Morgens, mittags abends reicht ihm nicht. Oliver Köthen könnte ständig essen, nicht aus Langeweile – sondern weil sein Körper ihm kaum ein Sättigungsgefühl signalisiert.
„Also, meine Probleme sind ganz klar: Süßgetränke, Schokolade. Was bei mir auch nicht fehlen darf, ist was Süßes, ein Pudding."
Das Verlangen nach Süßem begann nach einer Hirntumor-Operation. Mit 16 ließ sich Oliver einen speziellen, aber gutartigen Tumor, entfernen.
„Also ich bin quasi aus der Operation aufgewacht und hatte Verlangen auf Süßes. Dann hat meine Mutter, sie hat gedacht: ,Ach, sie tut dem Jungen was Gutes' und hat eine Banane mitgebracht. Ich habe meine Mutter angeguckt und habe gemeint: ,Was will ich damit? Ich brauche richtigen Zucker, was Süßes.'"
Der Schock: Nach der Operation entwickelt Oliver Köthen eine hypothalamische Adipositas. Eine seltene Form der Gewichtszunahme, die durch eine Schädigung des Hypothalamus im Gehirn entsteht. Ein lebenswichtiger Teil des Zwischenhirns, der unter anderem Hunger, Sättigung und den Energiehaushalt steuert. 30 bis 75 Prozent der Betroffenen entwickeln nach dieser speziellen OP dieses Krankheitsbild und müssen ein Leben lang damit leben.
„Er hatte einen Tumor, für den er nichts kann, für den niemand was kann. Dieser Tumor musste operiert werden und diese Operation hat leider einen Schaden hinterlassen."
Von 60 auf fast 160 Kilo - binnen kurzer Zeit. Diäten zwecklos. Oliver Köthen ist machtlos, lässt sich sogar den Magen verkleinern, nimmt seit einigen Wochen die Abnehmspritze.
„Also Ozempic hat am Anfang gut geholfen. Das Gewicht ging runter. Aber wie bei allem: Irgendwann setzt dann der Gewöhnungseffekt ein und mittlerweile esse ich fast wieder normal, sage ich mal."
Aktuell wiegt er 134 Kilo. Mehr Sport könnte ihm sicherlich helfen, so sein Arzt, das Problem alleine aber nicht lösen. Seit Jahren nimmt er ein Medikament gegen die spezielle Krankheit, doch der Erfolg bleibt weitestgehend aus. Zudem: „Dieses Medikament wird nicht ersetzt von der gesetzlichen Krankenkasse. Jetzt gibt es ein neues Medikament auf dem Markt, das Setmelanotid. Auch diese Substanz wird von der Krankenkasse nicht erstattet. Und da sprechen wir jetzt im Moment schon von Kosten, die ein Normalsterblicher sich nicht leisten kann."
Konkret wären das Zehntausende Euro pro Jahr. Der Grund, weshalb Krankenkassen das Medikament bisher nicht übernehmen, ist eine gesetzliche Regelung, nach der solche Präparate als sogenannte Schlankheitsmittel ausgeschlossen sind. Für den Patienten wie Oliver Köthen bedeutet das: Er muss um eine Einzelfallentscheidung kämpfen. Mit dem Ziel: endlich die Therapie zu bekommen, die ihm helfen könnte.