Herr Hörning, Sie vertreten Hinterbliebene von Stade. Wie war da die Reaktion auf den Suizid des Täters?
Also in allererster Linie Fassungslosigkeit, weil man mit sowas natürlich überhaupt nicht gerechnet hat. Und das in einer Phase, wo das Ereignis an sich, dieses schreckliche Ereignis vom 29. Juni noch so präsent ist, als wäre es gestern gewesen für die betroffenen Familien. Und jetzt diese Hiobsbotschaft zu wissen, dass es zu keinem Prozess kommen kann gegen den mutmaßlichen Todesschützen, ist tatsächlich ein großer Schock gewesen.
Sie haben es schon angerissen. Es wird jetzt nicht mehr zu einem Prozess kommen. Fehlt den Hinterbliebenen damit dann auch irgendwo die Möglichkeit, mit dem Ganzen abzuschließen?
Es fehlt insbesondere die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Nicht wissend, ob dieser Angeklagte, wenn er im Prozess gesessen hätte, Fragen beantwortet hätte. Das steht auf einem anderen Blatt. Aber die Hoffnung ist immer damit verbunden. Insbesondere die Frage nach dem Warum. Und so ein Prozess dient in aller Regel auch der Aufarbeitung, der Verarbeitung, Informationen zu erhalten, Fragen stellen zu können und am Ende natürlich auch auf ein gerechtes Urteil hoffen zu können, das sicherlich auch Genugtuungsfunktion hätte. Dazu wird es nicht kommen und das ist für viele tatsächlich unerträglich.
Wie kann es denn aus rechtlicher Sicht für die Hinterbliebenen jetzt überhaupt weitergehen?
Also die Hinterbliebenen sind natürlich darüber informiert, dass es in dem Verfahren zwei weitere Beschuldigte gibt, nämlich die Frau, die den Schützen zum Tatort gefahren hat und die Kindsmutter. Und das wäre so ein kleiner Rettungsanker für die Hinterbliebenen, vielleicht zu wissen, dass es dann doch zu einem Prozess kommt, wo man vielleicht dann doch die eine oder andere Frage stellen kann und eventuell das Gefühl hat, dass man jetzt auch selber aktiv noch etwas tun kann, sich beteiligen kann. Im Moment ist mehr oder weniger Schockstarre, weil man davon ausgeht, es ist jetzt alles vorbei. Das Verfahren wird eingestellt und wir sind völlig alleingelassen. Und das ist ein schrecklicher Zustand. Vermutlich.
Herr Hörning, vielen Dank für das Gespräch.