 58 Milliarden Euro* jedes Jahr für Arzneimittel ausgeben?
Mit diesen hohen Kosten fahren wir das System an die Wand.
Medikamente in Deutschland kosten so viel, wie in kaum einem anderen Land. Aber wer bestimmt überhaupt den Preis für lebenswichtige Arzneimittel?
Es gibt Therapien, da kostet eine Tablette 100.000 Euro.
Warum ist Medizin in Deutschland so teuer? Und: wer zahlt am Ende dafür?
Dass ich für die gute Medizin bestraft wurde, das ist genau das Gefühl, habe ich. Bestraft.
Diese Abschiedsfeier, das war noch die glückliche Zeit. Ich bin mit 70 noch im OP gestanden, mit 70. Und ich habe immer gesagt, wenn mir der erste Patient sagt, was, mit 70 nehmen Sie das Messer noch in die Hand, dann höre ich auf. Und das war so. Den Kuchen, das war dieser mit meinem Namen und Spritzen, der ist extra angefertigt worden. Ja, das waren ja Zeiten andere.
Rolf von Kenne hat als Chirurg 40.000 Menschen operiert und war 6 Jahre ärztlicher Leiter des Wundzentrums in Ulm.
Diese Wunden, die hier gekommen sind, sind ja alle irgendwo vereitert. Die sind ja Jahre, Monate lang offen. Das ist ja keine frische Wunde, wo ein bisschen ein Keim drin ist. Sondern das sind hoch aggressive Keime, die sie nicht wegkriegen. Auch mit Antibiotika nicht wegkriegen.
Und das sind diese Platten, die man dann verwendet. Das ist dieses Alginat, das wird aus Algen hergestellt, plus Silberanteile drin, die hochgradig desinfizieren. hoch wirksam gegen Bakterien und infizierte Wunden. Und das hilft bombastisch.
Der Spezialist schließt so Wunden von Diabetikern & chronisch Kranken, die zum Teil seit 20 Jahren nicht heilen. Und SO verhindert er zahlreiche Amputationen. Aber 2016 schreiben im die gesetzlichen Krankenkassen: diese Pflaster sind zu teuer!
Ich bin als Arzt dem hippokratischen Eid verpflichtet und nicht den Kassen zu ihrer Gewinnmaximierung. Ganz klar. Und das war immer mein oberstes Ziel. Das kann es nicht sein, dass ich nur wegen Geld die Leute amputiere. Das ist ja abartig. Obwohl ich für eine Amputation ein irres Geld verdienen würde. Ich amputiere einen Zeh in fünf Minuten und bekomme bis zu 10.000 Euro dafür. Das ist krank. Das ist absolut krank. Aber für die Patienten ist es auch richtig krank. Das machen wir nicht.
Amputieren, weil eine moderne Wundauflage zu teuer ist? Das klingt absurd. Müssen wir also befürchten, dass Ärzte künftig nicht die Behandlung wählen, die sie medizinisch für richtig halten, weil sie am Ende selbst dafür zahlen könnten?
Life-Reporter Nils hakt bei Dr. Karsten Braun nach. Seine Kassenärztliche Vereinigung betreibt gemeinsam mit den Krankenkassen eine Prüfstelle, die über solche Regresse entscheidet.
Diese Angst ist natürlich berechtigt, weil der Gesetzgeber und die Krankenkassen das Instrument des Regresses natürlich gezielt nutzen im Sinne eines Polizeieffektes. Aber nicht alles, was medizinisch denkbar oder verfügbar ist, darf zulasten der Krankenkasse verordnet werden.
Keiner von uns will ins grenzenlose steigende Krankenversicherungsbeiträge. Und insofern sind Prüfungen des Verordnungsverhaltens ganz grundsätzlich legitim.
Allerdings geht es bei Rolf von Kenne um Behandlungen von 2017 bis 2019. Bei den Krankenkassen begründet er damals den Einsatz dieser Verbände, danach hört er jahrelang nichts mehr. Währenddessen steigen die Preise weiter. Wie stark, merkt er erst später.
