Die Folgen früher Demenz: Dieser Mutter-Tochter-Moment wird von einem tragischen Schicksal überschattet
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Auf den ersten Blick ist es einfach ein fröhlicher Moment zwischen Mutter und Tochter. Doch hinter dem Lachen verbirgt sich ein bewegendes Schicksal. Silke lebt seit ihrem 33. Lebensjahr mit Demenz. Sieben Jahre nach unserem ersten Besuch zeigt sich, wie sehr die Krankheit ihr Leben verändert hat – und welche Angst sie bis heute begleitet. Die ganze Geschichte seht ihr auch oben im Video.
Eine erwachsene Frau, die sich zurückentwickelt zu einem Kind und ihre Umwelt nicht mehr versteht, alles vergisst – dieser Spot soll veranschaulichen, wie hilflos sich Demenzkranke fühlen – Menschen wie Silke aus Castrop-Rauxel. Wir treffen die 58-Jährige mit ihrem Ehemann Kalle, der Silke bei vielen alltäglichen Aufgaben hilft.
Silke: „Auch wenn die Farben unterschiedlich sind. Ich muss mich dabei richtig konzentrieren. Dann guck noch mal, bitte. Stimmt?”
Kalle: „Ja, ist in Ordniung.”
Silke: „Seitdem ihr letztes Mal da ward, hat sich die Motorik verschlechtert. Mein Denken verschlechtert, das Termin merken verschlechtert.”
Vor sieben Jahren haben wir Silke kennengelernt. RTL-Moderatorin Roberta Bieling besuchte die Frührentnerin. Wir zeigen ihr die alten Aufnahmen heute noch einmal.
Roberta Bieling damals: „Wie hast du gemerkt, dass du diese Krankheit hast?”
Silke damals: „Irgendwie als wäre man manchmal da und manchmal irgendwo, nicht mehr so in der Realität.”
Schon mit 33 Jahren bekam Silke die Diagnose „Demenz“ mit einer Lebenserwartung von gerade mal 15 Jahren.
Roberta Bieling damals: „Wie war der Moment, als du verstanden hast: Ich bin jetzt 33 und ich bin dement. Das kann man doch erst gar nicht glauben, oder?”
Silke damals: „Ich habe es nur geschafft, indem ich gesagt habe: Nicht die Krankheit beherrscht mich, sondern ich beherrsche die Krankheit. Und nur so habe ich den Kampf aufgenommen.”
Die alten Bilder zu sehen, setzt Silke sichtlich zu. Alles ist wie ein Nebelschleier, sagt sie uns.
RTL-Reporter: „Kannst du dich daran noch erinnern?”
Silke: „Nein. Ich weiß, dass ich mit Roberta bei Kaufland war, aber alles andere war auch nicht wirklich viel. Kann ich eine rauchen? Ich – nein.”
Silke: „Ich muss es mir nicht angucken. Ich muss mich nicht selber sehen. Jetzt das zu sehen, das – da war meine Welt noch in Ordnung, wie gesagt.”
Kalle: „Es ist schwer zu sehen, dass sie immer mehr abbaut. Aber ich muss es akzeptieren. Ich kann ja nichts dagegen machen.”
Heute ist Silke sieben Jahre älter. Mit Kalle ist sie noch immer zusammen. Aber sie haben zwei Wohnungen – wenige Kilometer voneinander entfernt. Denn ihre gesundheitliche Situation sorgte für Spannungen.
Silke: „Wir verstehen uns jetzt durch den Auszug von ihm besser. Wir harmonierenl mehr, aber halt so Kleinigkeiten, wo man sich nicht mehr versteht. Er macht seine Sachen, ich mache meine Sachen. Wir sind zu sehr auseinandergedriftet.”
Deshalb bekommt Silke mittlerweile Hilfe von einer Betreuerin. Silvia kommt dreimal die Woche vorbei und sie hilft bei Anträgen an Ämter, beim Einkaufen, eben allem, was gerade ansteht. Silvia ist seit zwei Jahren an Silkes Seite. Heute kümmert sich die Sozialarbeiterin um einen Antrag bei der Stadt.
