Hier im Landgericht Verden trifft Liliana wieder auf den Mann, der ihr auf dem Weg nach Hause fast das Leben genommen hätte. Die 20-Jährige ist aufgewühlt.
Es war natürlich an manchen Stellen hat man sich dann auf die Zunge gebissen und hat gedacht. Am liebsten würde ich hier jetzt aufspringen und dir an die Kehle springen.
Nur wenige Meter von ihr entfernt sitzt Hartmut L. auf der Anklagebank. Der 43-Jährige soll am Bahnhof in Hodenhagen 12-mal mit einem Messer auf Liliana eingestochen haben. Dabei war Hartmut L. für die Polizei längst kein Unbekannter …
Es ist der 16. Februar dieses Jahres, kurz nach 17 Uhr. Liliana F. arbeitet als Tierpflegerin und kommt gerade aus dem Feierabend. Am Gleis wartet sie auf ihren Zug und telefoniert mit ihrem Freund, als ein Mann sie plötzlich von hinten mit einem Messer attackiert.
Es ist blanke Panik. Du probierst halt. Also du überlegst. Zumindest hab ich überlegt in dem Moment, ob ich jetzt wegrenne, ob das überhaupt noch was bringt. Die erste Intention ist natürlich auch, sich zu wehren.
Doch die damals 19-Jährige hat keine Chance. Liliana's Freund hört ihren Todeskampf am Telefon live mit.
Ich habe mitten im Satz unterbrochen und habe dann auf einmal los geschrien. Und mehr wusste er nicht und er hatte wohl noch zwei dreimal nachgefragt. Da kam dann keine Antwort. Da kam halt nur das Schreien.
Doch das Schlimmste ist noch nicht vorbei. Nach dem Angriff soll Hartmut L. die 19-Jährige sogar noch ins Gleisbett gestoßen haben.
Da habe ich mich dann halt noch vom von den Gleisen zwischen die Gleise gerobbt, mit letzter Kraft / und das war dann auch der Punkt. Ich konnte ihn zwar noch beobachten, aber ab dem Punkt konnte ich mich dann auch gar nicht mehr bewegen.
Zeugen am Bahnsteig versuchen, der damals 19-Jährigen zu helfen. Sie kommt ins Krankenhaus, wird notoperiert und kämpft tagelang ums Überleben. Für ihre Mutter ist das alles der blanke Horror.
Einerseits war ich ein bisschen erleichtert, weil ich habe sie jetzt gesehen und ich habe gesehen, sie lebt. Das war ganz, ganz wichtig. Aber andererseits wusste man halt nicht, was kommt noch?
Hartmut L. kann noch vor Ort festgenommen werden. Doch als die Beamten seine Identität feststellen, fällt ihnen auf:
Der ist polizeilich schon mehrfach in Erscheinung getreten. Zwar nicht hier im hiesigen Bereich, aber in der Nähe seines Wohnortes und auch wegen Eigentumsdelikte, eines Körperverletzung. Deliktes. Genau. Und er war auch schon psychisch auffällig.
Das Gruselige: Liliana war ein Zufallsopfer. Denn Täter und Opfer haben sich zuvor noch nie gesehen. Womöglich könnte er sich aber von Liliana's Handy und ihrem Telefonat bedroht gefühlt haben.
Ich wurde zwar im Gericht gefragt, ob mein Freund und ich, ob wir irgendwie gestritten haben oder so, ob ich irgendeine Anmerkung gemacht habe, die er vielleicht hätte auf sich projizieren können. Dem war aber nicht so.
Vor Gericht diagnostiziert ein Sachverständiger bei Hartmut L. eine paranoide Schizophrenie. Zum Tatzeitpunkt habe er nicht mehr zwischen richtig und falsch entscheiden können.
Besonderheit ist hier, dass der Beschuldigte möglicherweise schuldunfähig ist, also für die Tat möglicherweise begangen hat, nicht bestraft werden kann.
Und tatsächlich: Das Gericht stuft den 43-Jährigen als schuldunfähig ein und ordnet einen dauerhaften Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik an.
Es gibt keine angemessene Strafe für das, was er getan hat. Das ist definitiv so, es ist aber schon das Beste, was man aus der Situation hätte holen können.
Aktuell muss Liliana noch jeden Tag zur Reha. Außerdem soll ihr eine Traumatherapeutin dabei helfen, nicht nur die körperlichen, sondern auch die seelischen Wunden zu verarbeiten.