Als Arzt wissen Sie das nicht. Sie laufen da voll ins Messer rein. Und gerade in den Pharmabereichen, da sind Sprünge drin, die ich nicht nachvollziehen kann. Und als Arzt kriege ich die nicht mitgeteilt.
Ja, das ist ein großes Problem tatsächlich bei den Wundverbandstoffen. Bei den Medikamenten ist das so, dass ein Arzt in seinem Verordnungssystem, mit dem er sein Rezept ausstellt, sehen kann, was das Medikament tatsächlich kostet. Das ist bei Verbandsstoffen nicht so.
Können Sie das erklären, warum die Preise von Verbandsstoffen nicht einsehbar sind für die Ärzte? Und inwiefern kann man dann halt überhaupt fordern, dass Ärzte im Rahmen bleiben bei solchen Verbandsstoffen, wenn man einfach die Preise gar nicht kennt?
Nein, das kann ich nicht erklären.
Okay, das heißt, es ist einfach ein Fehler im System sozusagen.
Systematischer Fehler, ja.
Warum soll also ausgerechnet der Arzt im Ruhestand Jahre später 320.000 Euro zahlen, obwohl er an den Verbänden nie etwas verdient hat? Und, wieso kostet das gleiche Material im Ausland teils viel weniger als bei uns? Warum Deutschland gerade für neue Medikamente so viel zahlt, entscheidet sich schon beim Marktstart.
Wenn Sie in England ein Arzneimittel zulassen wollen, dann haben Sie von vornherein die Verhandlungen um den Preis der Arzneimittel. Während wir hier eben dieses halbe Jahr haben, wo man eigentlich als Pharma-Firma alles machen kann.
Erst nach 6 Monaten verhandeln Pharmafirma und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkasse über den endgültigen Preis. Aber auch der wird zunehmend zum Problem.
Wir haben in Deutschland nach den USA die höchsten pro Kopf-Ausgaben für Arzneimittel. Ein Grund dafür ist, dass für neue Wirkstoffe, für neue Medikamente zu hohe Preise bezahlt werden. Hier haben die Preise die Bodenhaftung verloren. Diese Kostensteigerung hält kein Gesundheitssystem der Welt auf Dauer aus.
Sparen muss das System also. Aber was ist am Ende wirklich günstiger? Amputationen auch aus finanzieller Sicht schonmal nicht…
Nach Amputationen brauchen Sie dann noch Prothesen, die sind irrsinnig teuer. Brauchen Sie Pflege, dann werden Sie bis zu berentet, Sie werden schwerbehindert. Die Kosten sind immens, was denn folgt, wenn Sie nicht die primäre Erkrankung behandeln. Aber Kassen ticken, glaube ich, anders. Die sehen nicht in die Zukunft rein, wenn wir jetzt was zahlen würden, dass sie in Zukunft das dann nicht mehr zahlen müssen.
Bei neuen Arzneimitteln begründen die Hersteller ihre hohen Preise vor allem mit Forschung und Entwicklung. In den vergangenen 15 Jahren haben sich die Arzneimittelausgaben hierzulande mehr als verdoppelt.
Unser Reporter trifft den Lobby-Experten Rolf Blaga im Berliner Regierungsviertel.
So, hier sind wir jetzt bei MSD, ein Pharmakonzern…
Ein Unternehmen, das vielleicht schon beim Lügen aufgeflogen ist…
Das ist relativ neu, diese Studie, da wurde untersucht ein Krebsmedikament, von dem die Firma behauptet hat, sie hätten Investitionen gehabt von 48 Milliarden und dann hat man nachgeprüft, welche Studien dazu geführt worden sind und die haben keine 5 Milliarden gekostet.
Der Pharmariese MSD weist die Anschuldigungen zurück:
„[…] Seit Einführung des Präparats ist der Erstattungspreis in Deutschland zu keinem Zeitpunkt gestiegen, sondern mehrfach gesenkt worden.