Silvia: „Das ist einmal die Geschichte vom LWL, Inklusionsamt, ja.”
Silke: „Wie gesagt, du guckst da mit, ja.”
Silvia: „Ja.”
Silke will so lange wie möglich selbstständig bleiben und genau dabei hilft ihr Silvia. Vor sieben Jahren konnte Silke das alles noch alleine.
Silvia: „Mach langsam. Wir haben Zeit. Wir kennen uns jetzt schon einige Monate.”
Silke: „Es muss ein gewisses Vertrauensverhältnis. Wenn das Vertrauensverhältnis von Anfang an nicht gegeben ist oder die Chemie nicht stimmt, dann wäre sie jetzt nicht mehr hier.”
Silvia: „Genau.”
Silke: „Und wenn sie mich nicht so akzeptieren würde, wie ich bin.”
Eine weitere Verschlechterung. Ihre Muskelkraft. Die Treppe ins Erdgeschoss wird mehr und mehr zur Hürde.
Silke: „Ich komme nicht hoch und nicht runter wegen – mir rutscht dieses Bein weg und ich muss aufpassen, wenn ich keinen Halt finde, dass ich dann nicht die Treppe runterknalle.”
Wie ernst es um ihre Muskelkraft steht, zeigt sich kurz danach als wir sie beim Spaziergang filmen.
RTL-Reporter: „Was ist passiert?”
Kalle: „Die Kante.”
Silke: „Er hat nicht geguckt. Nimm doch den Rollator erst einmal weg. Das ist, weil der Mann nicht geguckt hat.”
Kalle: „Nein, weil er dachte, dass er über die kleine Kante drüber weg kommt.”
RTL-Reporter: „Warum fällst du denn öfter?”
Silke: „Gleichgewichtsstörungen kommen auch von der Demenz. Jetzt kann ich aber nicht mehr lange laufen. Jeder Mensch ist anders. Jede Form ist anders. Jeder Verlauf ist anders. Und kein Arzt, egal welcher Arzt, kann nicht voraussehen, was passiert.”
Dann dürfen wir bei etwas dabei sein, worauf sich Silke immer wahnsinnig freut: Sie trifft ihre Tochter Letty, aus einer früheren Beziehung. 15 Jahre ist sie jetzt alt, geboren zehn Jahre nach Silkes Diagnose – sie teilt sich mit dem Vater das Sorgerecht. Die Momente mit ihrer Tochter sind etwas ganz Besonderes.
Silke: „Ja, klar. Alles, was mit meiner Tochter zu tun hat, ist schön. Es hält am Leben, hält jung und fit. Und man kann noch –”
Silke: „Tschuldigung!”
Letty gibt ihr neuen Lebensmut.
Silke: „Das Schlimmste für mich an meiner Krankheit ist, dass ich meine Kinder nicht mehr erkenne – und meine Enkelkinder. Das wäre für mich das Schlimmste. Die Angst ist da, und die beherrscht einen auch. Das wird irgendwann passieren. Aber so weit will ich gar nicht denken und werde ich auch nicht denken.”
Silke versucht, jede Erinnerung abzuspeichern, sie festzuhalten, so gut es geht UND noch mehr: Sie will aufklären und Betroffenen Mut machen. Also macht sie regelmäßig Livestreams bei TikTok: „Gemeinsam sind wir stärker“, das ist ihr Motto.
Silke: „Also, ich gehe jetzt live. Hallo, Doris, wie geht’s dir? Ja, ich wünsche dir auch ein schönes Wochenende, Markus. Hallo, Rüdiger. Das ist Andrea, eine Freundin von mir.”
Silke: „Also, ich bin bei TikTok, um die jungen Menschen aufzuklären. Ich sage mal, gerade wenn man das jung bekommt, kann man noch viel machen. Man braucht einfach nur die vernünftigen Leute und die richtigen Leute an seiner Seite.”
Auch ihren ganz persönlichen Mut-Song teilt sie mit allen – und gibt so auch anderen Kraft, trotz der Krankheit einfach immer weiterzumachen. Denn eins scheint sie nie zu vergessen: ihren unerschütterlichen Optimismus.