Die Daten der Studie sind für uns nicht nachvollziehbar. […] Dies [KEYTRUDA] ist eines der größten und kostspieligsten pharmazeutischen F&E-Programme, die jemals durchgeführt wurden“
Überprüfen kann das am Ende niemand. Denn für mehr Transparenz bei der Preisbildung kämpfen Experten wie Rolf Blaga bisher vergeblich… Fakt ist: die Branche verdient prächtig: Der Nettogewinn der Pharmabranche lag 2023 bei circa 20%.
Hohe Preise, enorme Gewinne. Ulrike Holzgrabe beobachtet die Pharmaindustrie seit Jahrzehnten. Sie erklärt sich die Entwicklung so:
Die Apotheker sind seit 30 Jahren nicht mehr im Vorstand von solchen, oder nur selten im Vorstand von solchen Firmen. Jetzt herrscht da die pure, ich sage fast Geldgier. Also der Vorstand besteht aus Betriebswirten und Volkswirten. Die haben von der Grundlage gar keine Ahnung. Und sie sehen nur den Gewinn letztendlich, den man erzielen kann. Ich sage mal, seitdem die Apotheker das nicht mehr machen, gibt es überhaupt keine Ethik mehr in der Pharmaindustrie.
Es geht um Milliarden, um steigende Preise und darum, wo unser Gesundheitssystem sparen kann. Vor 2 Wochen wird bekannt: Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen haben Beitragsgelder riskant angelegt. Das Bundesamt für Soziale Sicherung beziffert den möglichen Schaden allein bei bundesweit tätigen Krankenkassen auf bis zu 1,1 Milliarden Euro**.
Während im System also Millionen verloren gehen, soll Rentner Rolf Kenne jetzt 320.000 Euro zurückzahlen.
Sie haben mich acht Jahre lang ignoriert und dann zur Brust genommen, als ich in Rente war, wo ich überhaupt nichts mehr ändern konnte an der ganzen Sache. Es kann nicht Sinn des Systems sein, jahrelang Kosten auflaufen zu lassen und anschließend eine Rechnung zu präsentieren. Das ist extrem bedauerlich. Kann einem Arzt das Genick brechen. Die ruinieren mich. Die machen mich fertig. Ich habe das Geld nicht.
Seit 26 Jahren lebt der pensionierte Chirurg mit seiner Frau in seinem geliebten Eigenheim.
Hast du Lust auf ein Stückchen Kuchen?
Ich komme.
Möchtest du ein großes oder ein kleineres Stück?
Ein kleines.
Wie hatten Sie sich denn Ihren Ruhestand eigentlich vorgestellt?
Reisen, reisen, reisen.
Das ist einfach, der Traum ist zerplatzt aus.
Statt also den Lebensabend zu genießen, studiert der 75-Jährige Akten, schreibt Widersprüche, bezahlt Rechnungen. Sitzt jeden Tag stundenlang am Schreibtisch.
Na gut, der ist ja für das Wochenend gedacht. Nicht alles wegfuttern jetzt.
Nö. Aber ich brauche das im Moment.
Ja, tut gut.
Ich habe immer gearbeitet wie ein Verrückter. Ich habe nicht schlecht gelebt, gebe ich offen zu. Das ist kein Problem. Als Mediziner verdienen wir ganz gut. Aber ich habe auch gearbeitet wie ein Verrückter mein ganzes Leben lang. Ich habe nie einen Ausfall gehabt. Ich war nie krank. Ich habe 40 Jahre lang operiert. Wie gesagt, an die 40.000 Menschen.
Das eigene Haus ist bis zur Rente abbezahlt. Aber woher soll das Ehepaar jetzt die 320.000 Euro für die Krankenkassen nehmen?
Die Gefahr, dass ich das Haus verkaufen muss, ist extrem hoch. Wenn die darauf bestehen, muss das Haus verkauft werden. Ich habe keine Portokasse. Ich habe keine Millionen auf dem Konto. Ich habe es nicht.
Eine Kasse hat bereits den Gerichtsvollzieher angekündigt. Seine Behandlungen bereut der pensionierte Arzt nicht. Aber heute würde er die Kostenfrage weiterreichen: an den Patienten.
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